Schicke Hightech­materialien statt Blaumann

Die Träger einer klassischen Berufsbekleidung werden immer weniger. Warum die Branche trotzdem wächst, was sie antreibt – und was die Kunden davon haben.

Text: Heinz van Saanen

Günther Reindl

Produziert wird heute weltweit, was auch Fragen der Verantwortung aufwirft. Bei Günther Reindl, Chef der öberösterreichischen Reindl GesmbH, haben in den Produktionsstätten Kinder- und Sklavenarbeit oder soziale Unterdrückung keinen Platz. In „kritischen Regionen“ wie Asien oder Südosteuropa finden unangemeldete externe Audits oder Besuche von Reindl selbst statt.

Die Auswirkungen der Finanzkrise waren auch in Österreich zu spüren. Aber das Wirtschaftsbarometer zeigte – Tu felix Austria – bald wieder nach oben. Die Alpenrepublik legte, zumindest im Vergleich zu vielen anderen europäischen Volkswirtschaften, beinahe eine Sonderkonjunktur hin. Aber jetzt ist das hässliche K-Wort wieder vermehrt zu hören. Im Sommer drehte etwa der Einkaufsmanagerindex der Bank Austria ins Minus, erst jüngst sagte die Industriellenvereinigung (IV) für 2013 eine Stagnation, wenn nicht gar eine Rezession der Industriekonjunktur voraus. Im Herbst – die Zeit der Lohnverhandlungen – übt sich die IV gerne im rituellen Pessimismus. IHS und WIFO sehen für nächstes Jahr immerhin noch ein Wachstum von rund einem Prozent. Welches Szenario eintritt, wird auch im Ausland entschieden.

Ein spezieller Sektor, der auch etwaige Konjunkturdellen durchtauchen wird, ist die Berufsbekleidung. Die Hersteller haben schon länger einen radikalen Strukturwandel hinter sich. Wer heute noch am Markt ist, ist ohnehin krisengestählt und wendig wie ein Schlauchtboot.

Auch der Bereich Mietwäsche oder Textil-Leasing kämpft mit nicht immer günstigen Rahmenbedingungen. Theoretisch zumindest, denn in Deutschland etwa ging die Zahl der Träger von klassischer Berufsbekleidung innerhalb weniger Jahre fast um knapp ein Drittel zurück. Weniger drastisch, aber ähnlich ist die Entwicklung in Österreich. In der Industrie steigt zwar die Bruttowertschöpfung beständig. Die Beschäftigtenzahl – potentielle Träger von Arbeitskleidung – sank aber laut IWI-Berechnungen zwischen 1995 und 2003 um jährlich 1,4 Prozent. Die Hersteller von Berufsbekleidung und Anbieter von Miettextilien beeindruckt das aber scheinbar wenig. Nicht selten handelt es sich bei den Akteuren um gewachsene und wendige Familienunternehmen, die heute nicht nur Konzerngröße erreicht haben oder Auslandsmärkte beackern, sondern auch um wahre „Methusalems“ (siehe Kasten). Salesianer Miettex, Staufer Textil, CWS boco, Initial oder MEWA etwa haben eines gemeinsam: sie sind – etwas mehr oder weniger – schon rund ein Jahrhundert am Markt. Die Produzenten – Ötscher Berufskleidung, Reindl oder Oberhofer zum Beispiel – sind zwar etwas „jünger“, aber auch schon rund fünf bis sechs Jahrzehnte im Geschäft. Was die Unternehmen derart langlebig und erfolgreich macht, lässt sich nicht ohne weiteres über einen Kamm scheren.

Triebkräfte

Andreas Philipp

Einer der Branchentrends ist Nachhaltigkeit. „Wir fahren ein kontinuierliches Energiesparprogramm mit dokumentierter Reduktion der CO2-Emissionen, das in den letzten Jahren zu einer Ersparnis von rund 2.800 Tonnen CO2 geführt hat“, sagt Salesianer Miettex Geschäftsführer Andreas Philipp.

Die heimischen Hersteller von Berufsbekleidung haben einen extremen Strukturwandel und den Angriff von Billigpappenheimern – Stichwort Textilkrise – hinter sich. Der Anbietermarkt ist fragmentiert, weist aber einige Gemeinsamkeiten auf. Gepunktet wird mit Qualität, produziert wird zumeist international, verkauft aber auch fast schon. Die Amstettener Firma Ötscher Berufsbekleidung etwa hat rund ein halbes Dutzend Vertriebsniederlassungen in EU-Staaten und exportiert zudem von Norwegen bis Japan. Wer die Webseite der oberösterreischen Reindl GesmbH ansurft, weiß auch gleich, was es geschlagen hat. Die Domain lautet nicht auf at sondern auf eu, der Webshop präsentiert sich in der Voreinstellung überhaupt gleich auf Englisch. Produziert wird, wo Qualität und Preis passen. Also irgendwo zwischen Tunesien, dem Balkan, der Türkei und Südostasien. Preis und Qualität ist aber nicht alles. Gefragt sind auch ethische Standards. Für Günther Reindl haben „Kinder- und Sklavenarbeit oder soziale Unterdrückung keinen Platz“. Die Standards werden durch unangemeldete externe Audits überprüft. Bevor Lieferantenbeziehungen aufgenommen werden, setzt sich auch Reindl selbst oder Marketing-Leiter Gernot Gaiswinkler in den Flieger, um sich auch in den entlegensten Landstrichen ein Bild vor Ort zu machen. Selbst durch Vietnam reitet man heute nicht mehr mit dem Wasserbüffel. „Aber Urlaubs­charakter haben solche strapaziösen Anreisen und Firmenbesichtigungen leider äußerst selten“, so Gaiswinkler.

Ethische Standards gehören für seriöse Anbieter zum guten Ton. Ötscher Berufskleidung verpflichtet sich nach den „Fair Wear Standards“ zur Einhaltung eines Verhaltenskodex, der alle denkbaren sozialen Grauslichkeiten bis in die Ebene von Sublieferanten und Lizenznehmern unterbinden soll. Mit der Konzentration auf Kernkompetenzen und Qualität fahren die Hersteller scheinbar gut. Nach der letzten Studie des Marktforschers Kreutzer, Fischer & Partner (KFP) erzielten die Produzenten 2010 einen Umsatz von 78 Mio. Euro und konnten damit leicht zulegen (siehe Kasten). „Potenzial bieten attraktive Nischenmärkte. Die Industrie setzt etwa vermehrt auf Arbeitsschutz. Wer die entsprechenden Spezialprodukte anbieten kann, beackert ein Wachstumsfeld“, so KFP-Chef Andreas Kreutzer. Noch mehr auf Grün stehen die Ampeln im Bereich Miettextilien. Laut KFP lag dort der Umsatz 2011 bei 280 Mio. Euro – und wuchs damit um über drei Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein wesentlicher Treiber ist der ungebrochene Trend zu Outsourcing. „Nach Frottee- und Flachwäsche sehen wird das zunehmend auch bei Berufsbekleidung und Mietwäsche. Dieser Trend wird sich noch verstärken“, meint Kreutzer.

Krisenresistenz

Andreas Kreutzer

Outsourcing bleibt ein Umsatztreiber. „Bei Frottee- oder Flachwäsche sehen wir das schon länger. Heute wird zunehmend auch Berufsbekleidung und Mietwäsche outgesourct. Dieser Trend wird sich noch verstärken“, sagt Andreas Kreutzer, Chef des Marktforschers Kreutzer, Fischer & Partner.

Dass sich der Outsourcing-Trend weiter verstärkt, hilft auch in Zeiten eher unsicherer Konjunkturprognosen. „Wenn es am Kapitalmarkt knapper wird, entlasten wir unsere Kunden mit unserem Mietwäsche-System nicht nur durch die Finanzierung der Anfangsinvestition in Textilien. Dass wir Fixkosten in variable Kosten umwandeln, sorgt bei wechselndem Marktumfeld auch für mehr Flexibilität“, sagt Salesianer Miettex Geschäftsführer Andreas Philipp. Für eine gewisse Krisenresistenz sorgen auch branchenspezifische Sonderentwicklungen. Bei Miettextilien werden etwa Hotellerie und Gastronomie oder der Gesundheitssektor als überdurchschnittliche Wachstumstreiber gehandelt. Dazu kommt, dass ohnehin eine steigende Anzahl von Betrieben mit der Vergabe des kompletten Wäsche-Managements an Spezialisten liebäugelt. Schwer machen es die Anbieter von Miettextilien ihren zukünftigen Kunden nicht. Abseits von fixen Miet- oder Leasingkosten und Finanzierungsaspekten gibt es bald keine Dienstleistung oder Extra-Benefits, die nicht schon angeboten werden. Schmankerl wie schrankfertige Zustellung, Abholung und Reinigung, personelle Zuordenbarkeit und komplette Textillogistik sind – bei den großen Platzhirschen zumindest – schon fast selbstverständlich. Die Abnehmerstruktur der Miettextil-Anbieter hat sich in den letzten Jahren etwas verschoben.

Größere Abnehmer nehmen größere Volumen ab – und üben auch mehr Druck aus. Ein Konzern muss man trotzdem nicht sein, um die Vorteile von Miettextilien zu genießen. MEWA beispielsweise kleidet auch Unternehmen ab einem Mitarbeiter ein – und verspricht, dass sich das auch rechnet. Der simple Blaumann oder der schnöde graue Arbeitsmantel sind ohnehin fast schon Relikte aus vergangenen Zeiten. Heute zählt alleine bei den Materialien schon High-tech. Spezielle Faserstrukturen sorgen nicht nur für Schmutzabweisung, sondern auch für Einhaltung von Normen oder Arbeitsschutz, permutiert über die verschiedenen Anforderungen in verschiedenen Branchen. Modischer Schick und durchgängiges Corporate Identity-Design kommen auch nicht mehr zu kurz. Vor allem dort, wo Mitarbeiter auch im persönlichen Kontakt mit den Kunden stehen. Industrie und Gewerbe sind klassische Zielgruppen. Halt machen die Anbieter von Miettextilien aber auch dort nicht. Auch „Bürohengste“ wie Vorstände, Geschäftsführer, Vertriebler oder Börsenhändler werden bedient. Ob Hosen, Blusen, Hemden, Röcke oder Anzüge, die Vorreiter der „Business-Fashion“ bieten auch solche Produkte an. Textiles High-tech inklusive. Bei CWS boco etwa gibt es sogar Krawatten mit extra schmutzabweisendem Microfaser-Material – und mit Teflon-Ausrüstung. Ziemlich sicher dürften solche „Spezial-Krawatten“ länger halten als die Prognosen mancher Börsenhändler, die sie tragen.

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