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Oft am Rande der Kapazitäten

Hat COVID-19 über die Pandemie hinaus Auswirkungen auf die Krankenhaushygiene? Wenn ja, welche? Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold, Med Uni Graz, im großen Interview. Es dürfe jedenfalls nicht passieren, „dass man nach Corona sagt, jetzt habe man mit dem bestehenden Personalschlüssel eine Pandemie geschafft, dann müsse alles danach ja locker zu schaffen sein.“

Text: Hansjörg Preims

Reinigung aktuell: Frau Prof. Grisold, wird sich die Einstellung zur Krankenhaushygiene im Sinne einer zusätzlichen Bewusstseinsschärfung verändern? Und wenn ja, welche Veränderungen könnten das konkret sein?

Andrea Grisold: Die Bedeutung der Krankenhaushygiene ist gerade in Zeiten von COVID-19 sehr klar deutlich geworden. Neben den Intensivmedizinern bzw. dem gesamten medizinischen Personal auf COVID-Einheiten sind es sicher die Krankenhaushygieniker bzw. die Hygieneteams, die in diesen Tagen besonders gefordert sind. Noch sehr lange werden wir in unseren Köpfen jene Bilder haben, in denen all die Menschen in Schutzanzügen sich um COVID-19-Patienten gekümmert haben. Dass es jemals einen Mangel an Masken oder Desinfektionsmitteln geben könnte, war unvorstellbar, COVID-19 hat uns aber gezeigt, was es bedeutet, wenn gerade diese Dinge ausgehen.

COVID-19 hat jedenfalls einmal mehr aufgezeigt, dass besonders die Basishygiene von großer Bedeutung ist. Im Alltag sind dies das regelmäßige und häufigere Händewaschen und das Einhalten der Hustenetikette – mit Husten bzw. Niesen in die Ellenbeuge. Im klinischen Alltag hat die Einhaltung der 5 Momente der Händehygiene bzw. hat die häufigere Desinfektion von Kontaktflächen wieder mehr an Bedeutung gewonnen. Auch die strikte Einhaltung von Isolierungsmaßnahmen, die gerade bei Tröpfcheninfektionen von Bedeutung sind, wird gezwungenermaßen mehr beachtet. Derzeit sieht man zum Beispiel kaum mehr Personen, die ihren Mund-Nasen-Schutz unter der Nase tragen, sondern diese Masken werden nun richtig getragen – denn nur so bieten Masken auch einen Schutz. 

Reinigung aktuell: Wird auch die allgemeine Reinigung im Krankenhaus (OP, Patientenzimmer, Allgemeinflächen..) Veränderungen merken?

Grisold: Prinzipiell ist das Corona-Virus kein besonders widerstandfähiges Virus – es gehört zur Gruppe der behüllten Viren und wird damit durch die gängigen Desinfektionsmittel sofort abgetötet. Im täglichen Alltag passiert dies durch Reinigung mit gleichzeitiger Verwendung von Seife bzw. in der Waschmaschine durch die gleichzeitige Verwendung eines Waschmittels. 

Da SARS-CoV-2 auch durch Schmierinfektion übertragen werden kann, hat man in den letzten Wochen auch verstärkt das Augenmerk auf die sog. Kontaktflächen gerichtet, das heißt, alle Oberflächen, die besonders häufig angegriffen werden, werden zurzeit auch häufiger desinfiziert. Dies sind zum Beispiel die Türschnallen, Tastaturen und in Patientenzimmern patientennahe Oberflächen. Sich um diese Oberflächen verstärkt zu kümmern, ist nicht nur in Zeiten von Corona von Bedeutung, sondern kann das ganze Jahr über dazu beitragen, Schmierinfektionen bzw. nosokomiale Infektionen zu reduzieren.

Reinigung aktuell: Könnte es sein, dass Hygieneverordnungen für das Krankenhaus überarbeitet werden (müssen)?

Grisold: Krankenhäuser haben für so gut wie alle Situationen grundlegende Hygieneempfehlungen, die in Varianten auf die Grundbedürfnisse und Gegebenheiten der Häuser ausgerichtet sind. Fachrichtlinien regeln hier die Hygienemaßnahmen, angefangen von der Hände- und Flächendesinfektion, den Isolierungsmaßnahmen bei diversen Grunderkrankungen bis hin zur Hygiene im OP. Eines der größten Probleme ist aber, dass meist aus zeitlichen bzw. personellen Ressourcen nicht immer alles auch eingehalten wird bzw. werden kann. Dies beginnt bei fehlenden Stationsärzten, zu wenigen Krankenhaushygienikern bzw. Infektiologen bis hin zum Outsourcing von Wäsche oder Reinigungspersonal. Besonders am Rande seiner Kapazitäten ist aber auch das Pflegepersonal. Was in den Diskussionen nicht passieren darf, ist, dass man nach Corona sagt, „Jetzt haben wir mit dem bestehenden Personalschlüssel eine Pandemie geschafft, dann muss alles danach ja locker zu schaffen sein.“

Reinigung aktuell: Warum musste – laut ORF – zum Beispiel im Uniklinikum Salzburg der Personalstand für Reinigung und Desinfektion massiv erhöht und die Reinigungsfrequenz verstärkt werden? Wurde bisher zu wenig gereinigt und desinfiziert? Oder wenn es diesen erhöhten Bedarf nur in der Corona-Krise gibt – warum? Inwiefern erhöhter Bedarf?

Grisold: Zur Situation in Salzburg kann ich nichts sagen, da ich das Haus außer von Besuchen nicht näher kenne. Dass man in Ausbruchssituationen – und als solche gehört Corona sicher dazu – insbesondere die Frequenz der Flächendesinfektion erhöht bzw. verstärkt ein Augenmerk auf Händedesinfektion legt, ist aber ein normales Vorgehen. Als weitere Beispiele seien hier aber auch Durchfallserkrankungen wie C. difficile oder Noroviren angeführt.

Reinigung aktuell: Von zentraler Wichtigkeit für die Krankenhaushygiene ist die Händehygiene. Ist bisher unterschätzt worden, welches Präventivpotenzial richtiges Handhygiene-Verhalten hat, bzw. muss noch stärker als bisher dafür gesorgt werden, dass im Krankenhaus tätiges Personal die Händehygiene-Regeln einhält (Studien in Deutschland sollen jedenfalls ergeben haben, dass diese Regeln viel zu wenig beachtet werden)? Wenn ja, wie könnten entsprechende Mängel abgestellt werden?

Grisold: Die Bedeutung der Händehygiene ist seit Zeiten von Semmelweiß bekannt, allein in der Umsetzung besteht definitiv immer noch Luft nach oben. Um die Compliance der Händehygiene zu heben, gibt es Aktionen, wie den Tag der Händehygiene oder ähnliches. Dadurch, dass viele das Gefühl haben, dass sie sowieso wissen, wie und wann Händehygiene durchgeführt werden soll, ist die Begeisterung für dieses Thema nicht besonders groß. In Zeiten von Corona hat Händehygiene aber sicher einen neuen und deutlich positiven Touch bekommen.

Reinigung aktuell: Ein heikles Thema ist, ob zur Verbesserung der Handhygiene von Krankenhauspersonal auch die Patienten mit einbezogen werden sollten, indem sie das Personal entsprechend „ermahnen“? Was ist Ihre Meinung dazu?

Grisold: Diese Herangehensweise, die auch als „Patient Empowerment“ bezeichnet wird, wird sehr differenziert betrachtet. Während die einen dies als sehr positiv sehen („Hier erinnert mich jemand daran, dass ich in der Hektik eventuell auf Händehygiene vergessen habe“), empfinden dies viele als „vernadern“. Meiner Meinung kann man es nicht Patienten überlassen, zu beurteilen, wann Händehygiene durchgeführt werden muss und wann nicht. Mit all dem Wissen zum Thema Händehygiene liegt es an uns als Experten, dies auch zu tun bzw. unsere eigenen Kollegen und Mitarbeiter immer und immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wenn Verbesserungspotential besteht.

Reinigung aktuell: Sollte auch auf das Händehygiene-Verhalten von Besuchern im Krankenhaus genauer geachtet werden? Zum Beispiel die Besucher darauf hinweisen, den Kontakt ihrer Hände mit sensiblen Bereichen des Patienten wie Schläuchen, Zugängen, Verbänden oder seinen Sanitärutensilien zu vermeiden oder sich vorher die Hände zu desinfizieren?

Grisold: Hier ist die Antwort definitiv ein JA – beim Eingang zu Stationen bzw. zu Patientenzimmern sollten bzw. werden Besucher ja auch schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, sich die Hände zu desinfizieren. Dasselbe gilt für alle anderen oben angeführten Materialien wie Infusionsschläuche oder Verbände. Ebenso sollten Besucher, die vielleicht selbst gerade etwas krank sind und zum Beispiel eine leichte Verkühlung oder Durchfall haben, auf keinen Fall einen Krankenbesuch abstatten. 

Reinigung aktuell: Sollte sogar das Mitbringen von Blumen, Lebensmitteln oder anderen Dingen nur nach Rücksprache mit den behandelnden Teams erfolgen?

Grisold: Das kommt ganz auf die Station bzw. auf die Grunderkrankung des Patienten und auch auf die lokale Situation an – Immunsupprimierte sind anders zu sehen als Patienten nach kleinen OP-Eingriffen. Liegt der Patient in einem Mehrbettzimmer, kann der Geruch einzelner Blumen oder bei einer Allergie andere Patienten des Zimmers belasten – man sollte sich solche Mitbringsel also wirklich gut überlegen und besser in einen Willkommengruß nach der Entlassung des Patienten investieren. Das heißt: zur Abstimmung von dem Krankenhausteam ein definitives JA.

Reinigung aktuell: Wäre es aus Hygieniker-Sicht sinnvoll, auf inländische Hersteller zu setzten? Wenn ja, in welchen Bereichen (Desinfektion, Masken, andere Reinigungs- und Hygieneprodukte …)?

Grisold: Die aktuelle SARS-CoV-2 Situation hat uns aufgrund der Pandemie-Situation an den Rand der Kapazitäten gebracht – beinahe gleichzeitig wollen weltweit alle Länder Masken bzw. Schutzanzüge, auch die Lieferung von Desinfektionsmitteln war schwierig. Zwar war es erfreulich, dass in diesen Zeiten bzw. nach einer Schrecksekunde plötzlich auch lokale Firmen Masken oder Schutzanzüge produzieren konnten. Dass nun alle Länder plötzlich ausschließlich für sich selbst verantwortlich sein sollen, ist meines Erachtens nicht realistisch. Manche Länder könnten dies auch gar nicht, Österreich ist hier sicher in einer privilegierten Situation. Dort wo sich nun lokal produzierte Produkte einen Markt schaffen, wird man vielleicht dabei bleiben, das werden meines Erachtens aber Einzelfälle bleiben. Mit Öffnen der Handelswege wird sich die Zulieferung wieder normalisieren. Der Handel medizinischer Produkte ist eingebettet in ein internationales Handelsnetz, mittelfristig wird das auch so bleiben.

Reinigung aktuell: Wie würden Sie einen KH-Hygiene-Schlusssatz formulieren? „Wir haben gelernt …“

Grisold: Wir haben gelernt, dass Hygiene auch im Alltag ankommen muss.

Reinigung aktuell: Zur Krankenhaushygiene allgemein – Reinigung im Krankenhaus erfolgt in Abstimmung mit dem Hygieneteam. Wie sieht diese Abstimmung idealerweise aus? Und wird das Ihrer Erfahrung nach in der Praxis auch so gelebt, wie es idealerweise sein sollte?

Grisold: Die Abstimmung mit dem Hygieneteam ist in den meisten Fällen da. Ein großes Problem stellt aber die hohe Fluktuationsrate insbesondere beim Reinigungspersonal dar. 

Reinigung aktuell: Gibt es aus Ihrer Sicht unterschiedliche Erfahrungen mit hauseigenen Reinigungskräften einerseits und Reinigungskräften einer Fremdfirma andererseits, was die Reinigungsqualität betrifft? Wenn ja, was wäre eine Erklärung dafür?

Grisold: Die Reinigungsqualität per se hängt immer von den handelnden Personen, im Besonderen meines Erachtens aber vom Zeitkontingent ab. Insbesondere bei externen Reinigungsfirmen gibt es eine hohe Fluktuationsrate, aber auch die häufig wechselnde Zuteilung in den verschiedenen Schichten führt dazu, dass Reinigungspersonal häufig nicht kontinuierlich einem Bereich zugeteilt ist, sondern jeden Tag woanders reinigt. Dadurch geht die Kontinuität, die gerade für diesen Bereich von großer Bedeutung ist, verloren.

Reinigung aktuell: Laut einer amerikanischen Studie (Litwin et al., 2016) kommen in US-amerikanischen Krankenhäusern mit externen Reinigungsunternehmen höhere Infektionsraten mit dem Bakterium Clostridium difficile vor als in Krankenhäusern mit Inhouse-Reinigung. Was in der Studie darauf zurückgeführt wird, dass Outsourcing mit geringerer Qualifizierung der Reinigungskräfte und geringerer Einbindung der Dienstleistung in das Krankenhaus einhergehe. Demgegenüber heißt es zum Beispiel in einer deutschen Studie, eine sinkende Qualität der klinischen Reinigung könne nicht einfach auf geringere Qualifizierung von externen Anbietern zurückgeführt werden, sondern sei eher nur mit einer fehlenden Einbindung in das Hygienemanagement des jeweiligen Krankenhauses zu erklären. Wie sehen Sie das?

Grisold: Beide Studien können ihre Aussagen belegen und treffen einen wunden Punkt im Reinigungssektor. Der effektiven Reinigung kommt im Krankenhaus eine immense Bedeutung – gespart wird hier aber manchmal an der falschen Stelle, nämlich an einer regelmäßigen Schulung des Reinigungspersonals und an einem ausreichenden Personalschlüssel. 

Reinigung aktuell: Inwieweit nimmt ein Krankenhaus auch im Falle einer Reinigung durch eine Fremdfirma Einfluss auf die zu verwendenden Arbeits-, Reinigungs- und Desinfektionsmittel?

Grisold: Das Outsourcing der Reinigung bzw. die Vergabe an eine externe Firma basiert auf der Vorgabe eines sogenannten Pflichtenhefts, mit einer Reihe von Vorgaben, auch der Desinfektionsmittel bzw. Desinfektionsmittelklassen. Ab dem Zuschlag an eine Reinigungsfirma passiert aber häufig keine Kontrolle mehr – das Hygieneteam ist für die Fremdfirma arbeitsrechtlich nicht mehr wirklich zuständig, auch von Seiten der Fremdfirma fehlt dann die Beratung. Aus eigener Erfahrung sei hier das Beispiel angeführt, dass ein Impfschutz für das Reinigungspersonal zwar im Pflichtenheft war, dann aber weder vom Arbeitsmediziner des Krankenhauses (da arbeitsrechtlich nicht zuständig) noch von der Firma durchgängig kontrolliert wurde (da das Pflichtenheft dem dortigen Arbeitsmediziner gar nicht vorgelegt wurde). Erst ein konkreter Vorfall hat hier zu einem anderen Vorgehen geführt.

Reinigung aktuell: Sehen Sie aus Hygiene-Sicht bei der Reinigung im Krankenhaus Verbesserungspotenziale in den Arbeitsabläufen, der Ausstattung, der Händedesinfektion und/oder im Wissen über Gefährdungen?

Grisold: Generell sehe ich bei der Reinigung im Krankenhaus viel Bemühen, es gut und wo möglich besser zu machen. Nichtsdestotrotz gibt es immer noch einiges Verbesserungspotential. Händehygiene im gesamten medizinischen Bereich ist und bleibt ein Thema. Die Desinfektion von Kontaktflächen wird nach Corona einen anderen Stellenwert haben und ihn auch eine Zeitlang behalten. Mit Corona sind vermehrt Händedesinfektionsspender aufgestellt worden, die bleiben sollten. In jedem Fall ist in eine regelmäßige Schulung des Reinigungspersonal zu investieren. Reinigen im Krankenhaus ist nicht einfach nur putzen, sondern effektive Reinigung bedeutet auch mitzuhelfen, Krankenhausinfektionen zu verhindern.


Univ. Prof. Dr. Andrea Grisold, MBA, ist Leiterin des Bereichs Krankenhaushygiene und Impfungen an der Medizinischen Universität Graz


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