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„Denkmalpflege ist immer auch ein Prozess der Zerstörung“

Die Disziplin Denkmalreinigung ist kein großes Geschäft. Dabei liegt es nicht an einer etwaigen schlechten Arbeitsleistung, sondern eher an der gestellten Aufgabe.

Text: Erika Hofbauer

Die Sache ist etwas kompliziert. Johann Nimmrichter, im Bundesdenkmalamt (BDA) im Bereich Konservierung und Restaurierung für den Fachbereich Stein zuständig, hat so seine Erfahrungen: „Das Reinigungsgewerbe ist nur bedingt bzw. nur unter zusätzlicher Begleitung von Fachrestauratorinnen und Fachrestauratoren als eine Bereicherung der Restaurierungsgebiete anzusehen.“ Dabei würde diese skeptische Einschätzung nicht von der Arbeitsleistung der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger herrühren: „Die Firmen machen ihre Sache nicht so schlecht“. Aber: Als Verantwortlicher bzw. Eigentümer von Denkmälern bzw. denkmalgeschützten Objekten habe man gewisse Ansprüche und Anforderungen an die Qualität der Arbeit, die ein wirtschaftsorientierter Betrieb wie eine Reinigungsfirma oft nicht im ausreichenden Ausmaß erbringen könne. Nimmrichter: „Uns ist wichtig, dass ein Ausführender für die Reinigungsarbeiten an denkmalgeschützten Objekten den richtigen moralisch-ethischen Hintergrund zu den zu pflegenden Oberflächen weiß.“ Aus wirtschaftlichen Überlegungen sei das oft schwierig, erläutert der BDA-Experte anhand eines Beispiels: „Bevor es zu einem Reinigungsauftrag kommt, gibt es immer einen Befund und eine Zustandsergebung. Dann werden Musterarbeiten ausgeführt, dazu gehören auch Reinigungsarbeiten. An großen Objekten wie Gebäuden nehmen sich  manchmal die Restaurator/innen Reinigungsfirmen zur Unterstützung.“ Dann beaufsichtigen die Restaurator/innen in Form einer Bauaufsicht die Arbeiten der Reinigungsfirmen, führen also praktisch eine Form des Qualitätsmanagements durch. Das erfordert einen gewissen zeitlichen Aufwand, der sich auch durch die Individualität der Leistung – jedes zu reinigende Objekt ist einzigartig – in den Gesamtkosten niederschlägt: „Es gibt keinen Katalog zur Leistungsanforderung, jede Situation muss individuell angeschaut werden und Musterarbeiten dazu durchgeführt werden. Es gibt keine absoluten Regeln, wie Objekte gereinigt werden. Ob Dolomitsand oder Quarzmehl besser ist, kann man nicht sagen“, so Nimmrichter weiter. 15 bis 20 Prozent der Restaurierungsarbeiten sind Pflege- und Reinigungsarbeiten – und die machen die Restaurator/innen dann oft lieber selbst.

Freilich gibt es eine Nische für erfahrene und geübte Reinigungsunternehmen, die es schaffen, „eine Handvoll Leute mit Skalpell und Sandstrahlgerät hinzustellen, die am Tag maximal einen halben Quadratmeter reinigen können“, beschreibt Nimmrichter die Herausforderung. Natürliche kooperiere man mit den Gewerben generell dort, wo übliche Reinigungsproblematiken auch bei Denkmälern  vorkommen wie z.B. Taubengitter oder Vogelabwehr. „Wenn also eine Reinigungsfirma gute Erfahrung hat, dann funktioniert die Denkmalreinigung auch“, ist Nimmrichter überzeugt, wiewohl eine „massive Betreuung und Aufsicht“ aufgrund des historischen Hintergrundes notwendig sei. Denn ein weiteres, bedeutendes Problemfeld ist jenes, dass meist zu sauber gereinigt wird.

Vor Jahren, erzählt Nimmrichter, war die gängige Meinung, dass Sandstrahlgeräte das Schlechteste für die Reinigung von denkmalgeschützten Oberflächen wäre: „Das ist durch alle Professionen gegangen, die Steinmetze und Bildhauer haben da 200 Jahre alte Verwitterungen praktisch zerstört.“ Dann sind die Rotationsgeräte gekommen, wo man meinte, diese könnte man im Reinigungsprocedere vorschreiben: Die richtige Düse, der richtige Abstand, der richtige Strahl, die Parameter sind da vielfältig. „Aber“, berichtet der BDA-Experte von damaligen Erfahrungen, „man konnte zwar mit einer 2-cm-Düse im Vergleich zur Mikrodüse 20 mal schneller reinigen, jedoch auch 20 mal so viel vernichten: Reinigung ist immer auch ein Prozess der Zerstörung. Und es gilt, dieses Quantum an Zerstörung so weit wie möglich zu minimieren, sodass es vertretbar ist.“ Was will man aber dann, wenn es nicht „zu sauber“ sein soll? Nimmrichter: „Eine Art Neuwertigkeit des 19. Jahrhunderts beispielsweise. Den Stephansdom will ich ja nicht blendend weiß haben, ich will eine Patina haben, die das Objekt aber nicht beschädigt. Wenn ich nach Venedig komme und es schaut aus wie in Vösendorf, dann hab ich keine Freude.“

Die Experten aus dem Gewerbe der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger haben mit der Vorgangsweise kein Problem. Christian Sterba, Meister der Denkmal – Fassaden und Gebäudereinigung bei der Simacek Facility Management Group: „Es gibt eine fundierte Ausbildung, und diese Gesellen und Meister tragen mit ihrem  fachlich-fundierten Wissen unter Einsatz der adäquaten Arbeitsmittel zum Werterhalt der – zum Teil – erheblich wertvollen Kunstschätzen bei.“ Das wichtigste sei die Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, bei einer gemeinsamen Besichtigung werde die Vorgangsweise besprochen: Also Arbeitstechnik und der Einsatz von Reinigungs- und Betriebsmitteln und – ganz wichtig – ob das Denkmal in einem Gebäude, an einem Gebäude oder freistehend ist, erzählt Sterba: „Je nachdem, in welcher Höhe sich das Denkmal befindet, entscheidet es sich, ob Industriekletterer, ein Baugerüst, Kräne oder Sonstiges erforderlich ist.“ Meistens ergibt sich der Bedarf bei oder nach Restaurierungsarbeiten, bei der auch gleich die Reinigung dazugehört: „Nach der Reinigung können wir beispielsweise präventiv durch unsere Taubenabwehrmaßnahmen zum Schutz von wertvollem Kulturerbe beitragen.“

Auch für Patrick Scheck von den Reinigungsunternehmen Kling und Wagenhofer ist Denkmalpflege und -reinigung „mit Sicherheit eines der aufwändigsten Gebiete der Gebäudereinigung“. Entsprechend gering (Stichwort Kosten) sei auch die Nachfrage nach dieser Dienstleistung. Grundsätzlich kommen jedoch Anfragen von Unternehmen wie Bundesdenkmalamt oder auch Stadtgartenamt. Scheck sieht hauptsächlich in Umwelteinflüssen (Witterung), Vogelkot und nicht zuletzt Graffitis die Hauptverschmutzungsarten auf Denkmälern. „Ähnlich wie bei der Fassadenreinigung sind solche Verschmutzungen mit alkalischen Reinigungsmitteln zu behandeln. Auch der Einsatz von Hochdruckreinigungsmaschinen ist meistens essenziell“, erzählt Scheck: „Bei der händischen Behandlung ist besonders darauf zu achten, dass die Oberfläche nicht verändert wird. Der Einsatz von abrasiven Gerätschaften und Reinigungsmitteln ist somit nicht möglich.“ Vor allem bei der Reinigung von Büsten und ähnlichen Objekten sei es sehr wichtig, die Oberfläche nicht zu verändern, da Kleinigkeiten bereits die gewollte Optik beschädigen könnten, sieht der Reinigungsexperte dieselben Problematiken wie das Bundesdenkmalamt.

Für Roland Singer, Geschäftsführer der Assa Objektservice GmbH, sind vor allem Jahrzehnte lang nicht gereinigte Fassaden und Graffiti-Entfernung eine immer wiederkehrende Aufgabe. Bei Denkmälern kämen nur Sockelreinigungen zustande, da die Figuren meist aus Kupfer sind. Als state-of-the-art-Methode bei der Flächenreinigung hat sich das so genannte JOS-Verfahren, ein Niederdruck-Wirbelstrahlverfahren, das ohne chemische und mechanische Einwirkungen zustandekommt, bewährt. Immer mehr im Kommen, erzählt Singer, seien auch Laserverfahren, wobei diese Arbeiten eher „Tüfteleien auf wenigen Quadratzentimetern“ seien. Immer wieder angewandt werden auch chemische und mechanische Reinigungsverfahren, besonders Granulate wie Trockeneis bzw. Trockeneis-Pellets, die sich beim Aufprall auflösen. Einziger Wermutstropfen dabei, so der Assa-Chef: „Wo lagert man die Pellets im Sommer, wenn die meiste Reinigungsarbeit durchgeführt wird?“ Singer arbeitet nach einigen finanziellen Ausfällen mit öffentlichen Auftraggebern nur mehr für Private, hier aber auch nur fallweise, wenn Anfragen kommen. Nachhaltiger bzw. sicherer Umsatzbringer sei Denkmalreinigung für ihn nicht.

Trotz tendenziell geringer Nachfrage nach Denkmalreinigung glaubt Patrick Scheck von Kling und Wagenhofer dennoch an eine vielversprechende Zukunft auf diesem Gebiet: „Die Situation ist in Österreich, speziell in Wien, noch besser als in anderen Ländern. Wien als Kulturhauptstadt lebt natürlich vom Tourismus und möchte sich als ‚sauber-kulturelle‘ Stadt präsentieren.“


Denkmalpflege in der Praxis

Das Bundesdenkmalamt hat einen umfassenden Basisleitfaden zur Denkmalpflege für Eigentümer, Planer und Ausführende herausgebracht.

Stein

Die Wahl der Reinigungsmethode hängt vom Restaurierziel (z.B. Erhaltung von Patina, von Fassungsresten etc.), von der Beschaffenheit der anhaftenden Schichten (z.B. Schmutz, Gipskruste, Kalksinter, mikroorganischer Befall, Bewuchs durch Moose, Flechten oder Algen etc.), von der Stabilität der überlieferten Steinoberfläche sowie grundsätzlich von der Gesteinsvarietät ab. Grundsätzlich kann im restauratorischen Bereich zwischen mechanischen (z. B. Feinstrahlreinigung, pneumatische Mikromeißel, Trockeneisverfahren, Nd-YAG-Laser etc.) und chemischen (z. B. Ammoniumkarbonat, Ionenaustauschharze etc.) Reinigungsmethoden sowie zwischen trockenen (z. B. Bürsten, trockene Partikelstrahlverfahren etc.) und feuchten (z. B. Dampfstrahlen, Niederdruck-Wirbelstrahlverfahren etc.) Reinigungssystemen unterschieden werden. Ein breites Spektrum erfüllt das Partikelstrahlverfahren.

Ziegel

Es gibt Feucht- und Trockenreinigungssysteme. Aufgrund des hohen Fugenanteils und der dadurch gegebenen Möglichkeit eines zusätzlichen Wassereintrags im Rahmen der Maßnahme stellen sogenannte Trockenreinigungsverfahren die schonendste Form der Reinigung, insbesondere bei Sichtziegelfassaden, dar. Dabei werden Verschmutzungen durch Abbürsten, Absaugen und Ausblasen der Vertiefungen (Fugen) entfernt und Überriebe, Ergänzungen, Silikonreste, Dübel etc. mittels Mikromeißel, Skalpellen und Spachteln abgenommen. Nach Ausstemmen der morschen Ziegel und des schadhaften Fugenmörtels erfolgt abschließend eine Nachreinigung mittels kontrollierten Niederdruck-Trockenstrahlverfahrens (Pressluft, Partikel- oder Trockeneisstrahlen) oder manuell mit Feinwerkzeugen. Der Einsatz von Feuchtreinigungsmethoden, z.B. in Form von Wirbelstrahlverfahren (z.B. Piccolo-Jos-Verfahren), ist bezüglich des geeigneten Strahlgutes wie des Wassereintrages (Salze!) objektspezifisch abzuwägen.

Holz

Die Reinigung der Holzteile kann trocken oder nass erfolgen. Die restauratorische Reinigung von hochwertigen historischen Holzoberflächen unterscheidet sich von der alltäglichen Reinigung normaler Bau- und Ausstattungshölzer. Die Wahl der Reinigungsmethode und der Reinigungsmittel richtet sich nach der Beschaffenheit der historischen Oberflächen. Sie ist individuell zu planen und durch Arbeitsproben nachzuweisen (z.B. Abbürsten, Verwendung von Seifenwurzellösung, Seifenlauge, Lösungsmittel wie z.B. Alkohol, Spiritus, Aceton etc.; im restauratorischen Bereich auch mechanische Abnahmen mittels Skalpellen etc.). Im Zuge einer Reinigung von Bauausstattungselementen ist eine besondere Abstimmung auf allenfalls vorhandene Metallteile erforderlich.

Glas/Fensterglas

Die Reinigung der Glaselemente kann trocken oder nass erfolgen. Die restauratorische Reinigung von wertvollen historischen Gläsern unterscheidet sich von der alltäglichen Reinigung gewöhnlicher Fenstergläser. Die Wahl der Reinigungsmethode und der Reinigungsmittel richtet sich nach dem Zustand des Glases. Die Trockenreinigung wird mit einem weichen Tuch, Pinseln oder auch dosierter Druckluft vorgenommen. Die Nassreinigung erfolgt mit warmem Wasser, bei Bedarf mit Laugen, Pinseln und Bürsten. Scheuerschwämme oder Metall zum Abtragen der Verschmutzung sollen bei historischen Gläsern nicht verwendet werden, um das Glas nicht zu beschädigen. Metallteile wie das Bleinetz, Windeisen und Sturmstangen sind schonend nur trocken zu reinigen, um die Oberflächen bzw. eine vorhandene Patina nicht zu beschädigen. Korrosionsschutz kann mittels Bleiseife/Bleifirnis erfolgen.

Metall

Die Reinigung der Metallteile kann trocken oder nass erfolgen. Die Wahl der Reinigungsmethode und der Reinigungsmittel richtet sich nach der Beschaffenheit des Metalls und ist objektspezifisch zu entscheiden. Die meisten Metall-Ausbauelemente an historischen Gebäuden wurden aus Eisen gefertigt. Dieses Metall gilt als besonders korrosionsfreudig (rostanfällig) und wurde daher traditionell durch Anstriche (Minium, Ölanstrich), metallische Überzüge (Verzinnung, Verzinkung) oder durch Schwarzbrennen (Einbrennen von Leinöl oder Brünieren) geschützt. In der Regel werden Eisenobjekte durch eine Neubeschichtung in Öl (Bleiseife, Minium, Ölanstrich) geschützt, die auf einen stabilen, gereinigten Untergrund aufgebracht wird. Überlieferte Ölfassungen können partiell ergänzt werden. Traditionelle Beschichtungen mit Minium in Leinöl und Ölfarben vertragen sich sehr gut mit bestehendem Restrost. Eine komplette Entfernung sämtlicher Korrosionsprodukte aus den Vertiefungen des Eisens vor dem Aufbau der Neubeschichtung ist daher nicht immer notwendig.

Lehm

Bauteile aus Lehm können mehrere Jahrhunderte überdauern, wenn sie konsequent vor Witterungseinflüssen geschützt sind. Dazu gehören Oberflächenbeschichtungen (Kalkputz, Kalkanstrich) sowie baulich-konstruktive Maßnahmen (Dach, Sockel etc.). Die Kalkschlämme der Fassaden sollte in der Regel jährlich erneuert werden. Die gewachsene Schichtenfolge gibt Auskunft über die Gestaltung und Geschichte des Bauwerks. Im Innenraum erfolgte das Schlämmen traditionell auch jährlich, wobei neben der ästhetischen eine hygienische Wirkung gegen biogenen Befall beabsichtigt war.

Literaturtipp: „Standards der Baudenkmalpflege“, Hg. Bundesdenkmalamt, bestellbar unter www.bda.at (Printexemplar oder Download auf der Website.)

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