Eins greift ins andere

Rounde table zum Thema Nachhaltigkeit in der Reinigung mit: Andreas Tschulik, im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft verantwortlich für betrieblichen Umweltschutz und Technologie, Harald Brugger, bei „die umweltberatung“ verantwortlich für das Projekt „Öko-Rein“ im Bereich Chemie & Konsum, Ursula Simacek, Geschäftsführerin der SIMACEK Facility Management Group und Hannes Hofer, Geschäftsführer der Bundesbeschaffung GmbH

Inwiefern betreffen alle Säulen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales –  auch die Reinigung? Was ist wie real umsetzbar?

Brugger: Diese drei Aspekte gelten natürlich auch für den Bereich Reinigung, sie gehören auch hier zusammen und greifen ineinander. Zum einen natürlich die ökologische Komponente, es gibt mittlerweile ja einen großen Markt für ökologische Wasch- und Reinigungsmittel, auch eine große Palette an Reinigungsmitteln, die mit dem Österreichischen Umweltzeichen, mit dem EU-Ecolabel oder dem Nordic Swan ausgezeichnet sind. Wir von „die umweltberatung“ führen beispielsweise in Kooperation mit der Energie- und Umweltagentur Niederösterreich die Datenbank ÖkoRein mittlerweile eine große Liste von umwelt- und gesundheitsschonenden Reinigungsmitteln aus den verschiedensten gewerblichen Bereichen, die nach unabhängigen ökologischen Kriterien bewertet sind. Diese ökologische Komponente hat sich also sehr verstärkt in den letzten Jahren. Aber wir sehen auch ganz klar die soziale Komponente, gerade was die Schulungen betrifft, sprich: Es ist sehr wichtig, dass man, wenn man von nachhaltiger Reinigung sprechen will, gerade auch die nachhaltige Schulung des Reinigungspersonals mit reinbringt. Denn hier geht es auch um Wertschätzung gegenüber dem Reinigungspersonal, das ja zum Teil aus bildungsfernen Schichten kommt, teilweise auch keinen Zugang zur Bildung hat. Und gerade durch entsprechende Schulungen erfährt der gesamte Bereich Reinigung eine gewisse Qualitätserweiterung.

Wir haben eine Zeit des enormen Preisdrucks. Gibt es trotzdem eine Tendenz zu ökologischen Produkten, die ja eher nicht die billigsten sind?

Brugger: Es mag im ersten Moment etwas widersprüchlich klingen, aber der Auftraggeber kann sich durch nachhaltige Reinigung ja sehr viel ersparen. Zum Beispiel: „die umweltberatung“ kooperiert sehr eng auch mit der Stadt Wien, wir beraten auch das Programm „ÖkoKauf Wien“, wo es um ökologischen Einkauf unter anderem auch von ökologischen Wasch- und Reinigungsmitteln geht. Und letztes Jahr gab es nach 15 Jahren „ÖkoKauf Wien“ eine große Veranstaltung, wo eine Evaluierung dessen präsentiert wurde, was diese ökologische Beschaffung der Stadt Wien gebracht hat, ob sie nicht zu teuer ist. Und es wurde erkannt, dass immerhin an die 37 Prozent weniger an Reinigungsmitteln eingekauft werden konnten, und das bei gleicher Reinigungswirkung. Das wurde erreicht durch Schulungen, durch den Umstieg auf mehr mechanische Reinigung bzw. entsprechend weniger Chemie. Viele besonders umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe wurden ausgetauscht, das Reinigungspersonal wurde besonders geschult, wodurch auch die Krankenstände reduziert werden konnten. Und die Stadt Wien konnte sich durch diese Umstellung auf ökologische Reinigung um die 28.000 Euro pro Jahr ersparen, inklusive der Kosten für die Schulungen.

Wie ist die Situation in der Reinigung bezüglich Nachhaltigkeit aus Auftraggebersicht?

Hofer: Da kann ich nahtlos anschließen an das, was schon gesagt worden ist. Auch für den Auftraggeber spielen diese drei Komponenten der Nachhaltigkeit eine sehr prominente Rolle. Speziell was das Thema ökologische Reinigungsmittel anbelangt, möchte ich auf unseren Bezug zum „Aktionsplan für nachhaltige öffentliche Beschaffung“ hinweisen, wo wir uns überlegt haben, welche chemischen Stoffe in den Reinigungsmitteln enthalten sein dürfen. Hier ist es uns eben wichtig, mit Experten zusammenzuarbeiten, um jene Produkte zu identifizieren, die unseren Kriterien auch wirklich entsprechen. Und das sind dann auch die Mittel, die wir unseren Auftragnehmern zur Verwendung in der Reinigung vorschreiben. Für uns ist auch wichtig, dass bei der Verwendung darauf geachtet wird, dass diese Mittel richtig und in der richtigen Dosierung eingesetzt werden, dass wir im Reinigungsvertrag den Reinigungsmittel-Hersteller dazu bringen und ihn auch verpflichtet haben, entsprechende Schulungen durchzuführen. Aber auch im Bereich der Ökonomie ist vieles möglich, wobei der Auftraggeber unter anderem die wichtige Rolle hat, dafür zu sorgen, dass nicht jedes Dumping-Angebot zum Zug kommt. Wir, die BBG, schließen ganz bewusst zu niedrige Angebote aus. Gerade im öffentlichen Bereich ist das ganz wichtig. Zum Thema Soziales: In letzter Zeit ist das Thema Tagreinigung stark thematisiert worden, und ich möchte hier darauf hinweisen, dass 70 Prozent der Reinigungsdienstleistung, die öffentliche Auftraggeber über BBG-Verträge beziehen, während des Tages stattfindet. Und noch eines zu diesem „Dreigestirn „ökologisch – ökonomisch – sozial“, und zwar unter dem Aspekt „vom Verkauf über den Verbrauch bis zur Kontrolle“: Es ist für den Auftraggeber relevant, das Richtige einzukaufen und darauf zu achten, wie es verwendet wird, aber ganz wichtig ist auch hinterher die Kontrolle, Stichwort Qualitätsmanagement. Die Reinigungsbranche ist eine Dienstleistungsbranche, wo man bei der Auftragsvergabe ein Leistungsversprechen bekommt, und wenn man nachher nicht kontrolliert, ob das Versprochene auch eingehalten wird, dann ist meines Erachtens alles, was vorher angeboten worden ist, nichts wert. Die Kontrolle ist uns daher ein ganz wichtiges Anliegen.

Inwieweit können unter den gegebenen Marktbedingungen eines enormen Wettbewerbs- und Preisdrucks neben dem Aspekt der ökologischen Reinigungsmittel auch die anderen Nachhaltigkeitsaspekte Berücksichtigung finden?

Simacek: Das liegt in der Verantwortung der Unternehmer. Der Markt ist extrem kompetitiv, es herrscht ein Verdrängungswettbewerb in Österreich und der Preisdruck ist dementsprechend enorm. Das ist für Dienstleister eine große Herausforderung. Es gibt in Österreich Vorreiter-Unternehmen, die die unternehmerische Verantwortung sehr ernst nehmen, und mich freut ganz besonders, dass dies jetzt in der Regierung auch institutionalisiert wird. Staatssekretär Mahrer ist beauftragt, CSR in der Regierung zu institutionalisieren, er ist diesbezüglich unser Ansprechpartner. Es gibt einen nationalen Aktionsplan CSR, von dem ich große Hoffnung habe, dass er, nachdem er letztes Jahr etwas ins Stocken geraten war, jetzt zur Umsetzung kommt und dass dadurch das Thema Nachhaltigkeit auch in der Beschaffung ein wesentliches Thema sein wird. Denn es geht hier nicht nur um ökologische Reinigungsmittel, wiewohl diese sicher ein ganz wichtiger Teil sind. Wir Dienstleistungsunternehmen beziehen unsere Reinigungsmittel von Lieferanten; die meisten davon müssen Zertifikate haben bzw. geprüft sein, ob sie Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Manche Reinigungsmittel sind nachhaltig, manche weniger, aber grundsätzlich bewegt sich der Lieferant der Reinigungschemie ja immer in einem gewissen Rahmen. Aber CSR in einem Reinigungsunternehmen ist eben viel mehr. Dazu zählen auch die soziale und die ökonomische Verantwortung. Ökonomische Verantwortung bedeutet, für seine Mitarbeiter da zu sein und sie ordnungs- und arbeitsgerecht entlohnen. Die soziale Verantwortung umfasst, dass ich Programme für meine Mitarbeiter und für mein Umfeld anbiete. Aber nicht nur für Mitarbeiter, sondern auch für Lieferanten, für Stakeholder und für meine Kunden.

Gibt es dafür neben altruistischen Gründen auch konkrete wirtschaftliche Gründe?

Auf jeden Fall, denn man muss es in einem erweiterten Kontext sehen. Ich spreche hier auch als Präsidentin des Vereins respACT, dem 260 Unternehmen angehören, denen Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung ein besonderes Anliegen sind. Wobei es darum geht, dass diese Betriebe in den Bereichen „sozial“ und „ökonomisch“ über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Alles auf freiwilliger Basis, aber natürlich sollten die Unternehmungen auch Anreize vorfinden, sprich: politische Rahmenbedingungen, vor allem von Seiten des Wirtschaftsministeriums, damit sie sich noch mehr in diesem Bereich engagieren. Und damit kommen wir zum Wichtigsten: Wenn Unternehmungen nachhaltig agieren und bei Ausschreibungen mitmachen, dann sollten sie auch Punkte für „Nachhaltigkeit in der Unternehmung“ sammeln können, ähnlich wie für Qualitätsmanagement oder für Sicherheitsmanagement. Es gibt auch viele CSR-Zertifikate, wie Ethik-Siegel oder Umweltsiegel, die aber immer jeweils nur einen Aspekt abdecken. Wir reden allerdings von CSR-Management, das heißt, dass alle Maßnahmen, die CSR betreffen, in der Unternehmung implementiert sind. Ich denke, dass wir in zehn Jahren ohnehin nicht mehr darüber reden müssen, weil in allen Unternehmungen das nachhaltige Management als sehr wichtig angesehen wird. Gerade die KMU machen schon sehr viel in diesem Bereich, auch wenn sie es vielleicht nicht als CSR titulieren. Es ist ein Weg der kleinen Schritte. Wenn man Freiwilligkeit zugrunde legt und ein Anreizsystem setzt, wird das auch unserer Branche sehr viel bringen.

Wie sieht es das Ministerium? Geht der Weg in die richtige Richtung, wenn ja, woher kommt der Druck, in diese Richtung zu gehen?

Tschulik: Zunächst sehe ich mich hier in einer Mehrfach-Rolle. Einerseits ist das Umweltministerium natürlich verantwortlich für die Schaffung von politischen Rahmenbedingungen wie dem „Aktionsplan für nachhaltige öffentliche Beschaffung“, wo wir sehr eng mit der BBG zusammenarbeiten. Wir sind auch die Institution, die die Umwelt-Gütesiegel vergibt, wie das Österreichische Umweltzeichen, aber auch das Umweltmanagement-Zertifikat EMAS. Wir sind aber gleichzeitig auch Nutzer, die Standorte des Ressorts werden ja auch gereinigt. Daher haben wir einen Einblick sowohl in die Situation der Auftraggeber als auch in die der Nutzer. Mein Resümee ist, dass uns in den letzten 10-15 Jahren im Bereich Nachhaltigkeit ganz viel gelungen ist. Wir haben mit dem „Aktionsplan nachhaltige öffentliche Beschaffung“ einen guten politischen Rahmen geschaffen, mit dem es auch einen klaren Auftrag an die Institutionen der öffentlichen Beschaffung gibt, primär an die BBG für den Bund, die das auch sehr gut umsetzt. Wir arbeiten aber auch mit den Bundesländern zusammen, „ÖkoKauf Wien“ wurde schon erwähnt. Von daher ist es wirklich in den letzten Jahren gelungen und gelingt noch weiter, die öffentliche Beschaffung auch im Reinigungsbereich stark an dem Thema Umweltschutz, aber auch CSR auszurichten. Mit dem Österreichischen Umweltzeichen haben wir heute schon eine Vielzahl von Produkten, die wirklich einen hohen ökologischen Standard aufweisen, und auch preislich ist es heute auch bei den Reinigungsmitteln so, dass ökologische Produkte absolut wettbewerbsfähig sind. Im Bereich der Unternehmenszertifikate haben wir mit dem EMAS-Zertifikat der EU ein wichtiges Instrument, das gerade auch in der Reinigungsdienstleistungsbranche eine große Verbreitung hat. Und auch da verstärken sich wieder die politischen Instrumente, zumal das Österreichische Umweltzeichen und EMAS Zertifikate darstellen, die auch eine objektive Basis schaffen, damit in den Vergabeverfahren darauf Bezug genommen werden kann. Da ist uns in den letzten 10-15 Jahren also sehr viel gelungen, sowohl was die politischen Rahmenbedingungen anbelangt als auch, was die Umsetzung in der Dienstleistung selbst betrifft. Diese Qualitätsverbesserung war ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess über die letzten Jahre.

 

Hofer: Ich habe es vorher schon angesprochen – ich würde eine Dreiteilung nicht nur der Kriterien, sondern auch im Prozess machen, sprich: Einkaufen, Verbrauchen, Kontrollieren. Beim Einkaufen geht es natürlich um die Reinigungsmittel. Dann geht es aus unserer Sicht sehr stark um die Qualität der Dienstleistung und hier ganz stark um das Thema Ausbildung. Deshalb haben wir – neben dem Thema Meister, Hygiene-Ausbildung usw. – als weiteren Schritt jetzt auch das Thema Ausbildung des gewerblichen Personals in die Ausschreibung hineingenommen. Wobei ich hier insofern beim Thema Verbrauch bin, als ein Mitarbeiter die Produktionsmittel umso besser einsetzen kann, je besser er geschult ist. Zum Thema Einkauf möchte ich aber auch noch sagen: Hier gibt es immer wieder folgendes „Henne – Ei  Problem“. Zertifizierungen kosten Geld – das können sich aber KMUs oft nur dann leisten, wenn sie konkrete Aufträge haben, wo Zertifizierungen gefordert werden. Wir von der BBG haben für diesen Zielkonflikt eine Lösung gefunden, auf die wir stolz sind: Wir geben natürlich die maximale Punkteanzahl an alle, die die Umweltzertifikate schon haben, wir sagen aber auch, dass ein Unternehmen Punkte bekommen kann für sein Versprechen, die Zertifizierungen innerhalb eines halben Jahres nachzubringen, sofern es den Auftrag gewinnt. Und damit bin ich beim nächsten Punkt, der Kontrolle: Wenn ein Bieter Leistung verspricht, wir aber nicht kontrollieren, ob er das dann auch macht, dann ist dieses Instrument der Auftragsvergabe nichts wert, weil es zu keiner Veränderung in der Branche führt. Wir wollen aber die Branche mitgestalten. Deshalb ist die Kontrolle auch eine ganz wichtige Komponente.

Simacek: Aus meiner Sicht wäre es komplett ein falscher Ansatz, ein Zertifikat nur anzustreben, um einen Kunden zu bekommen. Unternehmen, die verantwortlich arbeiten, müssen sich gut organisieren und strukturiert arbeiten, und dazu gehören in der heutigen Zeit eben entsprechende Standards. Doch um dem Ganzen eine Struktur zu geben: Was können wir, Simacek, zum Beispiel im ökologischen Bereich alles tun? Reinigungsmittel einkaufen, die zertifiziert sind – ganz klar.  Und hier vor allem mit Prädikat „nachhaltig“; wir achten auf den Wasserverbrauch in den Objekten – wir schulen unsere Mitarbeiter dementsprechend auf über 1.000 Dienststellen in Wien mit Dosiereinrichtungen, denn Wasser ist unser kostbarstes Gut. Wir betreuen jedoch nicht nur die Objekte der Kunden, sondern achten auch an unserem eigenen Standort darauf, mit welcher Energie er beheizt wird, welches Energiekonzept wir anwenden und wie wir den CO2-Ausstoß minimieren können. Dann das Thema Fuhrpark – in wie weit ist es möglich, dass unsere Mitarbeiter mit Elektroautos fahren? Ich glaube, mehr kann man ökologisch als Reinigungsunternehmen eigentlich nicht machen.

Zum sozialen Aspekt: Was tun wir für die Mitarbeiter? Zum einen bieten wir für unsere Mitarbeiter Sprachförderungskurse gemeinsam mit unseren Kunden an, denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Die Kunden stellen die Räume zur Verfügung und die Mitarbeiter können gleich im Anschluss im Objekt Deutsch lernen – direkt am Arbeitsplatz nach der Dienstzeit, damit die Mitarbeiter nicht quer durch Wien fahren müssen. Unser zweites Schwerpunktthema ist die betriebliche Sozialarbeit. In Zusammenarbeit mit der Caritas gehen wir in die Objekte und bieten unseren Mitarbeitern Beratung in Problembereichen an, sprich: Schuldnerberatung, alles was die Gesundenvorsorge betrifft. Bei allen Problemen, die es im Privatbereich geben kann, unterstützen wir unsere Mitarbeiter, weil sie oft gar nicht wissen, welche Möglichkeiten sie hier haben. Wir machen sehr gute Erfahrungen mit diesen Projekten für unsere Mitarbeiter.

Einmal abgesehen von sehr engagierten Unternehmen wie dem Ihren, Frau Simacek: Woher soll für Unternehmen die Motivation kommen, sich hier mehr zu engagieren?

Simacek: Es ist doch so, dass man durch dieses Engagement letztlich auch ökonomische Vorteile hat. Die Produktivität der Mitarbeiter steigt, es steigt auch ihre Loyalität, sie bleiben gerne beschäftigt bzw. die Fluktuation sinkt. Es schlägt sich also eindeutig auch wirtschaftlich zu Buche.

Brugger: Nachhaltige Reinigung trägt auch sehr viel zur Werterhaltung eines Gebäudes bei. Gut geschulte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden für die unterschiedlichen Materialien jeweils auch das richtige, nicht zu aggressive Reinigungsmittel verwenden. Gerade wir von „die umweltberatung“ sind immer wieder auch mit Anfragen von Kunden und Kundinnen konfrontiert, wo die Böden mit falschen Mittel gereinigt wurden und enorme Schäden dadurch entstanden sind. Also auch von daher ist nachhaltige Reinigung letztlich auch ökonomisch.

Woher kommt die Nachfrage nach ökologischen Reinigungsmitteln? Wird Nachhaltigkeit auch nur als PR Strategie benutzt?

Tschulik: Diese Nachfrage ist sicherlich vor allem von Seiten der öffentlichen Auftraggeber in den letzten Jahren verstärkt worden. Diese Strategie der Öffentlichen Hand hat den Prozess insgesamt beschleunigt, dass Nachhaltigkeit heute in der Reinigungsbranche stärker verankert ist. Aber es ist nicht nur die Öffentliche Hand, die hier eine Rolle spielt. Es gibt auch viele große Unternehmen, die ein Umweltmanagement oder ein CSR-Managementsystem implementiert haben. Auch wir im Ministerium fragen die Reinigung in einer nachhaltigen Art und Weise nach, und das ist durchaus ein Prozess, wo dann auch das ökonomische Argument zum Tragen kommt, wenn die Produktivität und letztlich auch die Wettbewerbsfähigkeit steigt für Unternehmen, die diese Dienstleistung anbieten. Natürlich gibt es – und das ist bei allen Zertifikaten so – in einem fast schon unübersichtlich großen Markt an Gütesiegeln, Labels oder Marken, die den Anspruch stellen, eine ökologische Aussage zu treffen, auch Akteure, die das als Feigenblatt benutzen. Wir verfolgen jedenfalls die Strategie zu sagen: Es gibt die staatlichen Gütesiegel, bei denen wir ein hohes Niveau garantieren können, weil die Öffentliche Hand ja auch in der Kontrolle eine Rolle spielt, daher sollten wir uns gerade in der öffentlichen Beschaffung, aber auch im privaten Sektor darauf stützen. Darüber hinaus gibt es sicherlich auch noch eine Reihe von durchaus ambitionierten Gütesiegeln im Beratungssektor, aber es gibt auch die Labels, die kaum eine ökologische Zusatzqualität bieten. Da muss man sich auch als Nachfrager oder Auftraggeber sicherlich orientieren, wie der Markt an Gütesiegeln und Labels aussieht, wem man vertrauen kann und wem weniger. Und hier ist die Kontrolle natürlich ganz wesentlich.

Welche Säule der Nachhaltigkeit in der Reinigung ist die noch am schwächsten ausgebildete? 

Den Umweltbereich der Nachhaltigkeit haben wir schon gut abgedeckt, sprich: ökologische Reinigungsmittel, die richtige Anwendung der Mittel für den jeweiligen Einsatzzweck in der richtigen Dosierung, problematische Mittel möglichst wenig einsetzen, Stichwort Desinfektion, wo es auch gut gelungen ist, den übermäßigen bzw. nicht notwendigen Einsatz von desinfizierenden Mitteln zurückzudrängen. Auch was die Managementsysteme anbelangt, ist schon ein sehr guter Standard erreicht worden. Wo wir vom Umweltministerium aber noch einen Schritt sehen, der noch zu setzen ist, ist der Bereich der sozialen Nachhaltigkeit. Der CSR-Aktionsplan wurde schon angesprochen, und da gibt es durchaus noch die Diskussion auch auf der politischen Ebene darüber, wie man das umsetzen kann, einzelne politische Akteure haben hier auch noch Vorbehalte. Das ist also noch nicht ganz spruchreif, auch was die Beschaffung anbelangt, es wird aber natürlich weiter gemeinsam mit den Unternehmungen daran gearbeitet.

Simacek: Wobei ich als Präsidentin von respACT im Zusammenhang mit diesem CSR-Aktionsplan schon sagen möchte: Die Mitgliedsunternehmen, die sich engagiert haben und eine Vorreiterrolle einnehmen, erwarten sich natürlich, dass hier bald etwas institutionalisiert wird und dass es sich in der Beschaffung wiederfindet. Als Unternehmerin bin ich jedenfalls schon gespannt, was sich im Öffentlichen Beschaffungswesen bezüglich Nachhaltigkeit tun wird.

Tschulik: In diesem Zusammenhang ist es aber auch wesentlich, dass die Wirtschaft insgesamt einmal ihre Position zu diesem Thema klärt. Denn bei der Frage der Umsetzung dieses Aktionsplans scheint mir der eigentliche Knackpunkt zu sein, dass es eine sehr uneinheitliche Sicht des gesamten Themas CSR in der Wirtschaft gibt. Gerade was Zertifizierungen für den CSR-Bereich anbelangt, gibt es – wenn wir von den Unternehmungen im Verein respACT einmal absehen – auch sehr restriktive Haltungen.

Simacek: Ich glaube, dass es wie in anderen Bereich auch im CSR-Bereich zu Zertifizierungen wird kommen MÜSSEN – zu einer Standardisierung, damit der Auftraggeber Vergleichsmöglichkeiten hat.

Hofer: Manche dieser Ziele sind aber doch auch konkurrierend. Ein Beispiel: Es wird von uns, der BBG, unter anderem verlangt, bei der öffentlichen Auftragsvergabe besonders auf die KMU Rücksicht zu nehmen. Und ein wesentliches Kriterium dabei ist, die Ausschreibungsunterlagen so zu gestalten, dass sie verständlich sind, dass sie nicht zu komplex sind, dass sie auch nicht zu viel werden. Mit jeder zusätzlichen Anforderung an den öffentlichen Auftraggeber, mit jedem weiteren Thema, das in der Bestbieter-Ermittlung zu berücksichtigen ist, werden die Ausschreibungsunterlagen aber noch umfangreicher und komplexer. Auch hier gilt also das Motto, das richtige Maß zu finden – aber auch darüber nachzudenken, ob es Aufgabe der öffentlichen Auftragsvergabe ist, politische Ziele umzusetzen. Denn dazu haben wir ja zuerst die Materiengesetze. Gerade im sozialen Bereich haben wir in Österreich doch ein sehr gutes System, mit Instrumenten, die darauf achten, dass auch auf soziale Aspekte Rücksicht genommen wird. Und da stellt sich dann schon die Frage, ob man neben diesen Materiengesetzen auch noch den öffentlichen Auftraggeber dafür braucht, darüber hinaus Gehendes bzw. noch mehr, als im Gesetz steht – das wird nämlich von uns gefordert – in der öffentlichen Auftragsvergabe zu berücksichtigen. Da und dort mag das vernünftig sein, aber man muss schon auch darauf achten, dass man hier das richtige Maß anwendet.

Simacek: Wenn wir von Nachhaltigkeit und von unternehmerischer Verantwortung sprechen, dann betrifft das alle. Alles gleitet ineinander über und greift ineinander, eine Komponente ist ohne die andere nicht denkbar, es muss ein ganzheitlicher Anspruch sein. Die nachhaltig verantwortungsvolle Unternehmensführung beschäftigt sich sowohl mit sozialen wie auch mit ökologischen Themen – immer im Rahmen der ökonomischen Verantwortung.

Hofer: Ich finde es ja gut, nicht nur über EIN Thema zu reden, nur über Soziales zum Beispiel, sondern über Soziales plus Ökonomie. Man muss sich aber auch einmal trauen zu sagen, dass es auch Widersprüche gibt. Es wäre blauäugig und banal zu sagen, dass das immer nur Win-win-Situationen sind. Zum Beispiel: Ja, es gibt in manchen Bereichen auch Ökoprodukte, die teuer sind. Man soll das nicht einfach wegwischen, sondern sich dem Thema stellen und dann vielmehr der Frage stellen, „um wie viel teurer“ denn vertretbar ist. Das sind die Fragen, mit denen man wirklich konfrontiert ist, und die Dinge auf die es ankommt. Oder das Thema Elektroauto: Ein Elektroauto ist heute teuer als ein günstiges Dieselfahrzeug. Soll nun jedes meiner Fahrzeuge ein E-Auto sein oder vielleicht nur 10 Prozent der Flotte? Das sind doch die wesentlichen Fragen, die man stellen muss.

Oder im Bereich Soziales: Wenn ich als ausschreibende Stelle von jedem Unternehmen verlangen würde, dass es einen Betriebskindergarten hat, dann wären die ganzen KMUs sofort vom Auftrag ausgeschlossen. Oder das Thema Genderquote: Will ich, dass plötzlich die Unternehmen eine ausgeglichene Genderquote haben? – die übrigens im Reinigungsbereich ausnahmsweise umgekehrt ist als in anderen Bereichen. Das sind doch die spannenden Fragen, die beleuchtet gehören.

Simacek: Um an Herrn Hofer anzuschließen: Sie haben völlig Recht, es geht nicht ausschließlich um Elektroautos. Nachhaltige Unternehmensführung bedeutet, dass wir uns ganz genau ansehen, was Sinn macht. Wir streben nach hohen Zielen und nach hohen Werten, aber wir sind alle Unternehmer und wir müssen unter dem Strich nachhaltig-profitables Wachstum erwirtschaften. Das heißt, wir müssen genau evaluieren, was möglich ist im ökologischen und im sozialen Bereich und was nicht.

Auch das Thema „soziales Österreich“ das Sie, Herr Hofer, vorher angesprochen haben, ist ganz ein wichtiges Thema für die Branche. Beispiel Invalidenausgleichstaxe, die in Österreich sozial verankert ist. Unsere Branche ist ganz massiv davon betroffen. Wenn wir nicht pro 25 Mitarbeiter einen Menschen mit Behinderung anstellen, müssen wir die Invalidenausgleichstaxe bezahlen. Wir sind bestrebt, Mitarbeiter mit Handicap beschäftigen zu können, aber so viele Menschen mit Behinderung, wie wir einstellen müssten, gibt der Arbeitsmarkt gar nicht her. Und trotzdem bezahlen wir Invalidenausgleichstaxe. Gerade Unternehmungen, die sehr personalintensiv sind, sind von solchen Belastungen ganz massiv betroffen.

Tschulik: Man muss sich letztlich mit allen drei Nachhaltigkeitssäulen gemeinsam beschäftigen, weil die einfach ineinander greifen. Wobei auch die Zeit ein ganz wichtiger Punkt ist – der Zeitdruck, der sich sehr verstärkt hat. Da spielt auch die Reinigungschemie ein Rolle, sprich: mit welchem Reinigungsmittel man wie schnell reinigen kann. Ich bekomme bei uns im Haus auch sehr kritische Anmerkungen, dass die Reinigungsqualität manchmal zu wünschen übrig lasse. Unsere Mitarbeiter, die das anmerken, sagen aber gleichzeitig auch ausdrücklich dazu, dass dies keine Beschwerde über das Reinigungspersonal sei, weil sie wüssten, dass die Reinigungskräfte pro Zimmer nur mehr so wenig Zeit zur Verfügung hätten, dass es eigentlich kaum möglich sei, ordentlich zu reinigen.

Wenn man über die soziale Säule redet, muss man also auch den Zeitdruck erwähnen, den die Reinigungsmitarbeiter zunehmend haben. Öffentliche Budgets sind knapp, ja, deshalb kaufen wir zu möglichst günstigen Preisen ein, aber damit wird die verfügbare Seite auch einfach beschränkt.

Brugger: Einen Aspekt noch: Nachhaltige Reinigung fängt schon an, bevor die Reinigungsfirma in ein Objekt kommt, denn es geht schon um die Beschaffung an und für sich. Das heißt, eine nachhaltige Reinigung kann schon bei der Planung eines großen Projektes mit berücksichtigt werden. Oder wenn irgendwo ein neuer Boden verlegt werden muss, kann man schon mal alle Beteiligten an einen Tisch holen, vielleicht sogar den Technischen Einkauf, das Reinigungspersonal und den Reinigungsbeauftragten, und dann so planen, dass später eine nachhaltige Reinigung durchgeführt werden kann.

Für die Schlussrunde die Frage: Was kann jetzt für die Nachhaltigkeit konkret getan werden? Wo kann man noch am besten ansetzen? Wo ist noch am meisten Handlungsbedarf?

Hofer: Aus unserer Sicht ist es immer leichter, wenn dieses Thema auch ein nachfrageseitiges ist, wenn also die Dienststellen, für die wir ausschreiben, selbst sagen, dass ihnen dieses Thema wichtig ist, dass sie es verstanden haben, und dementsprechend auch einen nachhaltigen Lieferanten einfordern.

Simacek: Produktmäßig sind alle schon sehr gut aufgestellt, es werden in Österreich nur die Produkte verwendet, die auch zugelassen sind und allen nachhaltigen Kriterien entsprechen. Die ökologischen Produkte sind für mich state oft the art. Der Part, der mich am meisten beschäftigt, sind die Mitarbeiter. Denn der Mitarbeiter ist in unserer Branche der wesentlichste Faktor, um den wir uns am meisten kümmern müssen.

Brugger: Was ich so beobachte, ist, dass es immer bestimmte Institutionen und Personen gibt, die sehr motiviert und engagiert sind im Bereich Nachhaltigkeit. Ich würde mir aber wünschen, dass es auch branchenübergreifend noch stärker würde. Und das kann zum Beispiel erfolgen durch Imagekampagnen, die sich damit auseinandersetzen, was Nachhaltigkeit überhaupt ist und wie man sie umsetzen kann. Die Landesinnung Wien der Denkmal-, Fassaden und Gebäudereiniger hat mit ihrer Imagekampagne damit begonnen, die Gebäudereinigung stärker ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und diesen Schritt sollte man weitergehen und darstellen, dass über die Reinigung auch sehr viel für die Nachhaltigkeit getan werden kann.

Tschulik: Bei den ökologischen Reinigungsmitteln haben wir, wie schon gesagt, ein breites Angebot. Aber auch die Reinigungschemie wird sich immer weiter entwickeln in Richtung noch ökologischerer Produkte. Was ich auch als ganz wesentlichen Punkt sehe, ist die Nachfrage nach nachhaltigen Reinigungsdienstleistungen. Denn wenn wir über öffentliche Nachfrage reden, haben wir uns heute fokussiert auf die BBG, wir dürfen aber auch die Länder und Gemeinden nicht vergessen. Und an unseren Evaluierungen sehen wir klar, dass die zentralen Beschaffungsstellen bezüglich Umweltschutz- und Nachhaltigkeitskriterien ein sehr hohes Niveau haben, dass es aber bei den vielen kleineren dezentralen Beschaffungsstellen noch einen erheblichen Nachholbedarf gibt. Hier die Nachfrage zu verstärken, auch das Bewusstsein in den Dienststellen, halte ich für einen ganz wichtigen Punkt. Weiters ist es bei der Nachfrage wichtig, den privaten Sektor zu verstärken. Und hier ist ein Punkt, dass die Unternehmen, die auch Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanagement betreiben, auch ökologische Dienstleistungen nachfragen. Aber es gibt natürlich auch viele Betreiber von Bürogebäuden, wo das gesamte Facility Management in einer Hand ist, das auch die Reinigung mit umfasst, wo noch ein großer Schritt generell in Richtung nachhaltiges Gebäudemanagement gesetzt werden kann. Da kann man unsererseits sicherlich ansetzen mit den Umweltmanagement-Systemen, aber wichtig ist auch, dass über die Branche selbst die entsprechende Aufklärung an die Auftraggeber erfolgt, aber andererseits auch durchaus über die Medien.

Lesen Sie zum Thema Nachhaltigkeit auch unseren „Schlußpunkt“.

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