Tagreinigung 2.0

Impulsreferat bei FAIR PLUS CLEANING.

Text Christian Wolfsberg

Anlässlich des ÖSB-Events am 20. März war das Impulsreferat „Nicht aller Tage Abend?“ von Frau Dr. Karin Sardadvar der WU Wien mit Sicherheit ein Highlight in der Diskussion über die Tagreinigung. Es ist so ziemlich die derzeit beste Zusammenfassung des Themas.

Arbeitszeiten in der Reinigung

Derzeit steht die Arbeit – vor allem ist hier die Unterhaltsreinigung gemeint – in dem Dienstleistungsdreieck Kunde – Dienstleister – Reinigungskraft. Da der überwiegende Anteil der (Unterhalts)Reinigung an Dienstleister ausgelagert ist und der Kunde sich wünscht oder einfach gewohnt ist, dass die Arbeit zu Tagesrandzeiten erledigt wird, ergibt sich für den Gros der Reinigungskräfte ein Dienst in den zuschlagsfreien Zeiten (6 bis 21 Uhr) am frühen Morgen und späten Nachmittag oder Abend. In diesen Randzeiten nimmt Österreich (laut letzter Vergleichsstatistik der EFCI aus 2014) mit 92 % leider einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Vielleicht hat die neuere EFCI-Statistik, die allerdings auf Innungsdaten beruht, bessere Nachrichten. Die BBG liegt schon jetzt bei 68 %. Bessere Hard Facts gibt es derzeit leider nicht, sowohl von der Definition der Tagreinigung – was gilt als Tag in den verschiedenen Ländern? – als auch welche Quellen dazu herangezogen werden. Die Reinigungskräfte wünschen sich jedenfalls mehrheitlich Tagesarbeit. Ein Umfrage von Michenthaler et al. aus 2013 belegt diesen Wunsch mit 69 %, eine aktuelle Erhebung von FairPlusCleaning (2018) mit 60 %. Tatsächlich wird zu 48 % vor 9 Uhr und zu 37 % geteilt zwischen 6-8 und 18-20 Uhr (Michenthaler et al.) gearbeitet. Trotz Mangel an wirklich repräsentativem gesicherten Datenmaterial ist die Tendenz dennoch klar: Die Tagreinigung ist noch nicht dort, wo sie sein könnte, gereinigt wird weitestgehend ohne Zuseher.

Folgen für Frauen und die Work-Life-Balance

Gemäß Eurostat sind 84 % der Reinigungskräfte Frauen. (Die Landesinnung Wien kommt für Österreich auf einen Anteil von 71 %.) Dieser extrem starke Frauenanteil der Branche führt eindeutig zu weiterem gesellschaftlichen Stress, da die unbezahlte Haus- und (Kinder)Betreuungsarbeit ebenfalls zum überwiegenden Anteil diesen Frauen zufällt. Mehr Tagesreinigung würde jedenfalls diese zeitliche Doppelbelastung (Beruf und Heimarbeit zur gleichen Zeit) lindern. Eine Reduktion der Randzeiten würde den Frauen auch ein Mehr an Sicherheitsgefühl bescheren. Sie müssten weder in den frühen Morgenstunden (Dunkelheit und wenig andere Menschen) unterwegs sein, noch wären sie am Arbeitsplatz alleine. Die Work-Life-Balance sieht ohnehin schlecht aus, eine Reinigungskraft sagt z.B.: „Wir sehen uns … dreimal in der Woche eine Stunde am Tag.“ Die Randzeiten beeinträchtigen das Familienleben, die Partnerschaft und die Sozialkontakte. Zu Ende gedacht ist eine Entwicklung in Richtung Tagreinigung auch eine Gleichstellungsmaßnahme. Eine Gleichstellungsmaßnahme, die den Druck auf Frauen nimmt und ihnen statt Stress mehr Zeit für Partner, Familie und Freunde zukommen lässt.

Die Vorteile der Tagreinigung

Dort, wo die Tagreinigung möglich ist, entstehen eine ganze Reihe von Vorteilen für alle Beteiligten des Dienstleistungsdreiecks Kunde – Dienstleister – Reinigungskraft. Durch die Erhöhung der Sichtbarkeit der Reinigungsarbeit, steigert sich die Anerkennung und Wertschätzung sowie die Integration der Reinigungskräfte. Dadurch steigt quasi automatisch die Kundenbindung und -zufriedenheit, die Motivation der Mitarbeiter und das Verständnis des Endkunden für die Tätigkeit an sich. Die Beschwerden verringern sich (Erfordernisse können jetzt ja direkt besprochen werden), wie auch vermutlich die Personalfluktuationsrate. Auch rein organisatorisch werden Erleichterungen spürbar: Komplizierte Transfers in den Morgenstunden entfallen, Krankmeldungen können leichter gehandelt werden.
In Belgien (44 % Tagreinigung) gab es 2012 eine Kampagne mit 10 Argumenten für die Tagreinigung: 1. Reinigungskräfte sind Teil eines Teams und daher motivierter. 2. Die Kommunikation Reinigungskräfte – Reinigungsempfänger ist schneller und besser. 3. Reinigungskräfte führen ein normales Familienleben. 4. Reinigungskräfte und andere Beschäftigte erleben sich gegenseitig; das führt zu Respekt. 5. Reinigungskräfte können die Öffis sicherer nutzen. 6. Beleuchtung und Heizung können gespart werden. 7. Sicherheitspersonal kann eingespart werden. 8. Mehr Anerkennung führt zu weniger Abwesenheit. 9. Die Reinigungsqualität verbessert sich. 10. Sparsamkeit mit Material erhöht sich.
Auch in Norwegen gab es vor 25 Jahren viel Teilzeit und atypische Arbeitszeiten. Mittlerweile arbeiten 70 % untertags und im Durchschnitt zu 70 % in einer Vollzeitstelle, also 37,5 Stunden. Diese Umstellung wurde sowohl durch Soft-Maßnahmen wie Bemühungen von Gewerkschaften und Arbeitgebern, aber auch von der Professionalisierung der Branche generell sowie durch Rekrutierungsprobleme und hohen Personalkosten getragen. Letztlich waren auch hohe Zuschläge abseits der Tageszeiten (6-18 Uhr) ein Mitgrund.

Weitere Herausforderungen

In jedem Fall sind sorgfältige Abstimmungen mit dem umzustellenden Kunden nötig, vermutlich werden auch nicht alle – so auch nicht alle Reinigungskräfte – zu überzeugen sein.  Insinuiert wird auch oft, dass manche Unternehmer ein Interesse an den Randzeiten haben, weil dann die Qualität schlechter zu überprüfen ist. Auch für die Reinigungskräfte ist eine Umstellung eine Herausforderung. Durch die Sichtbarkeit müssen sie schnell und leise arbeiten, der Kontakt mit den anderen Beschäftigten erfordert mehr Sprachkenntnis, mehr Wissen und ein höheres Selbstvertrauen.

Fazit

Dr. Sardadvar stellt abschließend einen Vorteilskatalog für die Beteiligten zusammen. Für Beschäftigte: Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Vollzeit- bzw. längere Teilzeitarbeit sichert den Lebensunterhalt, höhere Arbeitszufriedenheit, keine bzw. kürzere geteilte Dienste, weniger Wegzeiten, bessere Work-Life-Balance. Für Unternehmer: Verringerung der Rekrutierungsprobleme, Erhöhung der Arbeitszufriedenheit, Senkung der Krankenstände und der Fluktuationsraten, organisatorische Erleichterungen (Anfahrten, Krankenstände), Verbesserung des Images.
Um die Tagreinigung insgesamt auf ein skandinavisches Niveau (deutlich über 50 %) zu bringen, gilt es vor allem, ein Bewusstsein für die Vorteile in der Öffentlichkeit zu schaffen. Aufklärung (tun wir hiermit!) und Angebote sind am wichtigsten. Am besten, es wird dort begonnen, wo es sich am einfachsten machen lässt: Baumärkte, Einkaufszentren, Pflegeheime …

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