„Mitarbeiter einsparen, die wir nicht haben.“

Walter Veit, Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung ÖHV, zur Problematik des Personalmangels in der Hotellerie. 

Text: Hansjörg Preims

Herr Veit, wie groß ist das Problem des Personalmangels in der österreichischen Hotel­lerie?

Walter Veit: Sehr groß. Wir haben zwar seit Juni 2022 mehr Beschäftigte in der Branche als drei Jahre davor bzw. vor Corona. Aber es sind inzwischen viele geburtenstarke Jahrgänge in Pension gegangen. Und MitarbeiterInnen, die in unserer Branche Vollzeit gearbeitet haben, vor allem aus Ungarn, haben zu Hause Jobs angenommen, da dort das Lohnniveau stark gestiegen ist und ihnen der Tourismus nach dieser Corona-Zeit zu unsicher geworden ist.

Das Problem verschärfend kommt hinzu, dass die MitarbeiterInnen, die wir jetzt sogar mehr haben, leider nicht mehr 40 oder saisonbedingt 48 Stunden arbeiten wollen, sondern nur 30 Stunden, die Vier-Tage-Woche ist die Wunschvorstellung, Stichwort Life Balance. Das heißt, Tausende Arbeitsstunden können nicht besetzt werden. Gleichzeitig ist es auch so, dass wir seit 2019 in Österreich um 3.000 Hotelbetten mehr haben, die alle im Top-Segment dazugekommen sind, spricht: im Vier- und Fünf-Sterne-Bereich, der sehr arbeitsintensiv ist. Wir brauchen also mehr Mitarbeiter, als wir zur Verfügung haben, um diese Bedürfnisse abzudecken. 

Um es zu veranschaulichen: Wir haben in der Corona-Zeit allein in Wien 16 Prozent der Betriebe verloren – die haben aufgegeben, aber wir haben in Wien nur 8 Prozent der Betten verloren. Warum? Die Betriebe, die wir verloren haben, waren kleine Hotels oder Pensionen, die von den Eigentümern selbst geführt wurden, mit – wenn überhaupt – ganz wenigen Mitarbeitern. Und die, die dazugekommen sind, sind eben große Qualitätsbetriebe. Und diese verlorenen 8 Prozent der Betten in Wien haben wir im 1. Quartal 2023 schon wieder aufgeholt. Warum diese Dynamik am Markt? Nicht weil in dem derzeitigen Marktumfeld jemand auf die Idee gekommen wäre, ein Hotel aufzumachen, sondern weil – Beispiel Hotel Rosewood am Graben – der Eröffnung 10 Jahre Vorlaufzeit vorangegangen waren, von der Planung bis zur Inbetriebnahme. 

Unterschied Stadt – Land?

Veit: Die Personal-Problematik ist da wie dort dieselbe. Früher haben wir immer geglaubt, in den Städten wäre es leichter, aber ich weiß von sehr großen Betrieben, die in Salzburg und auch schon in Wien Mitarbeiter-Häuser suchen bzw. schon haben, angemietet oder gekauft, um Mitarbeiter herzuholen, die bereit sind zu arbeiten. Selbst in Wien ist es also nicht mehr so wie früher, als es noch hieß, es würde sich immer jemanden für diesen Job finden. 

Wie gehen die Hotels mit dieser Problematik um?

Veit: Was die Branche des Housekeepings und Zimmerservice betrifft, waren die Stadthoteliers clever, nämlich schon vor Corona, denn das Problem hat nicht erst mit Corona begonnen, sondern schon lange vorher: In der Stadt haben wir eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Hotelgäste von 1,8 Nächten. Und da haben die Hoteliers dem Gast angeboten, wenn er nur 2 Nächte bleibt und auf den klassischen Zimmerservice wie Handtücher tauschen und Bett machen verzichtet, bekommt er dafür einen Getränkegutschein zum Betrag X, je nach Betrieb. Oder einen Rabatt. Und die jungen Leute nehmen dieses Angebot gerne an. Das funktioniert also recht gut, es ist eine Win-win-Situation. Dadurch haben, wie wir gehört haben, in der Stadthotellerie die Häuser 25 bis zu 30 Prozent der Etagen-Mitarbeiter „eingespart“, sprich: man hatte sie ohnehin nicht. 

Funktioniert das auch im Top-Segment?

Veit: Im 5-Sterne-Bereich wird das nicht angeboten. Aber im klassischen Stadthotel mit bis zu 4 Sternen ist das gang und gäbe. 

Hat man sich auch noch andere Einsparungsmöglichkeiten überlegt?

Veit: Auch aus Gründen des Umweltschutzes war es schon vor vielen Jahren so, dass man den Gästen gesagt hat, wenn sie die Handtücher nicht am Boden liegen lassen, sondern aufhängen, würden sie eine Nacht nicht getauscht. Diese Praxis hat sich dann nicht richtig durchgesetzt, aber jetzt wird dem wieder mehr Augenmerk geschenkt, zumal jetzt auch noch der steigende Preisdruck von der Energieseite her dazukommt. Das spart dann Energie und auch Arbeitskraft.

Kann die Digitalisierung die Dienstleistung unterstützen?

Veit: Zum Teil ja, zum Beispiel durch automatisches Check in und Check out. Aber diese Dinge sind ja schon immer vorangetrieben worden. Diese sind in der Corona-Phase von den Gästen dann auch mehr akzeptiert worden. Aber beim Zimmerservice gibt es kaum Möglichkeiten der digitalen Unterstützung. Es ist in der Corona-Zeit bzw. aufgrund der Hygienemaßnahmen vieles an Dekoration verschwunden – wobei manche Zimmer vielleicht ohnehin überdekoriert gewesen waren. Und in der klassischen Business-Hotellerie kehrt das nur noch spärlich zurück, was auch eine kleine Erleichterung für die Damen in der Reinigung ist.

Ihr Ausblick?

Veit: Als Unternehmer sind wir natürlich vorsichtig optimistisch. Aber genau weiß keiner, wie der Winter wird, auch nicht Ministerin Gewessler, mit der wir im Austausch sind. Wir würden für den Winter wirklich gerne wissen, zu welchen Bedingungen wir aufsperren können. Deutschland war da schon viel schneller mit entsprechenden Verordnungen, dort weiß man, wie man wird arbeiten können. Die Schweizer Kollegen haben das schon im August bekannt gegeben, zum Beispiel dass zu Saisonbeginn nur 80 Prozent der Pistenflächen beschneit werden dürfen. Solche verbindlichen Maßnahmen hätte ich gerne auch von unserer Regierung, damit wir wissen, wie wir in den Winter starten können. Und natürlich vor allem um zu wissen, welche Dienstleistungen wir aufgrund des Mitarbeitermangels überhaupt anbieten können. Das ist nach wie vor ein großes Problem.

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