„Schädlings­bekämpfung hat viel mit Vertrauen zu tun“

„Konferenzschaltung“ mit Marianne Jäger, Berufsgruppenobfrau der Schädlingsbekämpfer Österreichs, und Gerhard Klosterer, Technischer Leiter Rentokil Schädlingsbekämpfung.

Text: Hansjörg Preims

Marianne Jäger, Berufszweigobfrau der Schädlingsbekämpfer: „Durch die Implementierung des Vorsorgegedankens in die Produktionsabläufe gerade in der Lebensmittelindustrie hat sich ein Großteil unserer Arbeit von bekämpfend auf vorsorgend geändert.“

Marianne Jäger, Berufszweigobfrau der Schädlingsbekämpfer: „Durch die Implementierung des Vorsorgegedankens in die Produktionsabläufe gerade in der Lebensmittelindustrie hat sich ein Großteil unserer Arbeit von bekämpfend auf vorsorgend geändert.“

Welche Schädlinge sorgen für die größten Marktanteile?

Marianne Jäger: Je nachdem, wie die Kollegen sich spezialisiert haben, wird es wohl unterschiedlich sein. Aber immer und überall gefragt ist die Bekämpfung von Ratten und Mäusen. In der Beratung ist der am häufigsten angefragte Schädling eindeutig die Lebensmittelmotte. 

Gerhard Klosterer: Mäuse, Ratten, Bettwanzen, Schaben, Fliegen

Ist die Schädlingsbekämpfung ein passives oder aktives Geschäft? Wird auf das Geschäft gewartet oder kann es proaktiv angegangen werden? Wenn ja wie?

Jäger: Wie überall – klappern gehört zum Gewerbe. Ein gerne gewählter Weg ist das Inserieren in Zeitschriften für Lebensmittel verarbeitende Betriebe oder Hausverwaltungen / Eigentümer. Ein vernünftiger Internetauftritt ist auch immer gut. Ein Punkt, der gerne unterschätzt wird, ist die Mundpropaganda. Da Schädlingsbekämpfung viel mit Vertrauen zu tun hat, kommen viele Kunden auch nur auf Empfehlung.

Klosterer: Bei aktiver Bekämpfung wendet sich der Kunde meist direkt an uns. In der Prävention bzw. um den rechtlichen Anforderungen zu entsprechen, gehen wir aktiv auf Kunden zu und sind auf Messen präsent (z.b. die „Gast“).

Wie sieht die Wettbewerbslandschaft der Schädlingsbekämpfer in Österreich aus? Wenige große und zahlreiche kleine?Verdrängung oder genug für alle? Preisdruck? 

Jäger: Der Druck durch den Mitbewerb ist vor allem in den Ballungsräumen groß. Zum Beispiel wenn man eine Wespenbekämpfung hernimmt. In Wien telefoniert der Kunde manchmal 5 bis 6 Firmen durch. Entscheidungsgebend ist dann neben der Verfügbarkeit auch der Preis. In den Bundesländern ist der Kunde froh, wenn überhaupt jemand kommt, der Preis wird zur Nebensache. 

Klosterer: Es gibt genügend Arbeit für alle – der Preisdruck besteht wie auch in andern Branchen.

Gibt es auch im Bereich der Schädlingsbekämpfung unseriöse Billigstanbieter? Wenn ja, wie erkennt der Kunde diese?

Jäger: Bedauerlicherweise hat sich im letzten Jahr ein unseriöses Unternehmen einen Top-Platz im Internet erkauft, das neben Installationsarbeiten, Schlüsseldiensten etc. auch Schädlingsbekämpfungsarbeiten anbietet. Allerdings nicht zu Billigstpreisen, sondern zu Wucherpreisen. Da wird oft das 5- bis 10-fache des marktüblichen Preises in Rechnung gestellt und gleich bar abkassiert. Unseriöse Billigstanbieter können sich aber nicht lange am Markt halten. Die zum Einsatz kommenden Materialien sind nicht billig und der Einsatz der geschulten Arbeitskräfte muss sich ja auch rechnen. Vielfach werden von den Kunden schon geprüfte Facharbeiter für Einsätze dezidiert verlangt.

Ob ein Kunde einen seriösen Anbieter anspricht, erkennt man oft schon an dem Geschäftsgebaren im Vorfeld: Der Umfang der Arbeit und die damit verbunden Kosten werden schon am Telefon abgeklärt. Die benötigten Arbeitsschritte werden aufgezeigt und gerne auch erläutert. Der Name des Mitarbeiters, eventuell mit dem Grad seiner Ausbildung, wird vorweg bekannt gegeben. Aber letztendlich liegt es auch in der Verantwortung jedes Kunden, sich zu informieren und vergleichend auch mit anderen Unternehmen Kontakt auf zu nehmen. In Zeiten des Internets ist es nicht verständlich, dass Kunden ungefragt Leistungen des erstbesten Anbieters annehmen. 

Klosterer: Unseriös sind die, welche bar kassieren möchten und ohne vorherige Inspektion und ein nachfolgendes schriftliches Angebot die Arbeiten durchführen.

Hat sich bzw. WIE hat sich die Welt der Schädlinge und somit auch der Schädlingsbekämpfer verändert?

Jäger: Durch die Implementierung des Vorsorgegedankens in die Produktionsabläufe gerade in der Lebensmittelindustrie hat sich ein Großteil unserer Arbeit von bekämpfend auf vorsorgend geändert. Es gibt kaum noch einen Lebensmittelbetrieb, der nicht schon lange ein Monitoring für seine Schädlingsfreihaltung hat. Dadurch werden auftretende Schädlinge bereits sehr früh erkannt und die Bekämpfung hält sich in Grenzen. 

Und durch die Globalisierung gelangen immer wieder Schädlinge zu uns nach Europa. Vor etwa 45 Jahren waren das Pharaoameisen, die aufgrund ihrer Lebensweise nur mit Ködern gut bekämpft werden können. Also haben sich mit den Jahren intelligente Köderprodukte entwickelt. Dieses Know how kommt uns auch bei anderen Schädlingen zugute. 

Es können aber auch importierte Nützlinge sein: Der asiatische Marienkäfer wurde extra importiert,  er ist allerdings dabei, unseren heimischen 7-Punkt zu verdrängen. 

Einer der letzten Neuankömmlinge ist die Asiatische Tigermücke, die an den weißen Gelenken auch mit bloßem Auge von unseren heimischen Mücken unterschieden werden kann. Sie kann eine Vielzahl von Erkrankungen übertragen und vermehrt sich rasant in unseren Wäldern und Auen. Wie hier eine nachhaltige Bekämpfung aussehen wird, ist noch offen.

Gerhard Klosterer, Rentokil Schädlingsbekämpfung: „Die Bevölkerung wird zusehens sensibler und intoleranter gegenüber Insekten.“

Gerhard Klosterer, Rentokil Schädlingsbekämpfung: „Die Bevölkerung wird zusehens sensibler und intoleranter gegenüber Insekten.“

Klosterer: Die Bevölkerung wird zusehens sensibler und intoleranter gegenüber Insekten. Klar – Bettwanzen und Flöhe sind Parasiten und müssen bekämpft werden, genauso wie Hygieneschädlinge in Lebensmittelbetrieben – aber die Ameisen im Garten, die Wühlmaus, die Fliegen auf der Fassade?

Entwickeln sich aktuell neue Techniken, neue Produkte? Wenn ja, in welchen Bereichen? 

Jäger: In den vergangen Monaten wurden die Zulassungen der Nagerköder erneuert. Die neuen Zulassungen erlauben keine Permanentbeköderung mehr. Wenn ein Nagerbefall bekämpft wird, sind häufige Kontrollen laut den neuen Zulassungen verpflichtend. Für das Monitoring ist der Köder nicht mehr geeignet. Größere Kunden verwenden elektronische Systeme, wo Nagerfallen mit Sensoren ausgerüstet werden, die etwaige Fangergebnisse zeitnah melden. Dadurch ist eine 24/7 Überwachung gewährleistet. Dies Techniken sind natürlich nicht billig und kommen daher nicht für alle Kunden in Frage.

Klosterer: Die gesamte Anwendungstechnik erlebt in den letzten Jahren schon einen Wandel. Dieser wird getrieben von gesetzlichen Auflagen und dem Wunsch der Bevölkerung nach giftfreien Alternativen. Diesem Trend entsprechend werden alteingesessene Methoden und Maßnahmen auf ein technisch sinnvolles und erfolgversprechendes Maß angepasst.

Was ist in den unterschiedlichen Bereichen – Hotel & Pensionen, Gastronomie, Lebensmittel verarbeitende Industrie, Hausverwaltungen, etc. – jeweils die größte Herausforderung für den Schädlingsbekämpfer?

Jäger: Ganz egal in welchen Bereichen, die größte Herausforderung besteht in meinen Augen beim Erstkontakt mit den doch meist sehr nervösen Kunden. Es gilt, an die wichtigsten Informationen zu kommen und gleichzeitig beruhigend auf sie einzuwirken. Abseits davon würde ich meinen, dass die Bekämpfung der Bettwanzen uns am meisten fordert: Es können Resistenzen gegen Wirkstoffe bestehen, Nachbarwohnungen und angrenzende Bereiche können auch befallen sein, die Bettwanzen kommen ca. nur alle 10 Tage aus ihren Verstecken, weil sie so lange an ihren Blutmalzeiten verdauen, bei den Arbeiten gilt es Betten oder andere Verbauten zu zerlegen, um alle Fugen und Spalten behandeln zu können, und alle in Frage kommenden Einschleppungsmöglichkeiten müssen mit den Bewohnern abgeklärt werden. 

Klosterer: In jedem Bereich ist etwas anders die größte Herausforderung – kein Sektor ist mit dem anderen vergleichbar. Nicht einmal Lebensmittelhersteller können über einen Kamm geschoren werden. Alles basiert auf einer Risikobewertung, welche vor jeder Bekämpfung bzw. Maßnahme zu erstellen ist. Schnell und effizient mit minimal invasiven Eingriffen ist die Devise.

Welche Schädlinge sind die relevanten in den verschiedenen Branchen (Hotellerie, Lebensmittelindustrie …)?

Jäger: In der Hotellerie die Bettwanzen, in Bäckereien die Lebensmittelmotten, in der Gastronomie die Küchenschaben, in Lebensmittellagern Mäuse, in der Landwirtschaft die Fliegen, Ameisen eher in Privatwohnungen, in Wohnhäusern bzw. für Hausverwaltungen die Ratten.

Apropos Lebensmittel: Im Lebensmittelhandel findet ein gnadenloser Preiskampf statt, vor allem unter den Diskontern. Geht das aus der Sicht des Schädlingsbekämpfers zum Teil auch auf Kosten des Hygienemanagements der Lebensmittelhändler?

Jäger: Aus meiner Sicht und den Rückmeldungen von Kollegen: Nein. Hygiene ist und bleibt ein wichtiger Punkt in diesen Betrieben. 

Klosterer: Das kann man Pauschal nicht sagen. Manche Diskonter schreiben Low Price Schädlingsbekämpfung aus – ohne Rücksicht auf die Folgen, andere sehen hier ein Risikopotenzial und sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen. Diese haben begriffen, dass eine professionelle Schädlingsbekämpfung ihren Preis hat und sich in weniger Abschreibungen durch beschädigte oder mit Schädlingen kontaminierte Ware zu Buche schlägt. Diese sind unsere Zielgruppe – den Diskonter mit Diskont-Preisen für die Schädlingsbekämpfung überlassen wir gerne den anderen.

Wo ist der Einsatz von elektronischer Schädlingserfassung und -dokumentation bzw. von digitalen Monitoring-Systemen sinnvoll?

Jäger: Einerseits muss der Kunde sich diese Systeme leisten wollen. Andererseits ist das nur bei Betrieben sinnvoll, die wollen, dass sie ihren Kunden eine digitale Dokumentation vorweisen können.

Klosterer: Es ist flächendeckend sinnvoll. Nur so sind anhand von Daten Trends zu erkennen und man kann präventiv agieren. Wir bei Rentokil werten europaweit alle Befallsdaten aus und ziehen daraus Rückschlüsse auf Befällsentwicklungen und können Maßnahmen ergreifen. In Österreich haben wir in den letzten 12 Monaten 140.458 Befälle dokumentiert – 40,4 Prozent davon waren Nager (davon 21,6 Prozent Ratten und 78,4 Prozent Mäuse), der Rest geht auf das Konto von Insekten. In unseren UV-Geräten und Pheromonfallen wurden insgesamt 1.119.110 fliegende Insekten gefangen und somit davon abgehalten, unsere Lebensmittel zu kontaminieren – 131.262 davon waren Lebensmittelmotten.

Inwieweit ist in der Schädlingsbekämpfung Prävention möglich?

Jäger: Prävention ist im Zuge eines Monitorings leicht möglich. Dazu gehört das Aufzeigen von baulichen Mängeln oder Produktionsabläufen, die einen Schädlingsbefall fördern könnten. 

Klosterer: Der professionelle Schädlingsbekämpfer weiß aufgrund seiner Ausbildung, wann er wo welchen Befall zu erwarten hat, und setzt schon vorab entsprechende Maßnahmen. Weiters kennt er die Schwachstellen eines Betriebes (dies können beschädigte Türen/Tore sein, aber auch wenn z.B. Müll in unmittelbarer Nähe eines Tors gelagert wird, welcher Schädlinge aller Art anzieht).

Gibt es neue Herausforderungen für den Schädlingsbekämpfer durch Globalisierung zum einen und den Klimawandel zum anderen?

Jäger: Siehe oben bzw. die Antwort auf die Frage, wie sich die Welt der Schädlinge und somit auch der Schädlingsbekämpfer verändert hat.

Klosterer: Globalisierung konfrontiert uns mit den unterschiedlichsten Anforderungen an Dokumentation und Vorgehensweisen, da amerikanische Konzerne andere Anforderungen haben als zum Beispiel asiatische. Der Klimawandel führt dazu, dass die Populationsdichte von Nagern und Insekten ansteigt. Das typische „im Herbst sind mehr Nager zu erwarten“ gibt es de facto nicht mehr. Die Befallszahlen bei fliegenden Insekten nimmt ebenfalls zu – hier ist zwar eine Minderung in der kalten Jahreszeit bemerkbar, aber bei weitem nicht mehr in dem Ausmaß wie früher.

Wie geht der Schädlingsbekämpfer mit immer umfangreicheren Vorschriften um?

Jäger: Neue Vorgaben oder Verordnungen werden durch die Standesvertretung in der Wirtschaftskammer kommuniziert.  Gerade für die Rodentizide, also die Produkte zur Nagerbekämpfung, hat es dank der neuen Zulassungen viele Anfragen gegeben. Umfangreich werden die Vorschriften, wenn sich die von uns betreuten Betriebe zertifizieren wollen. Dann gilt es, die jeweils entsprechenden Richtlinien umzusetzen.

Klosterer: Schulung, Schulung Schulung

Gibt es Gewerberechtsübertretungen (analog zu den Hausbetreuern und Meisterbetrieben)?

Jäger: Da es in der Schädlingsbekämpfung nur einen Gewerbeschein gibt, eher nicht. Die wenigen Beschwerden lassen sich meist mit einem Fall von Nebengewerbe erklären. 

Klosterer: Die Auflagen, wer was wo einsetzen darf, ist genau am Etikett und in der Gebrauchsanleitung geregelt. Das hat sich in den letzten Monaten stark geändert, und es ist zu empfehlen, dass sich jeder daran hält.

Gibt es konkrete Wünsche oder Ziele der Branchenvertretung?

Jäger: Das Ziel, an dem ich persönlich arbeite, ist eine Verbesserung unseres Images in der Bevölkerung. Wurden noch vor Jahren unsere Mitarbeiter als „Ratzenvertilger“ tituliert, so wird heute fast überall nach einem (Schädlingsbekämpfungs-)Techniker verlangt.

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2 Responses to "„Schädlings­bekämpfung hat viel mit Vertrauen zu tun“"

  1. Martin Lobinger says:

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass die Bekämpfung der Bettwanzen die größte Herausforderung für einen Schädlingsbekämpfer darstellt. Mein Onkel betreibt ein solches Hygiene-Service. Er hat sich bei mir oftmals darüber beschwert, dass Bettwanzen wegen des langjährigen Kampfes der Menschheit gegen diese mittlerweile gegenüber vielen der vom Menschen verwendeten Wirkstoffen resistent sind.

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  2. Thomas Karbowski says:

    Interessant zu wissen, dass sich durch die Implementierung des Vorsorgegedankens in die Produktionsabläufe gerade in der Lebensmittelindustrie ein Großteil der Arbeit der Schädlingsbekämpfer von bekämpfend auf vorsorgend geändert hat. Mein Onkel hat auch von Bekannten gehört, dass Ameisen in industriellen Räumen seltener auftreten. Er hält aber auch die Prävention des Auftretens von Schädlingen für sehr wichtig.

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