„Die Mülltrenn-Moral stagniert“

Für eine korrekte Mülltrennung in den Büros von Unternehmen und Gemeinden ist prinzipiell vorgesorgt: Es gibt geeignete Behälter, es erfolgt eine regelmäßige Entleerung durch Fachkräfte und spezialisierte Unternehmen. Dennoch passieren immer wieder auch „Fehlwürfe“. Experten erläutern die Problematik von falsch entsorgtem Abfall – und mögliche Lösungen.

Text: Erika Hofbauer

Gabriele Jüly, Präsidentin des Verbandes Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB)

Gabriele Jüly, Präsidentin des Verbandes Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB)

Der Abfall in Büroräumen, Kaffeeküchen & Co. wird – wie jeder andere Müll – fachgerecht entsorgt, erzählt Daniel Ramminger, Geschäftsführer von Saubermacher Outsourcing, vom Arbeitsalltag seiner Mitarbeiter: „Das Reinigungspersonal bringt den Müll zu den Müllsammelstellen des Unternehmens und wirft ihn in die entsprechenden Tonnen ein. Die Mülltonnen werden vom Entsorgungsunternehmen entleert und der Abfall in den jeweiligen Behandlungsanlagen umweltgerecht aufbereitet.“ Allerdings, räumt er ein, habe man keine Messungen über Fehlwürfe in Büros: „Ich nehme an, dass es sich ähnlich wie im Haushaltsbereich verhält. Hier stagniert die Mülltrenn-Moral leider. Studien zeigen, dass beispielsweise im kommunalen Restmüll die Fehlwürfe bis zu über 60% betragen, in der gelben Tonne bis zu 18%. Das ist sehr hoch, denn die falsch entsorgten Abfallmaterialen sind für das Recycling für immer verloren.“ Das bestätigt auch Gabriele Jüly, Präsidentin des Verbandes Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB): „Grundsätzlich gilt: Nur sortenrein getrennter Abfall lässt sich optimal recyclen. Mit der vor rund 30 Jahren eingeführten Mülltrennung war Österreich europäischer Vorreiter in Sachen Wiederverwertung von Abfall. Noch heute bestätigt die österreichische Bevölkerung in vielen Studien, wie wichtig ihr die korrekte Sammlung von Altpapier oder Altglas ist, das sagen vor allem ältere Personen, bei den Jungen gibt es Aufholbedarf.“ Dennoch, so Jüly, landen bundesweit seit Jahren über 600.000 Tonnen Wertstoffe aus Kunststoff, Papier, Glas oder Metall im Restmüll, wie eine Berechnung der Montanuniversität Leoben gezeigt habe: „Das ist nicht nur ineffizient, sondern auch teuer. Denn jedes Kilo Wertstoff im Restmüll verursacht zusätzliche Kosten. Wird dieser nicht recycelt, gehen wertvolle Ressourcen im Kreislauf verloren und können nicht rückgeführt werden.“

Hochwertige Abfallentsorgung

Martin Zimmermann, Bereichsleitung Bürobetreuung bei Attensam

Martin Zimmermann, Bereichsleitung Bürobetreuung bei Attensam

Österreich verfügt generell über eine ausgezeichnet funktionierende Abfallwirtschaft, betont die VOEB-Präsidentin: „Kommunen sind für den Hausmüll, den sogenannten Siedlungsabfall, zuständig, während private Entsorger sich um den Abfall von Handel, Industrie und Gewerbetreibenden kümmern. In der Praxis beauftragen jedoch viele Kommunen private Abfallentsorger, die sich auch um den Hausmüll kümmern, vor allem in ländlichen Gebieten. So werden rund zwei Drittel des gesamten Abfalls in Österreich von privaten Entsorgungsbetrieben gesammelt und verwertet.“ Die enge Zusammenarbeit mit den heimischen Kommunen siche allen österreichischen Haushalten und Betrieben eine Abfallentsorgung in höchster Qualität und mit einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis zu, das in Europa einzigartig sei, so Jüly: „Laut aktuellen Zahlen des Nachhaltigkeitsministeriums werden in Österreich 65 Prozent des gesamten Abfallaufkommens recycelt, 15 Prozent verbrannt und somit zur Wärmeerzeugung genutzt, und nur 10 Prozent deponiert.“ 

Die Herausforderungen des Mülltrenn-Alltags kennt Martin Zimmermann, Bereichsleitung Bürobetreuung bei Attensam, nur zu genau: „Natürlich machen unsere Mitarbeiter den Kunden darauf aufmerksam, wenn Abfälle häufig ungetrennt oder offensichtlich in den falschen Behältern entsorgt werden. Generell ist eine nachträgliche Trennung des durch die kundenseitigen Mitarbeitenden eingeworfenen Mülls durch unsere Reinigungskräfte nicht vorgesehen und aus Sicherheitsgründen – da es z.B. zu Nadelstichverletzungen kommen könnte – auch nicht erlaubt.“

Mehr Bewusstseinsbildung

Daniel Ramminger, Geschäftsführer von Saubermacher Outsourcing

Daniel Ramminger, Geschäftsführer von Saubermacher Outsourcing

Produktseitig wird von Spezialfirmen bereits schon einiges in der Praxis verwendet, wie z.B. spezielle Abfallbehältnisse oder Abfallsysteme. Wie werden diese Angebote eigentlich genutzt? Saubermacher Outsourcing-Geschäftsführer Ramminger: „Es gibt verschiedene Anbieter von tollen Mülltrennsystemen für Büros in Betrieben. Leider werden diese noch nicht vollumfänglich eingesetzt, d.h. auch in Büros wird nicht überall die Mülltrennung ausreichend gefördert.“ Die Lösung wäre laut Ramminger: „Mülltrennschulungen, Bewusstseinsbildung und vielleicht auch Anreize für das fachgerechte Entsorgen von Abfällen. Denn nur richtig entsorgte Abfälle können recycelt werden, was wiederum natürliche Ressourcen schont und CO2 spart.“ Aus VOEB-Sicht ergeben sich zwei Punkte, wo man ansetzen müsste, erläutert Präsidentin Jüly: „Die getrennte Sammlung so einfach wie möglich zu machen und viel mehr Aufklärungsarbeit leisten. Derzeit gibt es zum Beispiel in den neun Bundesländern bis zu 13 verschiedene Sammelsysteme, um Plastikflaschen, Leichtverpackungen oder Dosen zu sammeln. Das ist absurd. Aber demnächst wird eine jahrelange Forderung von uns umgesetzt, nämlich die österreichweite Vereinheitlichung aller Sammelsysteme für Leicht- und Metallverpackungen.“ Um die Sammelquoten und somit das Recyclingpotenzial zu erhöhen, wünsche man sich weiters, die getrennte Sammlung – dort, wo es möglich ist – von einem Bring- auf ein Holsystem umzustellen: „Das würde bedeuten, dass auch der getrennte Abfall direkt abgeholt wird. So hätte jeder Haushalt oder jedes Gewerbe nicht nur eine Restmülltonne, sondern beispielsweise auch die Gelbe Tonne vor Ort und müsste nicht mit den getrennten Wertstoffen extra zum Müllplatz fahren. Das funktioniert bereits in einigen Bundesländern sehr gut und erhöht auch den Output an Wertstoffen deutlich“, weiß Jüly, die sich auch verstärkt Aufklärungsarbeit wünscht: „Wir brauchen unbedingt eine zeitgemäße Aufklärung über Mülltrennung, um die junge Generation zu erreichen – am besten über Apps oder soziale Medien.“ Bei Attensam setzt man auf konzeptive Arbeit beim Kunden, wie Bereichsleiter Zimmermann erklärt: „Wir beraten unsere Kunden, welche Maßnahmen sie zur besseren Mülltrennung ergreifen könnten, dafür entwickeln wir dann ein Konzept. Grundsätzlich empfiehlt sich, anstatt auf Mistkübeln in jedem Arbeitsraum auf Müllinseln zu setzen. Optimalerweise bieten diese an einem zentralen Ort wie der Teeküche oder in den Gängen eine entsprechende Infrastruktur zur fachgerechten Mülltrennung mit separaten Behältern für die einzelnen Abfallsorten.“ Die Umstellung auf dieses System müsse im Vorfeld gut vorbereitet sein, um die Mitarbeitenden – die ja ausschlaggebend für die erfolgreiche Implementierung sind – abzuholen, ist Zimmermann überzeugt: „Das geschieht optimalerweise über Marketingmaßnahmen wie Infomailings, Informationen über Bildschirme und Nutzerkärtchen zum Start. Wichtig ist ebenso, dass das Topmanagement dahintersteht und dies der Belegschaft auch vermittelt.“

Rohstoffe aus Abfällen

Worauf wird es in Zukunft beim Mülltrennen ankommen? „Klimawandel, Pandemie und der Krieg in der Ukraine zeigen, dass das Gewinnen von Rohstoffen aus Abfällen wesentlich für unsere Versorgungssicherheit ist“, führt Saubermacher Outsourcing-Geschäftsführer Ramminger aus: „Im Hinblick auf das neue Gesetz über die Nachhaltigkeitspflichten von Unternehmen – Stichwort EU-Lieferkettengesetz – wird der Einsatz dieser Recyclingrohstoffe zusätzlich gefördert. Für ökologisch und ökonomisch sinnvolles Recycling ist die fachgerechte Abfalltrennung wesentlich, d.h. die Bedeutung wird weiter steigen. Zudem wird das Design kreislauffähiger Produkte immer wichtiger.“ 

VOEB-Präsidentin Jüly ergänzt: „Ich werde nicht müde zu betonen, dass die wirksamste Methode gegen das steigende Abfallaufkommen die Abfallvermeidung ist. Da kann und muss jeder und jede Einzelne alles Mögliche tun und sich bei jedem Einkauf überlegen, ob hier unnötig Müll produziert wird. Weniger Abfall schont die Umwelt, schützt Menschen und spart Ressourcen. So sieht die EU-Abfallrahmenrichtlinie in einer fünfstufigen Abfallhierarchie die Abfallvermeidung an oberster Stelle, gefolgt von Wiederverwertung, Recycling, Verwertung und schließlich Beseitigung. Nach diesen Grundsätzen funktioniert auch die Abfallwirtschaft in Österreich.“ Was die Branche betrifft, so Jüly, entwickle sich die Abfall- und Ressourcenwirtschaft rasant weiter: „Es wird im Zuge von Pilotprojekten an innovativen Lösungen, wie zum Beispiel klimaschädliches CO2 einfangen, geforscht, um daraus Kunststoffe herzustellen, Abfallscanner zu entwickeln, die Wertstoffe im Müll erkennen, oder eine mit Wasserstoff betriebene Müllabfuhr zu testen. Ziel der Branche ist dabei immer, mittels moderner Lösungen Abfall im Kreislauf zu halten und so Sekundärrohstoffe für die Industrie zu gewinnen.“ Ganz wichtig sei aber auch, die Recyclingfähigkeit der Produkte zu erhöhen: „Hier ist die produzierende Industrie am Zug, denn sie muss Waren so designen, dass sie leicht und effizient recycelbar sind. Entscheidend ist auch, wie rasch sich die Wirtschaft endlich von einer linearen Produktion in Richtung Kreislaufwirtschaft entwickelt. Recycling macht ja nur Sinn, wenn das daraus entstehende Material, die sogenannten Sekundärrohstoffe, auch tatsächlich zum Einsatz kommen.“

Sensorunterstützung

Österreichische Recyclingbetriebe verfügen über das Know-how und die Technik, um Sekundärrohstoffe in einer ausgezeichneten Qualität zu erzeugen, ist die VOEB-Präsidentin überzeugt. Dennoch liege der Anteil von recyceltem Material in der Produktion derzeit nur bei 10 bis 12 Prozent: „Das ist viel zu niedrig. Würde sich diese weltweit verdoppeln, wären die Pariser Klimaziele erreicht. Wer Rezyklate nützt, hat in Zeiten von Ressourcenknappheit übrigens einen klaren Wettbewerbsvorteil, deshalb nutzen auch immer mehr Industriebetriebe recycelte Wertstoffe statt Neuware.“ Weder aus ökologischer noch aus ökonomischer Sicht könne man es sich leisten, Ressourcen zu verschwenden. Diese Entwicklung bestätigt auch Attensam-Experte Zimmermann, der beim Thema Sensorik eine große Entwicklung kommen sieht: „Schon heute gibt es die Möglichkeit, durch Sensoren die Müllmenge in den einzelnen Behältern in Echtzeit zu ermitteln und somit die Abholung zu optimieren. Sensoren könnten aber auch dafür eingesetzt werden, um zu ermitteln, ob der entsprechende Abfall im richtigen Behälter gelandet ist. Zunehmend wichtiger wird sicherlich ebenfalls die Müllvermeidung im Vorfeld – beispielsweise, dass beim Kaffeeautomaten keine Pappbecher zur Verfügung gestellt werden oder der Einsatz von Plastikverpackungen reduziert wird.“

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