Arno-Sorger

Händereinigung findet sehr stark im Handtuch statt

Arno Sorger, Geschäftsführer des Hygieneprüflabors WHU, über Nutzen und Nachteile von Handtrocknungssystemen.

Text Erika Hofbauer

Reinigung aktuell: Papier, Stoff oder  der Fön? Aus Hygienesicht gesprochen: Was können die einzelnen Handtrocknungssysteme – und was nicht?
Sorger: Wir haben bei der Händetrocknung neben der Trocknungsthematik an sich auch den Sinn der mechanischen Schmutzentfernung. Betrachten wir zunächst den klassischen Handfön. Die Trocknungseffizienz ist gering, der Energiebedarf relativ hoch. Eine mechanische Entfernung erfolgt praktisch nicht. Bei den neueren Jet-Fön-Modellen ist die Trocknungseffizienz zwar wesentlich besser, allerdings ist da auch der Energiebedarf deutlich höher. Die Mechanik ist etwas besser als beim Handfön. Aus mikrobiologisch-hygienischer Sicht ergeben sich zwei große Nachteile: Durch die hohen Luftgeschwindigkeiten entstehen Aerosole, die den Schmutz bzw. die Mikroorganismen von den Händen in die Umgebungsluft verteilen. Außerdem können auch bei korrekt arbeitenden Systemen die Hände beim Trocknen mit der Gehäusewand – die oft deswegen antimikrobiell ausgerüstet ist, deren Beschichtung allerdings bei Verschmutzung unwirksam wird – in Berührung kommen und so eine direkte Übertragung von Mikroorganismen auslösen.

Wie verhält es sich bei Stofftüchern?
Sorger: Stoffhandtuchrollen – oder auch kleine Einmalhandtücher, die nach der Anwendung abgeworfen und wieder aufbereitet werden – sind abhängig von der korrekten Aufbereitung und funktionierenden Spendersystemen zu betrachten. Werden die Handtuchrollen mit einem zertifizierten Waschverfahren aufbereitet, ist die Wäscherei zertifiziert nach RAL 992 oder ÖGHMP.  Stoffhandtücher weisen die beste mechanische Wirkung und sehr gute Trocknungseigenschaften auf.

Und schließlich die Papier-Variante?
Sorger: Papierhandtücher sind zwar etwas schlechter in der Mechanik, also dem Abreiben. Eine Übertragung von Mikroorganismen zwischen Nutzern ist jedoch unwahrscheinlich. Manche Tücher sind aber generell mikrobiologisch hoch belastet. Da Papierhandtücher am Ende der Wiederverwertungskette von Zellulose – „Altpapier“ – stehen, ist ihre Umweltbelastung trotz des  „Wegwerfens“ üblicherweise nicht hoch, je nach angewendetem Bleich- und Aufbereitungsverfahren. Es gibt aber auch Papierhandtücher aus frischer Zellulose, diese sind umwelttechnisch kritischer zu betrachten. Wie bei Stoffhandtuchrollen müssen Papierhandtuchspender regelmäßig aufgefüllt werden.

Welche Systeme sind – je nach Einsatz im Objekt vom Krankenhaus bis zu Hotelbetrieben – sinnvoll oder nicht sinnvoll?
Sorger: Ich würde sagen, dass Warmlufttrockensysteme prinzipiell nur dort ihre Berechtigung haben, wo ein regelmäßiges Nachfüllen der Spender nicht sichergestellt werden kann. So sind manche Systeme z.B. in medizinischen Einrichtungen ein absolutes No-Go, denn in einem Krankenhaus darf ich keine Keime bewusst in die Umwelt bringen. Jet-Trockner kann man also im Krankenhaus vergessen. Anders ist dies z.B. bei einer Autobahn-Raststätte, wo immer wieder Leute kommen und gehen. Hier stellt sich die Frage, wie oft WCs und deren Anlagen kontrolliert werden. Ein Hand- oder Jetfön ist hier sicher möglich, weil hier keine Nachfüllproblematik besteht. Kostengünstiger wird’s trotzdem nicht sein. Kurzum: Dort, wo Keimbelastung ein Thema ist, sollte keine Handfön-Vorrichtung verwendet werden.

Wie wichtig ist die „Mechanik“ beim Händetrocknen?
Sorger: Wir reden ja immer nur vom Händewaschen, wenn es um die Reinigung nach einem Toilettenbesuch geht. Die Mechanik unterschätzen wir. Was meine ich damit? Die mechanische Wirkung von Wasser ist ja sehr gering. Wenn ich z.B. mit einem Papierhandtuch im Anschluss an die Wasserreinigung über die Haut wische, habe ich gleich eine ganz andere Mechanik. Die Händereinigung findet sehr stark im Handtuch statt. Wenn ich nur föne, dann vernachlässige ich die Mechanik. Das ist wie beim Boden aufwaschen: Wenn ich nur mit dem Wasser spritze, komme ich nicht weit.

Was empfehlen Sie also?
Sorger: Wo immer es geht, sollte man eine Mechanik dazu geben – egal, ob Handtücher aus Papier oder Stoff sind. Das ist dann eine gewisse philosophische Frage. Beim Stofftuch als Mehrwegtuch ist der umweltpolitische Aspekt positiv. Aber, man muss das Tuch auch reinigen, d.h., da gibt es auch eine Umweltbelastung durch den Waschvorgang in der Waschmaschine. Wenn Sie eine Stoffhandtuchrolle gut aufbereiten – und wir prüfen so etwas im Zuge unserer Tätigkeit – dann ist das relativ viel Aufwand. Allerdings sind diese Rollen eben wiederverwertbar. Sie haben auf der Stoffhandtuchrolle auch eine noch bessere Mechanik als bei einer Papierhandtuch-Variante, weil man stärker aufdrücken kann. Was man auch bedenken muss: Wie lange bleibt eine abgerollte, also benutzte Stoffhandtuchrolle im System? Wenn hier nur selten gewechselt wird, hat das System wieder Nachteile. Beim Papiereinsatz wiederum gibt es unterschiedliche Qualitäten und damit Preise. Größere Vorteile gibt es sicherlich durch Recycling-Papier, die sind derzeit am häufigsten am Markt anzutreffen. Natürlich ist auch das Recycling umweltbezogen nicht ganz harmlos. Stoff ist also dort gut, wo eine regelmäßige und oftmalige Verwendung sowie Wartung, Kontrolle und Tausch stattfindet. Bei seltener Verwendung sind Papiervarianten angebracht und im Hochrisikobereich sollten zusätzlich hochwertige Tücher verwendet werden.

Wonach entscheidet man, welches Trocknungssystem man einsetzen soll?
Sorger: Erstens einmal muss ich wissen, welche hygienischen Anforderungen erfüllt werden müssen. Erst im zweiten Schritt ist dies eine persönliche Entscheidung. Der Handfön hat so seine Tücken – ich kenne kaum jemanden, der es schafft, nach der Benutzung des Föns tatsächlich mit trockenen Händen aus dem Nassraum zu kommen. Beim Jetfön, der ja eine Zeitlang sehr gehypt wurde, ist die Situation auch nicht ganz optimal. Aber die Geräte werden sehr gerne angenommen, vor allem dort, wo es keine permanente WC-Wartung gibt. Aus Kostensicht ist diese Variante auch nicht sehr günstig, weil ein ziemlicher Energieverbrauch notwendig ist. Was auch nicht dabei ist: Die Mechanik. Als weiteren Nachteil könnte man sagen: Der Dreck wird so richtig in der Luft verteilt. Allerdings ist solch eine Anlage besser als gar keine.
Ob Stoff oder Papier ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Im Luxussegment wie in so manchem 5-Sterne-Hotel oder der gehobenen Gastronomie findet man sehr oft Einzelstoffhandtücher. Das ist im Sinne der Hygiene sogar die beste Lösung, denn es kommt zu keiner Vermengung zwischen sauberen und schmutzigen Materialien. Stoffhandtücher können auch mehrmals pro Tag einzeln gewaschen werden. Da man das Handtuch in die Hand nimmt, sind auch die Mechanik und damit die Trocknungswirkung perfekt. Allerdings muss man wahrscheinlich mit einem relativ großen Schwund rechnen. Auch die Handhabung, Aufbereitung usw. ist relativ aufwändig.

Gibt es aktuelle Entwicklungen und Trends im Bereich Händehygiene?
Sorger: Es gibt immer wieder beim Thema Handhygiene den Versuch der Hersteller, neben den reinen alkoholischen Mitteln auch nicht alkoholhaltige Produkte anzubieten. Das ist vor allem dort von Vorteil, wo man keine derartigen Produkte einsetzen kann wie z.B. in Explosionsbereichen oder auch auf Stationen, wo Alkoholiker behandelt werden.

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