Round table zum Thema Tagreinigung mit Ursula Woditschka, Gewerkschaft VIDA, Gehard Komarek, Bundesberufsgruppensprecher, Karin Sardadvar, Soziologin und Arbeitsforscherin, Universität Wien, und Christof Paterno, Vertriebsleiter FM bei WISAG und Verfasser der Master-Thesis „Tagesreinigung als Chance? Eine Untersuchung zu den Vor- und Nachteilen von Tagesreinigung“.
Reinigung aktuell: Die Tagreinigung (*) ist eines der Themen, welche die Branche schon lange begleiten. Frau Dr. Sardadvar forscht seit Jahren, Herr Paterno hat eine Masterarbeit zu diesem Thema geschrieben, für die Gewerkschaft ist es ein wichtiges Thema, die Wirtschaftskammer ist diesbezüglich ebenfalls engagiert. Dazu zwei Fragenblöcke: Was sind eigentlich die Benefits der Tagreinigung? Und: Warum hat sich diesbezüglich noch immer nichts getan hat?

Gerhard Komarek: Die Betriebe würden sich Tagreinigung sehr wünschen, weil es natürlich für den Objektleiter viel einfacher ist, eine Kraft zu finden, die ab 9 Uhr beginnt und nicht schon um 6. Auch wenn eine Kraft ausfällt, ist es einfacher, um halb neun einen Ersatz zu finden als um halb fünf in der Früh. Das Zugehörigkeitsgefühl, das Verständnis für die Arbeit, die Motivation und Integration sind bei der Tagreinigung viel größer. Somit würden auch die Betriebe davon profitieren. Die Bundesinnung hat gemeinsam mit unterschiedlichen Arbeitsgruppen versucht, das zu unterstützen – mit unterschiedlichen Flyern und einem „Report Tagreinigung“. Wir haben die Firmen über die Vorteile der Tagreinigung und über die Möglichkeiten auch fürs Personal informiert. Aber es stellt sich heraus, dass es nicht so einfach ist. Es stellt sich die Frage, welches Objekt es ist und wie das Objekt genutzt wird. Es gibt auch Objekte, zum Beispiel in der Industrie, wo tagsüber die Produktion läuft und man daher zeitgleich eher schlecht reinigen kann. Aber es gibt ganz viele Bereiche, wo die Tagreinigung einfach umsetzbar wäre.
Auch aufgrund von Rückmeldungen auf eine Befragung, die wir unter den 50 größten Betrieben kurzfristig gemacht haben, hat sich herausgestellt hat, dass es hier unterschiedliche Probleme gibt:
- Das eine ist das Personal, das schlecht Deutsch spricht und gar nicht untertags arbeiten will, weil es nicht in die Situation kommen möchte, mit dem Kunden kommunizieren zu müssen.
- Das zweite Problem ist, dass der Auftraggeber selbst Tagreinigung für eine gute Idee mit all ihren Vorteilen hält und auch entsprechend umstellt. Dann stellt sich aber heraus, dass die Mitarbeiter des Betriebes das Reinigungspersonal gar nicht sehen wollen. Es ist ein Problem, dass die Entscheidungsträger Verständnis für die Thematik haben, nicht aber die Mitarbeiter.
Im Krankenhaus oder in vielen Bereichen, wo es gar nicht anders geht, ist es Usus. Wir sind jedenfalls bemüht und es hat sich auch schon vieles getan beispielsweise bei der BBG oder beim AMS. Ich war vor vielen Jahren bei Minister Hundstorfer im Ministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz und habe interveniert – im Ministerium gab es 40 Reinigungskräfte von 6 bis 9 Uhr. Der Vorschlag war, statt 40 von 6 bis 9 Uhr alternativ 20 von 6 bis 12 Uhr oder von 9 bis 15 Uhr zu beschäftigen. Das wurde dann auch entsprechend umgestellt. Man muss also die Zuständigen auch ein bisschen ermahnen und das Augenmerk auf das Thema lenken. Dadurch kann man schon einiges auf den Weg bringen. Aber es sind eben viele Aspekte zu berücksichtigen, das Personal, der Kunde und ob es das Objekt überhaupt zulässt. Aber grundsätzlich ist es machbar.
Reinigung aktuell: Frau Woditschka, die Benefits …
Ursula Woditschka: Die Benefits sind auf jeden Fall einmal die gesellschaftliche Teilhabe. Das geht von öffentlich zugänglicher Kinderbetreuung bis zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, mit anderen Kollegen die deutsche Sprache zu lernen und mit den Leuten besser zu kommunizieren, anerkannt zu werden, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. In der Reinigung sind ja vorwiegend Frauen beschäftigt, viele von ihnen in Teilzeit und vor allem in den Tagesrandsegmenten. Die sollten zu mehr Arbeitszeit kommen und folglich auch zu einem höheren Einkommen, um ihr Leben leichter bestreiten zu können.
Christof Paterno: Benefits gibt es auf Seiten des Kunden als auch für das Dienstleistungsunternehmen. Dieses hat vor allem bessere Personalkennzahlen: weniger Fluktuation, bessere Möglichkeiten, Personal zu finden und zu halten, und am Ende eine höhere Leistungsqualität. Das sind die Kennzahlen, die beim Dienstleistungsunternehmen erkennbar sind. Und die Reinigungskräfte haben natürlich sehr viel weniger Stress, wenn sie nicht dreimal am Tag irgendwo pünktlich erscheinen müssen, sie können sich besser auf die Arbeit konzentrieren, haben weniger Leistungsdruck, sind flexibler in der Durchführung und fühlen sich allgemein besser integriert, wie bereits Frau Woditschka gesagt hat.

Karin Sardadvar: Zusammenfassend kann ich sagen, dass es potenziell Vorteile, Benefits für alle beteiligten Gruppen gibt: Erstens für die Reinigungsunternehmen, weil sie nicht alles in der Nacht organisieren müssen – möglicherweise hat das, wie Sie, Herr Paterno sagen, auch Auswirkungen auf die Fluktuation, auf die Krankenstände, auf die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen. Zweitens für die Kundenunternehmen, indem sie nicht jemanden bei sich im Haus haben, der sich alleine zurechtfinden muss, wenn niemand anderer da ist – es sind auch Sicherheitsthemen damit verbunden. Und, indem man eine Ansprechperson vor Ort hat und vieles andere mehr. Drittens für die Beschäftigten, zu denen wir auch sehr intensiv geforscht haben. Hier ist auch zu fragen: Was ist denn die Alternative? Das sind oft Arbeitszeiten an den Tagesrändern, ganz früh am Morgen oder dann am späten Nachmittag zum Abend hin, häufig verbunden mit geteilten Diensten. Und diese geteilten Dienste haben so tiefgreifende Auswirkungen auf das Sozial- und Familienleben der Beschäftigten, dass das allein ein wichtiger Grund ist, von diesen Arbeitszeiten wegzukommen. Isolation am Arbeitsplatz ist aus Beschäftigtensicht sicher auch ein wichtiges Thema respektive Kolleginnen und Kollegen zu haben, unter Menschen zu sein und nicht alleine in einem oft dunklen, einsamen Gebäude arbeiten zu müssen.
Reinigung aktuell: Seit vielen Jahren vernehmen wir, dass eigentlich alle für Tagreinigung sind, wir haben auch viele Bereiche, wo das praktiziert wird, im Krankenhaus, in der Hotellerie, nur in der Unterhaltsreinigung, so unser Eindruck, passiert nichts. Wieso ist das so? Ist das einfach nur Tradition? Oder ist etwas weitergegangen mit der Tagreinigung in den letzten zehn Jahren?
Komarek: Das Feedback der Unternehmen zum Thema Tagreinigung ist durchaus positiv und das Thema wird gut aufgenommen. Wir haben ja ein anderes Problem – unsere Branche hat mittlerweile 62.800 Beschäftigte in Österreich und die Mehrheit dieser Reinigungskräfte ist 50 Jahre und älter. Das heißt, die ganze Reinigungsbranche hat in fünf bis zehn Jahren sowieso ein Problem mit Personalmangel. Es MUSS sich da also etwas tun. Das AMS hat momentan 3.600 Arbeit suchende Personen, die in der Reinigung eingesetzt werden könnten. 40 Prozent davon können aber nachmittags ab 14 Uhr keine zusätzlichen Tätigkeiten annehmen. Es bedarf einer Änderung dahingehend, dass die Reinigungskräfte um 8.30 Uhr oder 9.00 Uhr beginnen – nachdem Kinder in den Kindergarten oder in die Schule gebracht wurden – und dann arbeiten bis 13.00 Uhr, 14.00 Uhr, 15.00 Uhr, je nachdem wie eine Kraft kann. Ich glaube, dass wir diese Änderungen unbedingt brauchen, um das Personal, das zukünftig in Pension geht, überhaupt ersetzen können. Darauf müssen sich die Kunden in den nächsten Jahren einstellen und vorbereiten. So wie es bis jetzt immer war, geht es nicht mehr. Ob das etwas ist, das sich so eingespielt hat oder nicht – in Wirklichkeit haben wir das Problem, dass es viele Reinigungskräfte gibt, die nicht gut Deutsch sprechen und daher Angst haben, mit dem Kunden sprechen zu müssen. Diese Gruppe arbeitet lieber, wenn niemand da ist.
Reinigung aktuell: Thema Personal, das aus sprachlichen Gründen lieber arbeitet, wenn niemand im Haus ist – wie will man dieses Problem lösen?
Komarek: Finanziert durch die Bundesinnung stellen wir den Reinigungskräften eine Lern-App zur Verfügung. In dieser sind 2000 Wörter aus dem Handbuch Reinigung integriert. Es sind bestimmte Sätze hinterlegt, und die haben wir mittlerweile nicht nur in den üblichen 21 Sprachen verfügbar, sondern auch in den nordafrikanischen. Wir wollen versuchen, viele andere Themen in der Aus- und Weiterbildung mehrsprachig anzubieten. Die Ampelkarte für die Hausbetreuung soll ebenfalls multilingual werden. Viele Reinigungskräfte finden die zwar super, können sie aber nicht lesen. Da arbeiten wir ganz intensiv dran. Allein voriges Jahr hat die Bundesinnung 80.000 Euro für sprachliche Übersetzungen bestimmter Kurse, bestimmter Abläufe ausgegeben.
Bei nordafrikanischen Reinigungskräften ist oft das Problem, dass 7 von 10 nicht oder nur schlecht alphabetisiert sind und auch in der eigenen Muttersprache nicht schreiben oder lesen können. Diesen Personen nützen schriftliche Hilfestellungen nichts. Hier ist es das Anliegen, die Informationen akustisch oder optisch zur Verfügung zu stellen. Dazu gibt es aktuell ein Projekt mit syrischen Personen in der Sonderreinigung, für welches sich auch der Österreichische Integrationsfonts und das Sozialministerium interessieren. Vielleicht ist das Projekt wegweisend auch für andere Branchen mit hohem Migrationsanteil wie beispielsweise die Baubranche. Ein großes Thema in der Aus- und Weiterbildung, durchaus auch branchenübergreifend.
Früher war es üblich, die Kommunikation mit den Reinigungskräften auf Deutsch zu führen. Das ist aber nicht mehr zeitgemäß, da der Gesprächspartner aufgrund der Sprachbarriere nur einen Bruchteil des Gesprochenen verstehen und noch weniger davon umsetzen kann. Ganz anders ist der Outcome, wenn die Information in der Muttersprache vermittelt wird.
Ob aus Ex-Jugoslawien, Rumänien, Polen oder Ungarn – viele, die in der Reinigungsbranche Fuß gefasst haben, konnten am Anfang nicht oder nicht gut Deutsch. Aber sie haben dann im Zuge der Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen sukzessive die Sprache gelernt, konnten sich besser integrieren. Viele haben so gut Deutsch gelernt, dass sie in andere Berufe wechseln konnten, und viele sind auch geblieben. Trotzdem gibt es hinsichtlich der Sprach- und Deutschkenntnisse noch viel Aufholbedarf.

Woditschka: Dem, was der Herr Komarek gesagt hat, möchte ich gar nicht widersprechen. Das ist der inhaltliche Teil, damit man sein Gewerbe besser versteht, nämlich auch in der eigenen Muttersprache, die man im Normalfall besser gelernt hat. Vom Verständnis her helfen Sprach-Apps, helfen Unterlagen in der Muttersprache etc. Aber es geht auch darum, sich wirklich unterhalten zu können, da geht es dann nicht darum, in einer Büroreinigung zu reden, mit welchen Reinigungsmitteln die Tischoberfläche gereinigt wird und wie oft man kommt usw., sondern da sollte zum Beispiel auch ein gutes Neues Jahr gewünscht werden können. Wir haben auch Türkinnen als Reinigungskräfte bei uns im Bürogebäude, und wenn ich mich mit denen unterhalte, weiß ich, dass die häufig nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Eine hat mich einmal um die Arbeitnehmerveranlagung gefragt, und ich habe versucht, ihr in einfachen Worten zu erklären, was notwendig ist. Aber sie hat mir in unterschiedlichen Formen mindestens fünfmal die gleiche Frage gestellt. Ich habe dann eine Kollegin, die türkisch spricht, ersucht, die Unterlagen, alles in Deutsch ausgedruckt, zu übersetzen. Da würde die Tagesreinigung mit der Zeit schon helfen, denn genau um das geht es. Die Kolleginnen an sich sind ja heute meistens so eingeteilt, dass nicht unterschiedliche Nationen in einem Team sind, sondern meistens die gleiche Nation in einem Team, und das muss man durchbrechen. Mit der Tagesreinigung sowieso, aber es gibt ja nicht nur deutschsprachige Kunden.
Reinigung aktuell: Sie meinen, dass man Teams mit gemischten Nationalitäten bevorzugen soll?
Woditschka: Ja, damit vorwiegend deutsch gesprochen wird!
Reinigung aktuell: Die sind aber aus einem spezifischen Grund gegründet worden …
Woditschka: Ja, aber diese Partien nach Nationalität gehören aufgelöst, damit die Menschen lernen, sich besser zu verstehen, aufeinander zuzugehen, auch Probleme untereinander zu verstehen. Und zum Thema Arbeitszeit bzw. Verlagerung in den Tag – das wird kommen, denn wie wir in anderen Branchen feststellen: Die jungen Menschen wollen nicht mehr unbedingt Vollzeitarbeitsplätze, die wollen nicht am Wochenende arbeiten, die wollen alles Mögliche nicht, und suchen sich auch solche Arbeitsplätze. Die werden auch irgendwann in der Reinigung aufschlagen und werden dann auch nicht von 6 bis um 8 oder von 17 bis 19 Uhr arbeiten wollen, das sind genau diese Zeiten, die jetzt schon bei den jungen Menschen verpönt sind. Daher wird der Druck auf alle, welche Reinigung bestellen, entsprechend steigen. Die Reinigungsfirmen sind im Grunde meistens schon so weit, entsprechende Gespräche mit den Auftraggebern zu führen und sie von den vielen Vorteilen einer Tagreinigung zu überzeugen. Ich hätte mir erhofft, dass auch mit dem Thema Homeoffice die Tagesreinigung noch schneller vorangehen müsste, das Gefühl habe ich aber nicht, und das müsste man wirklich mehr forcieren, das wird wahrscheinlich mit dem Generationswechsel dann schneller vonstattengehen.
Reinigung aktuell: Herr Paterno, Sie haben im Rahmen Ihrer Masterarbeit auch mit Kundenunternehmen gesprochen. Sind auch die Argumenten für Tagreinigung gegenüber aufgeschlossen?
Paterno: Die Kundenunternehmen sind gegenüber Argumenten aufgeschlossen, aber die Argumentation bzw. die Initiative muss vom Dienstleister kommen. Alle Unternehmen, die ich befragt habe, gaben an, dass der Dienstleister auf sie zugekommen ist, ihnen dieses System erklärt hat, sie die möglichen Vor- und Nachteile intern evaluiert haben und dann ein Versuch gestartet wurde. Und alle waren sehr zufrieden mit Umsetzung und Ergebnis. Es geht also, aber man darf diesen Prozess auch nicht unterschätzen, es muss das richtige Objekt sein, man sollte es in kleinen Schritten durchführen – also step by step – man muss immer bereit sein, Nachjustierungen durchzuführen.
Reinigung aktuell: Wieso ist es schwierig? Im Krankenhaus ist es einfach, im Hotelbetrieb ist es einfach …

Paterno: Naja, man muss den Kunden ja auch abholen. Man kann über den Kunden nicht drüberfahren, sondern muss mit ihm eine Lösung finden, die für alle passt und mit der alle zufrieden sind. Die Umsetzung beim Kunden sollte schrittweise erfolgen. Im ersten – wichtigsten – Schritt muss der Kunde seine Mitarbeiter informieren, was geplant ist. Das heißt, die Mitarbeiter wissen, was passiert, sie kennen das Ziel der Übung, sind über das Leistungsverzeichnis informiert, sie wissen es kommt ein neuer Prozess und sind dann nicht erstaunt, wenn plötzlich um 8 Uhr die Reinigungskraft ins Büro kommt und reinigen will. Der Kunde schafft intern Akzeptanz, indem er seine Mitarbeiter umfassend informiert und sie quasi zu diesem Projekt verpflichtet.
Seitens des Dienstleisters ist es wichtig, dass man sich bei Umstellung auf Tagreinigung möglicher Vertretungsproblematiken bewusst ist und mit dem Kunden vorab auch entsprechende Ersatzmodelle definiert, wie zum Beispiel: „Wenn wir eine 6-Stunden-Kraft nicht ad hoc ersetzen können, kommen stellvertretend am Abend zwei Kräfte, machen das Notwendigste und tags darauf bekommen Sie einen entsprechenden Ersatz.“
Reinigung aktuell: Wir haben vor vielen Jahren schon einmal über das Norwegen-Modell als Beispiel für gelungene Umsetzung von Tagreinigung gesprochen. Wie haben die das gemacht?
Sardadvar: Ja, Norwegen ist wirklich ein interessantes Beispiel. Ihre Eingangsfrage war ja auch, ist es Tradition? Warum ist es überhaupt so, dass die Arbeitszeit versteckt ist am Tagesrand? Und das Beispiel Norwegen bringt mich zu dem Schluss, dass es auch viel mit Gewohnheit zu tun hat. Im Krankenhaus wundert sich niemand, wenn die Reinigungskraft bei der Arbeit zu sehen ist. Oder wenn ein Handwerker hereinkommt, um kurz ein Kabel zu verlegen, ist das vielleicht nicht ideal, wenn gerade eine Besprechung ist, aber wenn die Büroangestellten normal am Schreibtisch sitzen, stört das niemanden, weil diese Arbeit einen höheren Status hat. Und das, finde ich, ist das Kernthema, nämlich welcher Status der Reinigungsarbeit zugeschrieben wird. In der Forschung, die wir gemacht haben, haben wir auch teilnehmende Beobachtungen gemacht, also nicht nur Interviewgespräche, sondern wir sind auch wirklich mitgegangen mit den Reinigungskräften und wollten genau sehen, was an Interaktion passiert. Und wir haben gesehen, dass diese Interaktion von Kundenseite oft nicht wertschätzend ist, sondern oft sogar abschätzig oder ignorant. Daher glaube ich, dass dieser Wunsch, nicht unbedingt mit Kundenkontakt arbeiten zu wollen, nicht nur oder nicht immer an mangelnden Sprachkenntnissen liegt, sondern da gibt es auch noch dieses Element des Abgewertetwerdens durch die Art des Verhaltens und der Sprache gegenüber der Reinigungskraft, wenn Leute zum Beispiel meinen, sie würde „im Weg stehen“. Und zu sehen ist eben auch, welcher Arbeit welcher Wert zugeschrieben wird. Das Kernthema, das es zu adressieren gilt, ist, dass die Arbeit der Reinigungskraft ebenso wichtig ist wie die der Büroangestellten. Diese Erwartung, dass die Reinigungskraft nicht gesehen und auch nicht gehört werden soll, ist übrigens ein großes Thema in unserer Forschung. Staubsauger, Geschirrklappern, solche Dinge, es geht auch nicht immer nur ums Sehen, tatsächlich geht es auch viel ums Hören. Diese Sichtweise kommt aus meiner Sicht aus der niedrigen Anerkennung, die die Reinigungsarbeit bekommt. Und das ist der Hauptpunkt, an dem angesetzt werden muss.
Woditschka: Richtig, es geht um die Wertigkeit der Arbeit. Die tägliche Büroreinigung ist scheinbar nichts wert. Selbst innerhalb der Reinigung geht man sehr unterschiedlich damit um. Dort, wo sie gesehen wird, wird sie auch wertgeschätzt, weil man weiß: Wenn die Hygiene im Spital nicht gewährleistet ist, leiden alle darunter. Wahrscheinlich wird es deswegen besser akzeptiert. In der Gastronomie ist rund um die Uhr verschiedenstes Personal unterwegs, da wird das einfach akzeptiert, weil es Gewohnheit ist. Also ich glaube, es ist weniger Tradition als vielmehr Gewohnheit, deswegen wird es auch akzeptiert werden.
Sardadvar: Ich möchte noch etwas ergänzend zu Norwegen sagen, zu dieser Gewohnheit, die dort geschaffen wurde: Sie sehen dort die Reinigungskräfte viel mehr als bei uns. Das ist auch im Alltag sichtbar, und das wäre auch mein Schluss für Österreich: Man muss irgendwo beginnen. Wo hat man in Norwegen begonnen? Im öffentlichen Sektor. Ein wichtiger Ansatzpunkt, um zu beginnen, wären also die Ausschreibungen des öffentlichen Sektors – oder auch deren Eigenpersonal, wenn sie welches haben – und der Aspekt, zu welchen Arbeitszeiten dort gearbeitet wird. Und so könnte nach und nach, Schritt für Schritt, sicherlich über Jahre, eine neue Gewohnheit entstehen, Reinigungskräfte bei ihrer Arbeit zu sehen. So ist es bis zu einem gewissen Grad in Norwegen passiert. Bei der Sprache haben sie sich dort auch einiges einfallen lassen. Dort kommen viele Personen in der Reinigung aus Osteuropa, und viele sprechen Englisch. Das war eine Lösung: auf Englisch statt auf Norwegisch zu kommunizieren. Eine weitere Lösung sah so aus: Ein Vertreter eines Reinigungsunternehmens in Norwegen hat mir erzählt, dass sie immer versuchen, wenn Zweier-Teams möglich sind, diese so zusammenzusetzen, dass mindestens eine Person die Sprache spricht, die in dem Haus gesprochen wird, Norwegisch oder Englisch, und so gibt es dann einen Ansprechpartner oder es kann übersetzt werden.
Komarek: Warum ist es im Krankenhaus normal, wenn man die Reinigungskraft arbeiten sieht und in anderen Bereichen nicht? Die Reinigungskraft im Krankenhaus hat einen gut ausgestatteten Reinigungswagen, sie beginnt mit dem Anziehen der Handschuhe, jeder Handgriff ist minutiös geübt und gelernt in allen Abläufen. Das heißt, in Wirklichkeit ist es ein gesellschaftliches Problem. Dort erkennt man, dass das, was die Reinigungskraft macht, nicht nur professionell, sondern auch wichtig ist. Sie reinigt nicht nur, sondern desinfiziert auch und sorgt so letztlich auch für die Gesundheit der PatientInnen. Im Gesundheitsbereich ist also schon einmal die Wertschätzung eine ganz andere als z.B. bei in der Büroreinigung. Deshalb versuchen wir ganz intensiv, in der Aus- und Weiterbildung etwas voranzubringen, um das Image zu stärken, auch durch Werbung. Aber in Wirklichkeit – solange die Gesellschaft nicht erkennt, dass das, was unsere Reinigungskräfte tagtäglich verrichten, ein wichtiger Teil für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen in Österreich darstellt, so lange werden wir da ein Problem haben. Wir müssen versuchen, in der Gesellschaft ein anderes Verständnis für die Branche zu schaffen.
Aber ich glaube, die Sache mit den zwei Stunden pro Tag wird jetzt ohnehin aufhören, da Arbeitsuchende mittlerweile neben dem Arbeitslosenentgelt nicht mehr geringfügig dazuverdienen dürfen. Das heißt, jetzt müssen wir vieles ohnehin anders organisieren. Es kommen viele Schritte auf uns zu, und somit glaube ich auch, dass wir da auf dem richtigen Weg sind.
Paterno: Wobei man nicht alle Objekte auf Tagesreinigung umstellen kann. Es wird immer Objekte geben, wo man ein zu kurzes Schichtmodell hat. Aber wir reden hier von großen Objekten, wo es keine wirtschaftliche Notwendigkeit gibt, dass von 6 bis 9 Uhr fünfzehn Reinigungskräfte tätig sind. Derartige Objekte können und sollten umgestellt werden.
Komarek: Wenn zum Beispiel beim AMS ein Arbeitsuchender in einem Beratungsgespräch ist, kann nicht eine Reinigungskraft dazukommen und staubsaugen und Tische wischen. Das geht dort nicht. Es wird immer Objekte geben, wo man eher in der Früh oder am Abend, wenn kein Personal da ist, reinigen muss. Und den Rest kann man tagsüber machen. Aber da ist es eventuell so, dass dem Kunden Mehrkosten entstehen können. Da stellt sich die Frage: Ist der Kunde dazu bereit? Aber wenn wir das alles umstellen, was einfach möglich ist, haben wir schon einen Großteil geschafft.
Sardadvar: Zu den Schulen ein Beispiel aus Berlin, wo ein Projekt von „ArbeitGestalten“ zwei wichtige Ergebnisse brachte: Zum einen müssen alle, welche eine Umstellung auf Tagreinigung betrifft, einbezogen werden, in dem Fall auch die SchülerInnen und die Eltern dieser Kinder. Weil es einfach eine große Umstellung ist, die alle betrifft. Das hat am Anfang nicht reibungslos funktioniert, als die SchülerInnen dort noch nicht genau wussten, was das für eine Veränderung ist. Und das zweite: Es war nicht kostenneutral möglich. Das muss man schon ehrlich dazusagen. Die Zeiten haben sich ein bisschen ausgedehnt, dadurch, dass die Räume nicht immer frei waren – man konnte nicht überall gleich schnell reinigen. Von der BBG wiederum gibt es Modellberechnungen für manche Fälle, wo es sehr wohl auch kostenneutral funktionieren soll. Für die Forschung wäre es großartig, wenn da einige Case Studies durchgerechnet werden könnten. Darüber wissen wir eigentlich wenig. Vielleicht wissen Sie, Herr Paterno, von Unternehmensseite mehr …
Paterno: Unternehmensseitig war es bei allen befragten Unternehmen immer mit Mehrkosten verbunden, aber teilweise haben Unternehmen auch offen gesagt, dass sie sich den zusätzlichen Tagesservice auch leisten wollten.
Report Tagreinigung Kurzfassung
Tagesreinigung als Chance Masterthesis
Potenziale und Herausforderungen einer Umstellung auf Tagreinigung
Definition von Tagreinigung – Varianten und Vergleiche (*)
Mit Tagesreinigung werden Reinigungstätigkeiten an einer Arbeitsstelle im Zeitfenster von 6:30 bis 18:30 Uhr mit einer ununterbrochenen Nettoarbeitszeit von mindestens fünf Stunden bezeichnet.
Grundsätzlich definiert der Begriff Tagesreinigung die Möglichkeit, auch in der Reinigungsbranche in „mehrheitlich üblichen“ Arbeitszeiten und -umfängen tätig zu sein. Ein hohes Tagesstundenkontingent mit attraktiven Arbeitszeiten schafft eine entsprechende Verdienstmöglichkeit, eine generelle Sichtbarkeit sowie Möglichkeiten sozialer Teilhabe.
Eine zeitliche Erweiterung der Definition auf ein Zeitfenster von 6:00 bis 18:30 Uhr – beispielsweise in Hinblick auf Kollektivvertrag und Branchenusus – wäre naheliegend, um nicht zu sagen verlockend, würde allerdings wiederum die Zielsetzungen „normaler“ Arbeitszeiten sowie sozialer Teilhabe limitieren. Im Verlauf der gegenständlichen Thesis wird eine alternative Definitionsversion mit einem Zeitfenster von 06:00-18:30 Uhr aus Gründen der Vergleichbarkeit teilweise ergänzend verwendet. Über die Relation der Ergebnisse können sich die LeserInnen selbst ein Bild machen.
In Deutschland wurde im Zuge des von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales geförderten Projekts „Joboption Berlin“54 in einem Fachaustausch die Kriterien für Tagesreinigung wie folgt definiert:
- tägliche zusammenhängende Arbeitszeit von mindestens sechs Stunden
- tägliche Arbeitszeiten in einem Zeitfenster von 7:30 – 16:00 Uhr
Zusätzliche Definitionsmerkmale für Tagesreinigung bildeten Anforderungskriterien an Beschäftigte (Sprachkenntnisse und Möglichkeiten der KundInnenkommunikation, Befähigung zum eigenverantwortlichen Agieren), sowie Anforderungen an Reinigungs- (MitarbeiterInnen-Schulungen, Schaffung von vollzeitnahen bzw. Vollzeitstellen und eines betrieblichen Gesundheitsmanagements) und KundInnenunternehmen (Einbeziehung aller Beteiligten bei Systemumstellung).
Der Definitionsrahmen des Fachaustauschaus von „Joboption Berlin“ ist im Vergleich zur untersuchungsleitenden Definition sehr viel „enger“ gesteckt und berücksichtigt aus Sicht des Verfassers zu wenig „allgemein übliche“ Arbeitszeiten. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Untersuchungsergebnisse auch mit dieser Definitionsvariante abgeglichen, um entsprechende (länderübergreifende) Vergleiche zu schaffen.
(*) Aus der Master-Thesis „Tagesreinigung als Chance? Eine Untersuchung zu den Vor- und Nachteilen von Tagesreinigung“ von Christof Paterno.