Frau Tagreinigung

Die Bemühungen, aufgrund entsprechender Forschung und daraus gewonnener Erkenntnisse und Informationen weg von der Randzeiten-Reinigung hin zu mehr Tagreinigung zu kommen, sind untrennbar mit dem Namen unserer Person des Jahres verbunden: Dr. Karin Sardadvar.

Text: Hansjörg Preims

Karin Sardadvar ist Soziologin und Post-doc-Wissenschafterin an der Wirtschaftsuniversität Wien im Rahmen des Elise-Richter-Programms des Wissenschaftsfonds FWF und lehrt an verschiedenen österreichischen Universitäten. Ihr Werdegang bis zur WU:

Sardadvar hat in Wien – mit Aufenthalten in Großbritannien und Schweden – Soziologie studiert – mit anschließendem Doktorat. Sie hat dann einige Jahre vor allem in der außeruniversitären Sozialforschung gearbeitet, namentlich beim Forschungsinstitut FORBA – „Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt“ in Wien, das auf Fragen der Arbeitsforschung spezialisiert ist. Dort stieg sie 2010 in ein großes EU-Forschungsprojekt ein, an dem 11 europäische Staaten beteiligt waren. In diesem Projekt wurden in einem wissenschaftlichen Prozess mehrere Branchen identifiziert, die dadurch gekennzeichnet waren, dass sie einerseits in der EU wachsen, andererseits aber auch Charakteristika von problematischen Beschäftigungsbedingungen aufweisen, etwa was die Löhne, die Aufstiegschancen oder die Arbeitszeiten betrifft. Sardadvars Zuständigkeitsbereich in diesem Forschungsrahmen war unter anderem die Forschung in der Reinigungsbranche, die in fünf der einbezogenen Staaten untersucht wurde – darunter in Österreich. Im Zuge dessen führte sie damals schon Gespräche mit vielen Reinigungskräften sowie mit VertreterInnen von Reinigungsunternehmen auf verschiedenen Ebenen und mit der Sozialpartnerschaft.

„Dadurch wurde mein Interesse für diese Branche geweckt“, blickt Sardadvar zurück. Dabei habe sie die Leistungen dieser Branche sowie auch die Problematiken hinsichtlich Arbeitsbedingungen aus der Sicht der Forschung „sehr bemerkenswert“ gefunden, sich aber auch gewundert, „dass man sich wissenschaftlich nicht mehr damit befasste bzw. dass man nicht mehr darüber weiß.“

Forschungsthema Tagreinigung

Sardadvar hat dann selbst ein Forschungsprojekt namens „Splitwork“ (Split shifts and the fragmentation of working lives) konzipiert, finanziert vom Wissenschaftsfonds FWF und angesiedelt an der Wirtschaftsuniversität Wien. So kehrte sie wieder zurück zur Reinigungsbranche als einem ihrer Hauptforschungsschwerpunkte. In diesem Forschungsprojekt untersucht Karin Sardadvar seit 2018 die Arbeitszeiten von Beschäftigten in der Reinigungsbranche und in der mobilen Pflege und Betreuung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf  geteilten Diensten – und diese sind in der Reinigungsbranche eng verknüpft mit der Frage der Lage der Arbeitszeiten, sodass sich Sardadvar seitdem speziell auch mit dem Thema Tagreinigung beschäftigt. Wobei das bereits in besagtem EU-Projekt ein Thema war, von daher beschäftigt sich Sardadvar eigentlich schon seit gut 10 Jahren mit dem Thema Tagreinigung. 

Wie beurteilt sie nun hinsichtlich Tagreinigung die Entwicklung in Österreich? „Der Eindruck, den ich in all diesen Jahren gewonnen habe, ist, dass sich lange relativ wenig getan hat, in letzter Zeit aber sehr viel in Bewegung gekommen ist. Dazu haben wir auch mit diversen Aktivitäten im Umfeld meiner Forschung beigetragen – zum Beispiel mit dem „Reinigungstag“ im Juni dieses Jahres in einer Kooperation mit dem Arbeitsinspektorat und den Sozialpartnern. Im Zuge dieser aktuellen Beschäftigungen mit dem Thema sehe ich also, dass in letzter Zeit doch hier und dort Aktivitäten aufpoppen – größeres Bewusstsein für das Thema etwa, Medienprojekte, Pilotprojekte, entsprechende Informationen für die Reinigungsunternehmen durch die Wirtschaftskammer. Diesbezüglich kommt jetzt also, wie ich sehr aufmerksam beobachte, sehr viel in Bewegung.“ 

Wo steht nun Österreich auf dem Weg zur Realisierung der Tagreinigung – zumal vor dem Hintergrund, dass Sardadvar auch im diesbezüglich sehr fortgeschrittenen Norwegen vergleichend dazu geforscht hat? „In der letzten Zeit ist zwar ein stärkeres Bewusstsein für dieses Thema entstanden, aber in der Umsetzung stehen wir erst am Anfang.“ Mittlerweile besteht immerhin regelmäßiger Kontakt zwischen „Frau Tagreinigung“ und der Branche in Österreich; Sardadvar hat sich als Expertin in Sachen Tagreinigung in Österreich etabliert. „Es gibt hier einen regen Austausch, etwa mit der Bundes- und Landesinnung und mit der Gewerkschaft“, bestätigt sie.

„Öffentliche Auftraggeber haben besondere Verantwortung“

Ist das Thema „Weg von den geteilten Diensten hin zur Tagreinigung“ eher ein Thema für das Public Procurement oder eher für Privatunternehmen? Sardadvar sieht hier auf Seiten der öffentlichen Auftragsvergabe „eine besondere Verantwortung“, zumal der Staat gewisse Standards hinsichtlich Beschäftigungsqualität erfüllen sollte und, wie sich etwa in Norwegen gezeigt habe, im besten Fall auch eine wichtige Beispiel gebende Rolle einnehmen könne. Warum? „Weil Tagreinigung zu einem großen Teil auch ein gesellschaftlicher Kulturwandel ist, der entsprechend Zeit braucht, ein Kulturwandel kann sich nur nach und nach entwickeln. Aber irgendwo muss dieser Wandel beginnen. Wenn es dann beispielsweise im öffentlichen Bereich immer üblicher wird, dass die Reinigungskräfte untertags Dienst versehen, dann entsteht daraus auf gesellschaftlicher Ebene eine andere Erwartung, eine andere Gewohnheit, und das kann dann auch in andere Bereiche weitergetragen werden.“

Aber auch für privatwirtschaftliche Unternehmen spreche nichts dagegen, sich mit diesem Thema zu befassen, erstens aus eigenem Interesse aufgrund der bestehenden und weiter sich verschärfenden Problematik des Personalmangels. Es werde auch für das AMS immer schwieriger, für diese kurzen, zerteilten Arbeitsstellen – 2 Stunden da, 3 Stunden dort – Beschäftigte zu finden, die sich damit ja auch keine Existenz aufbauen könnten. „Und“, so Sardadvar, „natürlich auch aus dem Interesse heraus, ein guter Arbeitgeber, eine gute Arbeitgeberin zu sein, wo Beschäftigte gut arbeiten können, wo sie sich entwickeln können und von ihrem Einkommen auch leben können.“ Durch eine Verschiebung dieser Randarbeitszeiten in den Tag hinein würde man es leichter schaffen, längere zusammenhängende Arbeitsstellen zu schaffen.

„Größtes Hemmnis ist die Gewohnheit“

Was sind nun die größten Hemmnisse bei der Umsetzung der Tagreinigung? Sardad­var: „Ich glaube, dass hier auf Seiten der Kundinnen und Kunden die Gewohnheit ein ganz zentraler Punkt ist. Man kann sich nichts anderes als Randzeiten-Reinigung vorstellen. Obwohl man aus der Forschung weiß, dass es in manchen Bereichen sehr wohl anders ist, obwohl man auch weiß, dass es in früheren Zeiten durchaus einmal anders war, und obwohl man weiß, dass es in anderen Ländern auch anders funktioniert.“ Ein weiterer Punkt seien falsche Vorstellungen darüber, wie störend es sei, wenn eine Reinigungskraft zu den Geschäftszeiten arbeite. „Die Störungen im Büroalltag halten sich bei erfolgreich umgesetzter Tagreinigung tatsächlich meist in Grenzen.“ Aber auch technologische Lösungen sollten stärker verfolgt werden. Zum Beispiel fragt Sardadvar: „Warum sollte es bei dem, was technologisch alles machbar ist, nicht auch möglich sein, etwas leisere Staubsauger herzustellen und einzusetzen? Der Staubsauger ist sozusagen das Symbol für die ,Störung‘ durch die Reinigung. Dabei lassen sich die Arbeitsabläufe auch entsprechend gestalten, sodass Störungen auf dein Minimum reduziert werden.“ 

Jedenfalls brauche es, um Tagreinigung umzusetzen, um Fragen des Ablaufes gut zu klären, schon im Vorfeld eine Beteiligung aller betroffenen Gruppen – also des Reinigungsunternehmens, der Reinigungskräfte, des Kundenunternehmens und der Beschäftigten im Unternehmen. „Das heißt, Kommunikation im Reinigungsunternehmen, aber auch im Kundenunternehmen über die bevorstehende Veränderung ist von entscheidender Bedeutung.“

 Fragt sich auch, ob zusätzlich zur Überzeugungsarbeit hier auch ein gewisser „Zwang“ vom Gesetzgeber her mehr bewirken könnte, zum Beispiel durch kollektivvertragliche Zuschläge für die Arbeit an den Randzeiten. Oder? Als Zwang würde sie, Sardadvar, das nicht bezeichnen, sondern vielmehr als ein mögliches Lenkungsinstrument, wenn man Stunden von 18 bis 21 Uhr oder von 6 oder 7 bis 8 verteuern würde: „Man könnte dadurch darauf aufmerksam machen, dass gewisse Stunden mit anderen Aufwänden und Problematiken verbunden sind als andere Stunden.“ Wenn man mit Unternehmensvertretern darüber spreche, sei jedenfalls eine offene Diskussion darüber durchaus möglich. Zumal diese Randzeiten ja auch für die Reinigungsunternehmen nicht das Angenehmste seien – „allein, wenn man sich vorstellt, wie plötzliche Krankenstände zu organisieren sind – das muss mit den gegenwärtigen Arbeitszeiten oft in den sehr frühen Morgenstunden geschehen.“ 

Ein Beitrag zur Lösung des Personalproblems

Kann Tagreinigung zur Lösung des Problems „Personalmangel“ wirklich etwas beitragen? „Ja“, ist sich Sardadvar sicher. „Durch diese Muster der geteilten Dienste bzw. diese Gewohnheit, dass Reinigungsarbeit möglichst ,unsichtbar‘ an Randzeiten erledigt werden soll, entstehen Arbeitszeiten, die immer nur in jeweils wenige Stunden und oft auch noch ortsmäßig zerstückelt sind. Und dadurch ist es – abgesehen davon, dass diese zerstückelten Arbeitszeiten unangenehm sind und dass sie auf die Gesundheit sowie das soziale und das Familienleben negative Auswirkungen haben – natürlich schwieriger, eine zusammenhängende Schicht von zumindest annähernd Vollzeit zu bekommen.“ Wenn eine Arbeit suchende Person drei Stunden am Tag oder drei und – geteilt – nochmal zwei Stunden angeboten bekomme, könnten viele weder ihre aktuellen Lebensumstände an diese Zeiten anpassen noch davon leben. „Wenn man aber den Menschen, die Arbeit suchen und in der Reinigung arbeiten könnten, 7 oder 8 Stunden bieten könnte – zu einer Zeit, wo beispielsweise Kinder betreut werden können, von 9 bis 16 oder 17 Uhr – wird man auch viel leichter Personal für diese Arbeit finden. Weil sie davon leben können und auch das Drumherum organisieren können.“

Ist es zum Beispiel in Norwegen denn schon so, wie Karin Sardadvar sich die Umsetzung von Tagreinigung vorstellt? „Auch dort gibt es noch Verbesserungsbedarf“, sagt sie, „aber die Tagreinigung ist dort zum Standard geworden.“ Wobei es auch dort Bereiche gebe, wo Tagreinigung weniger selbstverständlich sei, zum Beispiel in Kindergärten oder Schulen. Und ihr sei auch  berichtet worden, dass man an manchen Orten so etwas wie eine neue Gefährdung dieser Tagesarbeitszeiten sehe – man müsse also weiterhin darauf achten, dass es bei der etablierten Tagreinigung als Standardmodell bleibe. So gebe es zum Beispiel von Handelsunternehmen vermehrt Anfragen, ob man nicht doch vor den Öffnungszeiten reinigen könnte. „Es ist in Norwegen also auch ein Thema, dass diese etablierte Tagreinigung von verschiedenen Seiten wieder in Frage gestellt wird und man aufpassen muss, dass man nicht wieder in alte Muster zurückfällt.“

Tagreinigung, so resümiert Sardadvar, sei sicherlich nicht die einzige Maßnahme, die zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Wertschätzung der Reinigungsbranche wichtig sei. „Aber es ist eine Maßnahme, die – das zeigen diverse Pilotprojekte und Vergleichsstudien – machbar ist. Und es ist eine Maßnahme, die nicht nur in der Gegenwart unmittelbare Verbesserungen für die Beschäftigten bringen kann, sondern auch langfristig zu höherer Anerkennung für die Branche und die gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit, die dort geleistet wird, beitragen kann.“

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