Wie Tag und Nacht

Und wieder Skandinavien. Diesmal ist es das Thema Tagreinigung, bei dem man sich fragt, warum der Trend, die Dienstleistung Reinigung sichtbar bzw. sie auch für den Kunden und vor allem für den Endnutzer wahrnehmbar zu machen, in Skandinavien so viel stärker ausgeprägt ist als bei uns.

Text: Hansjörg Preims

Nach und nach aber wird auch hierzulande der Ruf nach mehr Tagesarbeitszeit immer lauter, auf dass die Reinigung aus der vielfach beklagten Unsichtbarkeit der Randzeiten hervorgeholt und nicht nur die Sauberkeit, sondern auch die Arbeit dahinter mehr ins Licht wertschätzender Wahrnehmung gerückt werde. Und nicht nur deshalb: „Vielen Mitgliedsbetrieben würde es entgegen kommen, wenn eine Reinigungskraft nicht zwei Stunden in der Früh und zwei Stunden am Abend, sondern an einem Tag zumindest vier bis fünf Stunden ohne Unterbrechung ihre Arbeiten durchführen könnte“, sagt etwa der Bundesberufsgruppensprecher und Wiener Innungsmeister Gerhard Komarek. Zum Beispiel KR Viktor Wagner, Geschäftsführer der REIWAG Facility Services GmbH: „Bezüglich Tagreinigung sind wir sehr interessiert, dies zu ermöglichen, jedoch ist hier auch ein Umdenkprozess unserer Auftraggeber von Nöten, welche den ,Nicht stören’-Faktor neu überdenken müssten. In Skandinavien, wo es bereits in einem wesentlich höheren Maß als in allen anderen Ländern üblich, den Reinigungsmitarbeitern die Gelegenheit zu geben, tagsüber zu reinigen, ist der Störeffekt nahezu nirgendwo gegeben. Die dadurch erzielten, wesentlich besseren Sozialbedingungen, dass Reinigungsmitarbeiter nämlich auch familienfreundlichere Arbeitszeiten bekommen und den Abend zuhause verbringen können, fördert die Zufriedenheit der Mitarbeiter und reduziert die Fluktuation. Wir stehen mit Sicherheit vor einer entsprechenden Aufklärungsarbeit in Deutschland, Österreich und vor allem in Südeuropa.“
Im Oktober vergangenen Jahres organisierten die AK und die Gewerkschaft vida sogar eine eigene Informations- und Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Der Wunsch nach dem Ende der Unsichtbarkeit – Wege zur Sichtbarkeit und Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Reinigungsgewerbe“.

Gewerkschaft fordert Arbeitszeit von 8.00 bis 18.00 Uhr

Dass in der Unterhaltsreinigung in der Regel zu den Randarbeitszeiten gearbeitet wird, also früh morgens und am Abend, bedeutet für die Beschäftigten – häufig Frauen mit Betreuungspflichten –  eine Reihe von Herausforderungen, wie etwa, dass die Wege zur Arbeit oft doppelt zurückgelegt werden müssen, und die Kinderbetreuung wird gerade dann notwendig, wenn öffentliche Einrichtungen geschlossen haben. Die Gewerkschaft weist unter anderem auch darauf hin, dass Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten nicht zuletzt aufgrund der Arbeitszeiten nicht in Anspruch genommen werden könnten oder gar nicht angeboten würden. Geht es nach der Gewerkschaft vida, soll sich das jedenfalls ändern. Sie fordert neben anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Reinigungskräfte: Tagesarbeitszeit von 8.00 bis 18.00 Uhr.
Öffentliche Auftraggeber sollten als Vorbilder dienen, indem auf Tagesarbeitszeit umgestellt bzw. Reinigung nur zu Tagesarbeitszeit ausgeschrieben werde. Das wirke einerseits Problemen durch nicht vorhandene Kinderbetreuung oder doppelte Anfahrtswege entgegen, andererseits auch der mangelnden Anerkennung und Wertschätzung, weil die Arbeit sichtbar und wahrnehmbar gemacht werde. Internationale Beispiele würden zeigen: „Veränderte Arbeitszeiten, klare, unterstützende Vorgaben und mehr Augenmerk auf die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten sehr rasch und ohne großen Aufwand zu einer Verbesserung der Arbeitssituation führen.“ Bei Arbeitszeiten tagsüber erhalte die Reinigung Name und Gesicht durch die Persönlichkeit der MitarbeiterInnen, und statt der Unsichtbarkeit könne Wertschätzung und Verständnis entstehen.

Tagreinigung und Öffentliche Auftraggeber

Laut Andreas Lill, Direktor der European Federation of Cleaning Industries (EFCI), ist die Öffentliche Hand in mehreren Ländern „durchaus ein Vorbild und verlangt, dass öffentliche Aufträge in unserer Branche zu einem höheren Prozentsatz tagsüber abgewickelt werden müssen. Aber offensichtlich ist das in Österreich nicht der Fall.“ Es gebe ein gutes Beispiel aus Frankreich, wo vorgesehen sei, dass im Jahr 2015 20 Prozent und im Jahr 2017 30 Prozent aller öffentlichen Reinigungsaufträge tagsüber erfolgen sollen. „Das sogenannte daytime cleaning wird dort also forciert von der Öffentlichen Hand, und das macht es natürlich leichter für Privatunternehmen und für private Kunden, dem auch zu folgen“, so Lill. Der französische Verband arbeite an dieser Umstellung bereits seit geraumer Zeit mit seinen Mitgliedsunternehmen zusammen, da ein solches Modell natürlich eine Umorganisation der seit langem eingespielten Arbeitsabläufe erfordere. Beispielsweise teste die Firma Danone mit dem dortigen Reinigungsunternehmen seit zwei Jahren die Umstellung auf Tagarbeit bei der Büroreinigung. „Darüberhinaus“, so Lill weiter, „müssen auch interne Widerstände auf Unternehmens- und Mitarbeiterebene berücksichtigt werden, die sich vor allem daraus ergeben, dass die Reinigung am frühen Morgen bzw. späten Nachmittag und frühen Abend seit Jahrzehnten eingeübt ist und sich alle Beteiligten darauf eingestellt haben.“
Wie sieht es in Österreich mit der Einstellung Öffentlicher Auftraggeber zum Thema Tagreinigung aus?

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Mag. Hannes Hofer, Geschäftsführer der Bundesbeschaffung GmbH

Mag. Hannes Hofer, Geschäftsführer der Bundesbeschaffung GmbH: „Alle unsere Verträge sind so gestaltet, dass die Reinigung während der kollektivvertraglichen Normalarbeitszeit an Werktagen von 6 bis 21 Uhr stattfindet und innerhalb dieser Zeit vom Kunden frei gewählt werden können. Außerhalb dieser Zeiten sind die gesetzlichen Zuschläge zu bezahlen. Laut unseren Erkenntnissen ist der Begriff ,Tagreinigung’ kein normierter Begriff und findet auch im Kollektivvertrag keinen Niederschlag. Daher gehen wir davon aus, dass unter ,Tagreinigung’ die Reinigung während der Bürozeiten zu verstehen ist.“ Eine geringe Verbreitung der Tagesreinigung in Österreich könne „in unseren Verträgen“ jedenfalls nur bedingt festgestellt werden, so Hofer, So sei zum Beispiel im Bereich der Krankenhäuser und der Polizeiinspektionen eine derartige Reinigungsform bereits zu 100 Prozent gegeben. Natürlich gebe es auch Bereiche, in denen die Tagesreinigung schlicht nicht möglich sei. Als Beispiel nennt Hofer hier die Reinigung von Turnsälen, „die von 8-22 Uhr durchgängig belegt sind.“

Vergleichsbeispiel Norwegen

Sardavar

Dr. Karin Sardadvar, FORBA – Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt

Dr. Karin Sardadvar, FORBA – Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, hat im Rahmen der erwähnten AK- und vida-Info- und Diskussionsveranstaltung „Der Wunsch nach dem Ende der Unsichtbarkeit (von Reinigungskräften)“ über „Verbesserte Arbeitsbedingungen in der Reinigung“ referiert und dazu „Internationale Beispiele aus dem EU-Forschungsprojekt walqing (Work and Life Quality in New & Growing Jobs)“ präsentiert. An diesem EU-Forschungsprojekt waren, auf unterschiedliche Branchen verteilt, 11 Staaten beteiligt, im Bereich Reinigung wurden Österreich, Norwegen, Spanien und Belgien untersucht. Warum nun ist in Skandinavien der Prozentanteil der Tagreinigung um so viel höher als in Österreich? Laut einer Studie des Europäischen Verbandes der Reinigungsindustrie ist der Unterschied sogar eklatant, buchstäblich wie Tag und Nacht: zwischen 45 (Dänemark) und 80 Prozent (Norwegen), im EU-Schnitt immerhin noch 32 Prozent, in Österreich aber nur 8 (!!) Prozent.
Das war aber auch in den skandinavischen Ländern nicht immer schon so. Vergleichsbeispiel Norwegen. „Dort ist man vor 20 Jahren noch von einem ähnlichen Niveau gestartet, wie wir es heute in Mitteleuropa, auch in Österreich, noch immer haben“, sagt Dr. Karin Sardadvar. „Am Beispiel Norwegen kann man also sehen, dass Veränderungen möglich sind. Heute haben in Norwegen 70 Prozent der Beschäftigten in der Reinigung Tagesarbeit, also Montag bis Freitag, 6 bis 18 Uhr.“ Allerdings gebe es auch dort noch einen relevanten Anteil von Teilzeitarbeit, den die Gewerkschaften nach wie vor durchaus kritisch sehen würden, so Sardadvar, „im Duchschnitt ist das Pensum aber viel höher – wenn man alles zusammenzählt, arbeiten ReinigerInnen in Norwegen im Durchschnitt 70 Prozent in einer Vollzeitstelle. In Österreich dagegen haben wir nicht nur viel mehr Teilzeit, sondern noch dazu sehr viel kurze Teilzeit.“

Tagreinigung und Modernisierung

Wie waren diese Veränderungen in Norwegen möglich – und warum? Sardadvar: „In mancher Hinsicht haben wir in Norwegen überhaupt andere Rahmenbedingungen, sodass sich die dortige Situation nicht eins zu eins auf Österreich umlegen lässt. Beispielsweise ist es so, dass in Norwegen die Personalkosten sehr hoch sind, daher gehen die Bemühungen dort generell sehr viel stärker in die Richtung, Personalkosten zu sparen. Deshalb hat man auch stark in Technologien investiert. Beispiel: der Übergang zur Trockenreinigung bzw. möglichst viel mit Mikrofaser zu reinigen, aber auch viel mehr mit Maschinen als beispielsweise in Österreich.“ Auch in Österreich sei dieser Übergang zur Mikrofaser und damit weniger Chemikalien und Arbeit mit Wasser erfolgt, aber ihres, Sardadvars, Wissens nicht in diesem großen Ausmaß, nicht so flächendeckend wie in Norwegen. „Wobei man sich natürlich auch fragen kann, ob man mehr Technologie überhaupt möchte, denn das kann auch eine Reduktion von Arbeitsplätzen nach sich ziehen“, so die Expertin. Aber nichtsdestotrotz sei das in Norwegen ein Hintergrund dafür gewesen, dass man insgesamt die Reinigungsbranche sehr stark modernisiert und auch professionalisiert habe. Und im Zuge dieses Professionalisierungsprozesses sei – als zwei Punkte von vielen – zum einen auch der Übergang zu mehr Vollzeitbeschäftigung vollzogen worden bzw. zu längerer Teilzeit – „die Arbeitszeiten sind im Durchschnitt länger“ –, und zum anderen auch der Übergang zur Tagesarbeitszeit. Ausschlaggebend dafür sei gewesen, „dass die Sozialpartner und die Unternehmen an einem Strang gezogen haben.“ Denn die Tagreinigung habe auch für die Unternehmen sehr viele Vorteile, die sich durchaus auch in Österreich sehr viele wünschen würden, sagt Sardadvar. In Österreich gebe es wohl viele gemeinsame Interessen von  Unternehmen bzw. Arbeitgeberverbänden und Arbeitnehmervertretungen, es sei aber schwierig, auch die Kunden davon zu überzeugen. In Norwegen sei es dagegen gelungen, mit vereinten Anstrengungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Vertretungen bzw. Unternehmungen diesen Prozess einzuleiten. „Ein weiterer Punkt in Norwegen war die Einführung eines Reinigungszertifikats, eines Zeugnisses, das die Reinigungskräfte erwerben können, ähnlich dem Lehrabschluss bei uns, das sich auch in kollektivvertraglich zugesicherten Einkommenserhöhungen niederschlägt. Man steigt also mit diesem Zertifikat in eine höhere Einkommenskategorie auf.“
Eine weitere Rolle hätten bei Norwegens Übergang zu Tagesarbeitszeiten auch die Nachtzuschläge gespielt, „die es in Österreich ja auch gibt.“ Und: „Da es in Norwegen noch schwieriger war, auf dem Arbeitsmarkt geeignete Reinigungskräfte zu finden, musste man sich etwas überlegen, um den Beschäftigten auch anständige Arbeitsplätze zu bieten, damit sie kommen und auch bleiben“, so Sardadvar.

 „Knackpunkte“

BBG-Geschäftsführer Hannes Hofer sagt, für eine verstärkte Akzeptanz der Tagreinigung sei sicherlich ein grundsätzliches Umdenken gegenüber ausgelagerten Dienstleistungen aller Art im öffentlichen Bereich notwendig. „Wir sind der Meinung, dass eine sichtbare Reinigung jedenfalls zu höherer Wertschätzung gegenüber dem eingesetzten Personal führen würde, weisen jedoch auf mögliche Effizienzverluste in der Durchführung der Leistung und dadurch verbundene mögliche Kostensteigerungen hin“, so Hofer. „Als Knackpunkte auf einem möglichen Weg zu mehr Tagesreinigung können daher aus unserer Sicht vor allem organisatorische Hindernisse sowie drohende Kostensteigerungen durch eventuelle Effizienzverluste während des Tages genannt werden.“

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