Reinraumbekleidung muss als Konzept funktionieren

Die Reinraumbekleidung ist genauso ein komplexes System wie ein Reinraum an sich. Szilard Jakab, Gebietsverkaufsleiter Österreich für die Dastex Reinraum-zubehör GmbH (D), im Gespräch.

Text Hansjörg Preims

Reinigung Aktuell: Wie nahe liegt oder läge es für einen Gebäudereiniger, auch Rein­raumreinigung anzubieten?

Szilard Jakab

Szilard Jakab

Szilard Jakab: Um einen Reinigungsbetrieb betreiben zu können, braucht es den Meister, wobei man mit dieser Meisterprüfung einen Reinraum zwar reinigen darf, aber nicht unbedingt auch schon reinigen kann. So wird in vielen Fällen der Reinraum mit einem OP-Saal verwechselt, denn für viele Reinigungsbetriebe ist ein OP-Saal das Reinste überhaupt, das sie jemals gereinigt haben. Man muss aber zwischen dem OP-Saal und dem Reinraum durchaus unterscheiden, denn im Reinraum herrschen höhere Reinheitsvorschriften und auch -kriterien, da es dort nicht nur die mikrobielle, sondern auch die partikuläre Verunreinigung zu vermeiden gilt. Sprich: geht es im OP-Saal hauptsächlich um die Sterilität, so geht es in den technischen Reinräumen wie zum Beispiel in der Halbleiter-Produktion oder im Automotiv-Bereich hauptsächlich um die partikuläre Reinheit und dementsprechend darum, ein Reinheitskonzept zu gewährleisten und aufrechtzuerhalten, nicht zuletzt natürlich auch durch das Reinigungspersonal. Dementsprechend muss das Reinigungspersonal ein Grundwissen über die Reinräume mit sich bringen, so z.B. über das Verhalten im Reinraum, das richtige Einkleiden, und nicht zuletzt sollte ein Verständnis dafür da sein, warum ein scheinbar sauberer Raum trotzdem gereinigt werden muss. Und da gibt es häuft eben den Irrglauben bei den Reinigungsunternehmen, sie könnten Reinräume reinigen, weil sie schon OP-Säle gereinigt haben. Dabei sind in OP-Sälen teilweise noch Baumwoll-Mopps im Einsatz, Mischgewebe-Bekleidung für das Reinigungspersonal, Flies-Einweghäubchen, teilweise wird ohne Handschuhe gereinigt – das ist im Reinraum gar nicht möglich oder zumindest in einigen Reinraumklassen nicht.

Welche Reinraumklassen gibt es?
Die Reinraum-Klassifizierungen sind nach Luftreinheitsklassen laut ISO 14644-1 eingeteilt, das geht von ISO 1 bis ISO 9, wobei diese Zertifizierung eher die technischen Reinräume betrifft, sprich: Halbeiter-Produktion, Automotiv, Space, Optik usw. Und es gibt noch die GMP-Klassifizierung, die für die Medizinprodukte-Hersteller, Pharmaproduktion oder diverse Apotheken wichtig ist, die zum Beispiel Zytostatika herstellen, und hier werden die Reinraumklassen nach A, B, C, D und E klassifiziert. Allerdings gehen die ISO-Zertifizierung und die GMP-Klassifizierung sehr konform, was die Partikel-Anzahl betrifft, der Unterschied liegt darin, dass für die Pharmaindustrie sowohl die mikrobiologische als auch die partikuläre Reinheit eine Rolle spielt, für die Halbleiterindustrie aber lediglich die Partikelreinheit.

Wer sind Ihre Hauptkunden? Gebäudereiniger, die auch Reinraumreinigung anbieten? Reine Spezialisten? Oder die Reinraumbetreiber?
Unsere Hauptkunden sind die Reinraumbetreiber und die Wäschedienstleister (Reinraumwäschereien). Weil die Reinheitsanforderungen und auch die Bekleidungskonzepte für das Reinigungspersonal immer vom Reinraumbetreiber definiert werden, nie vom Reinigungsunternehmen. Weil nur der Reinraumbetreiber wissen kann, wie hoch seine Anforderungen sind, und diese müssen dementsprechend vom Dienstleister oder vom Eigenpersonal gewährleistet werden.

Wer kauft dann die den Anforderungen des Betreibers entsprechende Reinraumbekleidung?
Die Reinraumbekleidung wird entweder als Eigenwäsche vom Endkunden eingekauft oder vom Wäschedienstleister, der die Bekleidung in Form von Mietwäsche dem Endkunden zur Verfügung stellt. Nur selten kauft der Reinigungsdienstleister die Produkte ein.

Unterscheidet sich die Reinraumbekleidung der Reinraum-Mitarbeiter  von der Bekleidung der Person, die den Reinraum reinigt?
Von der Funktion des Reinraum-Bekleidungskonzeptes her darf es keinen Unterschied geben. Die Bekleidungskonzepte werden, wie schon erwähnt, immer vom Reinraumbetreiber definiert, wo es darum geht sicherzustellen, dass der Mensch als Kontaminationsfaktor Nr. 1 in einem Reinraum diesen so wenig wie möglich verunreinigt, wodurch auch immer, durch Bewegung, Reinigung, Arbeiten usw. Laut VDI werden die einzelnen Bekleidungskonzepte für die einzelnen Reinraumklassen klar definiert bzw. empfohlen – das sind ja Empfehlungen –, wo es dann beispielsweise heißt, man braucht für einen ISO 5 Reinraum eine Zwischenbekleidung, eine Flies-Einweghaube, eine Vollschutzhaube, einen Overall, Mundschutz, Handschuhe – aber auch die Funktion wie z.B. das Partikelrückhaltevermögen, Atmungsaktivität etc. werden klar definiert, und nach diesen Kriterien muss sich dann auch das Reinigungspersonal einkleiden.
In einigen Fällen muss oder möchte man das Fremdpersonal wie z.B. das Reinigungspersonal oder externe Techniker erkennbar machen. In diesen Fällen kann man für die RR-Bekleidung eine Farbe wählen, die von der des Stammpersonals abweicht.

Aber muss es bezüglich Tragekomfort nicht einen Unterschied in der Bekleidung geben zwischen jemand, der sie den ganzen Tag tragen muss, und jemand, der sie nur mal zum Reinigen trägt?
Ein Reinraum-Mitarbeiter, der den ganzen Tag im Reinraum arbeitet, steckt ja auch nicht den ganzen Tag von 7 bis 16 Uhr im Overall. In der Pharma-Branche ist es zum Beispiel so, dass die Mitarbeiter mindestens alle zweieinhalb Stunden den Reinraum verlassen müssen, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter nicht an ihre Grenzen stoßen.

Kann mit der heutigen Reinraumbekleidung wirklich sichergestellt werden, dass im Reinraum vom Menschen keine Kontaminationsgefahr ausgeht?
Die Anforderungen an die Reinraumbekleidung sind und sollten in jedem Betrieb schriftlich festgehalten werden. Die Bekleidung, das Ankleiden und das Tragen der Bekleidung sind fixe definierte Prozesse, die geschult werden müssen, um sicherzustellen, dass diese Prozesse nachhaltig auch reproduzierbar sind. Wenn diese Prozesse eingehalten und laufend geschult werden, dann kann man sehr wohl sicherstellen, dass das Bekleidungskonzept auch die Anforderungen erfüllt. Wobei man das nur dann sicherstellen kann, wenn jeder Mitarbeiter sich tatsächlich an die festgeschriebenen Prozesse hält.

Ich nehme an, dass es auch Weiterentwicklungen bzw. Optimierungen beim Bekleidungsmaterial oder den Bekleidungskonzepten gegeben hat …
Klar hat sich bei den Bekleidungskonzepten in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten auch einiges getan. Man geht mittlerweile von einem zweischichtigen System aus einer Zwischen- und einer Oberbekleidung aus. Einerseits braucht man die Außenschicht als Hauptfilter, und hier geht es natürlich auch darum, den Spagat hinzubekommen zwischen Atmungsaktivität, sprich: Tragekomfort und Filterfunktion. Und weil nicht jede Reinraumklasse gleich hohe Anforderungen hat, gibt es auch unterschiedliche Materialien mit einer höheren oder einer niedrigeren Filterfunktion. Das heißt, man kann schon sagen, je höher die Filterfunktion, desto dichter ist das Gewebe und desto weniger atmungsaktiv – und desto schwieriger ist es natürlich für den Mitarbeiter, darin zu arbeiten. Beziehungsweise je niedriger die Anforderungen an den Reinraum sind, desto atmungsaktiver kann die Bekleidung sein. Aber eines haben sie alle gemeinsam: die Baumwollfreiheit – wegen der Fusseln. Weder reine Baumwollteile noch Mischgewebe dürfen hier zum Einsatz kommen, ausschließlich Kunstfaser, die es in unterschiedlichen Ausführungen gibt – zum Beispiel mit höheren oder niedrigeren  leitfähigen Eigenschaften, oder mit einer wasserabweisenden Oberfläche.

Inwieweit können bei der Reinraumbekleidung auch individuelle Wünsche berücksichtigt werden?
Bekleidungskonzepte für den Reinraum kann man sehr wohl auch individualisieren, auch nach den Wünschen der Mitarbeiter. Man hat hier eine Spanne, innerhalb welcher man sich bewegen kann, soweit man die gestellten technischen Anforderungen erfüllt. So kann man zum Beispiel sehr wohl entweder auf Trikotmanschetten oder auf Gummizüge zurückgreifen, man kann bei den Hauben die Gesichtsfelder oder die Verstellbarkeit anpassen, man kann zum Beispiel für Damen je nach Haartracht den Kopfaufsatz anders gestalten. Und um den Tragekomfort zu steigern, kann man darauf achten, aus welchem Gewebe die Zwischen- bzw. die Unterbekleidung ist.

Werden für den Reinraum eher Einweg- oder Mehrwegkleidungen verwendet?
Sowohl als auch. Als Reinraumbetreiber muss man grundsätzlich die Frage stellen, was genau man schützen muss. In den meisten Fällen schützt man im Reinraum ein Produkt, da geht es nicht um Mitarbeiterschutz bzw. PSA (Personenschutzausrüstung), sondern eben um Produktschutz, und da kommen in den meisten Fällen Mehrwegkleidungskonzepte zum Einsatz. Weil sie atmungsaktiver, umweltfreundlicher und vom Tragekomfort viel angenehmer sind. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier, und wenn wir es vom Privaten her gewohnt sind, Textilien zu tragen, dann möchten wir auch beruflich Textilien und keine Einwegkleidung tragen. Es gibt aber immer wieder auch Fälle, wo der Personenschutz sehr wichtig ist. So wie in den Apotheken, wo Zytostatika oder Gefahrenstoffe hergestellt werden, und da sind Einwegbekleidungskonzepte – oder Einwegzubehörteile wie z.B. Ärmelschoner oder Ärmelschürzen – notwendig, weil die Mehrwegbekleidungen den Mitarbeiter vor Chemikalien nicht schützen können. Mehrwegbekleidungen sind Textilien und haben daher keine Barrierewirkung gegen Flüssigkeiten. Wichtig ist bei den Einwegkonzepten, dass die Einwegbekleidungen nachgereinigt sind, und zwar nachweislich nachgereinigt. Oft werden einfache Industrie-Overalls zweckentfremdet, weil diese bekannt sind, weil man nicht weiß, dass diese bereits von der Herstellung und Verpackung stark verunreinigt sind und weil die Folgen dieser Verunreinigung oft nicht bekannt sind. Viele Betriebe kennen die typischen Einweg-Overalls oder Mäntel aus der eigenen Produktion, wo es darum geht, den Menschen vor Staub zu schützen.
Grundsätzlich ist es so, dass die eingesetzte Bekleidung mindestens unter den gleichen Bedingungen hergestellt und verpackt werden muss, wie sie in deren Einsatzbereich herrschen. Das heißt, ist der Einsatzbereich ein ISO 5 Reinraum, womöglich auch noch ein steriler Bereich, muss das Bekleidungskonzept, welches man in diesem Bereich anzieht, auch mindestens unter ISO 5 hergestellt, nachgereinigt, verpackt und sterilisiert werden, um sicherzustellen, dass man keine Partikel oder Mikroorganismen in den Reinraum hineinschleppt.

Wann, wie oft muss die Mehrwegbekleidung erneuert werden?
Auch hierzu gibt es im VDI klare Empfehlungen. In der Reinraumklasse A/B laut GMP sollte nach jedem Mal Ein- und Ausschleusen eine frische Bekleidung angezogen werden. Das heißt, auch nicht die gleiche Kleidung, die man vor der Pause abgelegt hat, sondern wirklich eine frische. In der ISO 6 zum Beispiel dann weniger, da spricht man von dreimal in der Woche. Das allerdings sind alles „nur“ Empfehlungen. In vielen Fällen definiert der Kunde anhand seiner Erfahrungen und Vorgaben den Wechselzyklus der Bekleidung.

Möchten Sie noch eine Botschaft an unsere Lesergruppe der Gebäudereiniger richten?
Eine Reinraumbekleidung ist genauso ein komplexes System wie ein Reinraum an sich. Einfach nur zu glauben, einen Overall anzuziehen wäre genug, ist ein Irrglaube. Die Reinraumbekleidung muss als System funktionieren, von der Schulung bis hin zu personalisierten Bekleidungskonzepten, die natürlich alle auf die Anforderungen und Bedürfnisse des Reinraumbetreibers abgestimmt sind.
Durch eine offene Kommunikation zwischen dem Reinraumbetreiber, Träger und Bekleidungshersteller können – in den meisten Fällen – Bekleidungskonzepte ausgearbeitet werden, die sowohl den Reinraum-Anforderungen als auch dem Tragekomfort entsprechen.

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