Wie hautgesund gearbeitet wird

Hautschutz ist – nicht nur – in der österreichischen Arbeitswelt ein nach wie vor unterschätztes Risikofeld. Präventive Maßnahmen sollen hier die nötige Sensibilisierung bringen. Reinigung aktuell sprach mit Dr. Roswitha Hosemann, Medizinische Fachkoordinatorin Haut der AUVA, über aktuelle Entwicklungen und die speziellen Herausforderungen in der Reinigungsbranche.

Text: Erika Hofbauer

Reinigung aktuell: Wie stellt sich derzeit die Situation „berufsbedingte Hauterkrankungen“ dar? 

Roswitha Hosemann: Ich möchte gerne exemplarisch am Beispiel der Frisöre erläutern, wie es aktuell aussieht bzw. welche Entwicklung zu erwarten ist. Frisöre sind – die Haut betreffend – DIE Hochrisikogruppe bei Berufskrankheiten schlechthin. Wir haben hier die meisten gemeldeten Berufskrankheiten in Sachen Hautgesundheit. Das hat uns veranlasst, mit entsprechenden Kampagnen und Schwerpunktaktionen – auch die EU hat bereits 2012 eine Kampagne gestartet, wonach sich die Standards im Frisörbereich verändern müssen –, um diese berufsbedingten Erkrankungen in den Griff zu bekommen. 

Reinigung aktuell: Gab es dazu irgendwelche Effekte?

Hosemann: Ja, wir haben durchaus gemerkt, dass sich hier sukzessive eine Trendumkehr abzeichnet. Freilich ist der Level an Erkrankungen nach wie vor hoch, aber wir bemerken doch leichte Rückgänge. Was auffällig war und ist: Die Jungen sind besonders betroffen. Man kann davon ausgehen, dass Hautveränderungen bereits im ersten Lehrjahr beginnen. Dabei gibt es zwei wesentliche Faktoren: Erstens, die Haut der Jugendlichen ist ja noch nicht so abgehärtet, und zweitens handelt es sich gerade zu Beginn der Lehre um eine eher einseitige Tätigkeit, wie zum Beispiel das Haarewaschen. Da ist ein permanenter Kontakt mit Wasser gegeben, und Wasser verändert einfach die Haut. Sie quillt auf, die Hautbarriere wird gelockert. Dazu kommen noch die verschiedenen Haarfärbemittel, die eine hochpotenzielle Sensibilisierungsgefahr darstellen. Diese beiden Aspekte sind ganz entscheidend. 

Reinigung aktuell: Was ist noch auffällig?

Hosemann: Was wir seit einiger Zeit ebenfalls beobachten, ist, dass bei den jungen Lehrlingen der Anteil an anlagebedingten Hautbarrierestörungen bereits sehr groß ist. Soll heißen: Genetisch bedingt haben immer mehr junge Menschen schon keine gesunde, starke Hautbarriere, da ist die Haut natürlich ein bisschen durchgängiger für solche Allergene. Wir haben das auch ausgewertet: Bei 89 Prozent der Friseurlehrlinge treten diese Hautprobleme auf. Das Schwierige dabei ist: Freilich kann ich irritative Hautekzeme – die Balance zwischen Hautschutz und Hautbelastung ist gestört – mit entsprechenden Hautcremen kurieren, das heilt ab. Die Allergie bleibt jedoch bestehen. Wir beobachten generell über alle Branchen hinweg ein Verhältnis von 80 Prozent irritativen zu 20 Prozent allergischen Hautproblemen – bei den Frisören ist dieses Verhältnis jedoch umgekehrt. 

Reinigung aktuell: Es gibt ja Berufe bzw. Gewerbe, die besonders von berufsbedingten Hauterkrankungen betroffen sind. Die Reinigungsbranche zählt hier sicherlich dazu. Welche Spezifika können Sie hier ganz besonders feststellen?

Hosemann: Prinzipiell ist die Situation ähnlich gelagert, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied. Die Frisörbranche ist gut vernetzt, engagiert. Die Innung, die Lehrbeauftragten sind daran interessiert, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und auf Standards hinzuweisen. Für Frisörlehrlinge wird viel getan, um das Image des Berufs zu heben, weil der Lehrlingsbedarf dort sehr groß ist. Die Reinigungsbranche ist hingegen eine sehr heterogene Branche. Hier sind die Personen, die Mitarbeiter, leicht austauschbar. Die Arbeitnehmer sind meist angelernt, sie sind auf den Job angewiesen, und auch ein gewisses Sprachproblem ist hier zu nennen. 

Reinigung aktuell: Das heißt, es geht die Angst um?

Hosemann: Ich glaube ja. Es gibt hier kaum jemanden, der – ob aus Unkenntnis oder Sprachbarriere – hier in die Offensive geht und sagt: Ich benötige diese und jene persönliche Schutzausrüstung (PSA). Da spielt ganz groß der Faktor Angst um den Arbeitsplatz mit. Es gibt freilich auch Reinigungsfirmen, die da sehr proaktiv arbeiten und große Sorgfalt an den Tag legen und meinen: Ja, ich will, dass meine Mitarbeiter in einem gesunden Umfeld arbeiten. Da werden Schulungen durchgeführt und ähnliche aktive Maßnahmen gesetzt. Natürlich gibt es – wie überall – einen großen Graubereich. Da wird es oft den Mitarbeitern überlassen, ob sie sich schützen. 

Reinigung aktuell: Welche Probleme sehen Sie hier besonders?

Hosemann: Wir haben immer wieder Fälle, wo zum Beispiel Schutzhandschuhe getragen werden – aber es sind die falschen! Das sind dann meist dünne Handschuhe, weil die so bequem zu tragen sind, aber die bieten oft nicht den Chemikalienschutz, den man für die Art der Tätigkeit bräuchte. Der Schutzhandschuh muss auf die Art und Dauer der Tätigkeit abgestimmt sein. Jeder nicht adäquate Schutzhandschuh lässt nämlich irgendwann eine Chemikalie durch. Man glaubt, man ist geschützt wie durch eine Art Bleimantel – dabei stimmt das gar nicht. Was noch erschwerend dazu kommt: Der Handschuh ist dennoch per se nicht kaputt, er schützt bloß nicht vor dem, vor dem er eigentlich schützen soll. Man wiegt sich hier in einer falschen Sicherheit. 

Reinigung aktuell: Man muss also über Arbeitsmaterialien genauestens Bescheid wissen, um die richtigen Schutzmaßnahmen zu treffen?

Hosemann: Genau. Die Auswahl der geeigneten PSA ist wesentlich. Wenn ich zum Beispiel mit aggressiven Backrohrreinigern arbeite, ist das etwas Anderes als eine trockene oder Feuchtarbeit. Ich muss wissen, welche Inhaltsstoffe meine verwendeten Reinigungsmittel haben, nur so kann ich feststellen, welche Schutzhandschuhe die richtigen sind. Bei der Unterhaltsreinigung beispielsweise brauche ich keine aggressiven Desinfektionsmittel, im Sanitärbereich sieht das natürlich wieder anders aus.

Reinigung aktuell: Man hört immer wieder, dass es gerade bei berufsbedingten Hauterkrankungen angeblich eine hohe Dunkelziffer gibt, da viele mangels Wissens, dass es sich um eine Berufskrankheit handelt, auch nicht entsprechend Meldung machen. Wie sehen Sie das?

Hosemann: Wir erhalten pro Jahr zwischen 600 und 800 derartige Meldungen – österreichweit. In Deutschland liegt diese Zahl bei ca. 20.000 Meldungen. Wenn man den üblichen Faktor 10 verwendet, kann man sich ausmalen, wie hoch die Dunkelziffer ist.  

Reinigung aktuell: Wie gehen Sie um damit?

Hosemann: Wir haben vor einigen Jahren mit einem völlig neuen Prozess begonnen. Unsere Herausforderung ist: Wir sind ja keine Behörde, wir wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen unterstützten, damit hautgesund gearbeitet werden kann. Wichtig ist, so früh wie möglich ein Problem zu melden. Dann können wir sofort zu handeln beginnen: Wir schulen die betreffenden Personen umgehend, also wir informieren, wo liegt das Risiko, wo bekomme ich die Schutzmaßnahmen her, habe ich auch individuelle Risikofaktoren – eine Allergie oder eine genetisch bedingte Hauterkrankung? Das spielt alles eine Rolle. Wir wählen mit eigens geschulten Gesundheitspädagogen gemeinsam mit dem Versicherten die für ihn geeignete Schutzausrüstung aus. Diese stellen wir dann für 8 Wochen zur Verfügung, wo man anschließend analysiert, ob die Maßnahmen passen. Wir stellen ja nicht nur Diagnose und empfehlen eine Therapie. Wir versuchen alles, damit die Menschen in ihrem Job bleiben können.

Reinigung aktuell: Wie werden diese Angebote angenommen?

Hosemann: Es kommt sicher hin und wieder vor, dass ein Arbeitgeber denkt, er möchte mit der AUVA nichts zu tun haben, er wolle keine Schwierigkeiten haben. Auch arbeitnehmerseitig bemerken wir das eine oder andere Mal eine gewisse Zurückhaltung. Der Mitarbeiter will nicht auffallen und seinen Job nicht verlieren. Ich argumentiere dann immer: „Wenn Sie viele Krankenstände haben, weil Ihre Haut offen ist – was zum Beispiel im Lebensmittelbereich besonders schlimm ist, weil man dann gar nicht mehr desinfizieren kann –, dann sind Sie eine Gefahrenquelle für vieles andere. Dann ist die Kündigung schneller da als Ihnen lieb ist.“ Ich glaube also, dass es doch noch einige Jahre braucht, bis die Art zu denken, dass man sich mit diesen Scheuklappen nichts Gutes tut, ins Bewusstsein eingedrungen ist, 

Reinigung aktuell: Haben Sie Empfehlungen speziell für Reinigungsfirmen im Zusammenhang mit Hauterkrankungen? Einerseits bezüglich des Umgangs mit berufsbedingten Hauterkrankungen, andererseits aber auch hinsichtlich Vorbeugung?

Hosemann: Wir haben spezielle Infofolder für Firmen und Angestellte entwickelt, für die Reinigungsbranche haben wir sogar extra nonverbale Materialen aufgrund der Sprachschwierigkeiten erarbeitet. Wir unterstützen die Betriebe in der Form, dass wir in die Betriebe kommen und Schulungen durchführen. Zu sagen, ich gehe einfach zum Arzt, hilft oft auch nicht, denn: Der niedergelassene Dermatologe weiß ja nicht, mit welchen Materialien, mit welchen Inhaltsstoffen gearbeitet wird. Auch wird er wohl nicht diese Zeit aufwenden können, wie dies von unserer Seite her möglich ist. Die Info-Materialien sind kostenlos und können auch online bestellt bzw. runtergeladen werden.

Reinigung aktuell: Können Sie auch Spezifika je nach Reinigungsbereich – Krankenhausreinigung, Fassadenreinigung, Baustellen, Gastro etc. – nennen, und was hier zu tun ist?

Hosemann: Reinigung ist nicht Reinigung. Wir müssen genau hinterfragen, welche Tätigkeit mit welchen Mitteln und Materialien ausgeführt wird. Wir schauen uns die Inhaltsstoffe der Reinigungsmittel sehr genau an. Bei der Krankenhausreinigung, wo sehr viel mit Desinfektionsmitteln gearbeitet wird, sind andere Schutzhandschuhe notwendig als bei der Fassadenreinigung. In der Gastronomie ist es noch einmal anders. Hier muss zum Beispiel auch auf Lebensmitteltauglichkeit geachtet werden. Wir müssen hier also ganz zielgerichtet beraten. Daher sind wir von der Kollektivprävention abgegangen und fokussieren uns auf Individualprävention. So kann man zum Beispiel auch dahinterkommen, dass manche Mitarbeiter schon auf Inhaltsstoffe von Schutzhandschuhen Allergien entwickelt haben. Hier gibt es Gott sei Dank schon einen gut entwickelten Markt mit einer Vielzahl an Angeboten.

Reinigung aktuell: Es gab ja ein Präventionsprogramm zum Thema seitens der AUVA, allerdings nur in der Steiermark und Kärnten. Können Sie beschreiben, worum es da geht und wie hier der Stand der Dinge ist?

Hosemann: In der Steiermark und Kärnten wurde das Präventivprogramm als Pilotprojekt gestartet, seit Mitte 2018 gibt es das in ganz Österreich. Es geht dabei darum, dass die AUVA berät und informiert, wenn eine Meldung einlangt. Es kommen dann Gesundheitspädagogen in den Betrieb und schauen sich individuell an, welche Maßnahmen erforderlich sind. Wir haben eigens ausgebildete Dermatologen, Arbeitsmediziner, Gesundheitspädagogen usw., die dieses Service kostenlos anbieten. 

Reinigung aktuell: Hautschutz-Schulungen sollen präventiv wirken und informieren. Wie werden diese Dienstleistungen angenommen? 

Hosemann: Wir machen neben unseren betriebsspezifischen Schulungen auch so genannte Multiplikatorenschulungen, das heißt, wir geben zum Beispiel an Sicherheitsfachkräfte unser Know-how weiter. Freilich gibt es immer wieder Hemmschwellen, gerade bei der Personengruppe der Angelernten. Wenn wir aber durchgedrungen sind, zeigen sich die Betroffenen sehr dankbar. Natürlich wird diese Bewusstseinsbildung dauern. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass man über seine Hautprobleme spricht. 

Reinigung aktuell: Was kann man tun, wenn zum Beispiel seitens der Firma PSA und dergleichen zur Verfügung gestellt werden, die Mitarbeiter diese aber nicht benutzen?

Hosemann: Wenn die Evaluierung ergibt, dass man eine bestimmte PSA zu verwenden hat und der Arbeitgeber diese auch kostenlos zur Verfügung stellt, ist grundsätzlich der Arbeitnehmer gesetzlich dazu verpflichtet, diese auch zu verwenden. Wir können leider nicht überprüfen, ob das wirklich so geschieht. Da muss man auch an die Eigenverantwortung appellieren, die Gesundheit der Haut muss einfach wichtig sein. Wir wissen aber auch, dass hier die Jungen schon ganz anders an dieses Thema herangehen. Bei Älteren sind es noch viele eingefahrene Strukturen und Gewohnheiten, die hier eine Rolle spielen. Wir merken aber sehr viel Bemühen seitens der Betriebe.

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