Nur partner­schaftlich funktioniert’s

Spezielle Herausforderungen und Trends in der Schädlingsbekämpfung.

Text: Hansjörg Preims

Der Lebensmittelbereich, von der Lagerung über die Produktion bis zum Vertrieb, ist an sich schon einer der heikelsten Bereiche für den Schädlingsbekämpfer. Zumal hier Schädlingsbekämpfung auch per Gesetz, Verordnung oder sonstigen Regeln wie z.B. dem International Food Standard (IFS) gefordert wird. Mit welchen Schädlingen man es in diesem Bereich zu tun hat, hängt auch von der Branche ab, am häufigsten aber sind es Schadnager und Insekten. Umso herausfordernder ist für den Schädlingsbekämpfer der Lebensmittelbereich in Biobetrieben, wo nur Präparate zur Anwendung kommen dürfen, die ausdrücklich für den Biobereich zugelassen wurden. „Natürlich ist jede Schädlingsbekämpfung in Biobetrieben auch mit einer anschließenden intensiven Reinigung verbunden“, sagt Gerhard Klosterer, technischer Leiter beim international tätigen Schädlingsbekämpfer Rentokil, dessen Hauptzielgruppe eben der Lebensmittelbereich ist.

Der heikle Punkt bei den Bio-Lebensmitteln ist, dass hier die Verwendung von Präparaten auf ein Minimum eingeschränkt ist. Klosterer: „Diejenigen, die bestimmen, was im Biosektor verwendet werden darf, wollen mit so wenig toxischen Mitteln wie möglich Schädlingsbekämpfung machen. Und gerade bei kriechenden Insekten – wie Käfer, die im Produkt leben, Reismehlkäfer zum Beispiel – ist es extrem schwierig, diese mit den Mitteln, welche die Biostelle zugelassen hat, zu bekämpfen.“ Da müsse dann oft sehr viel von den Produkten entsorgt werden, weil die Bekämpfung der Schädlinge einfach nicht möglich sei. „Die Behandlungsmethoden werden hier also ziemlich eingeschränkt“, so Klosterer. „Und wo wir die Behandlung nicht anbieten, weil es kein zugelassenes Produkt dafür gibt, führt das beim einen oder anderen Kunden dazu, dass er zur Selbsthilfe greift. Das Risiko, dass es hierbei zu Problemen mit der Biostelle kommen kann, weil nicht zugelassene Mitteln verwendet werden, ist natürlich hoch!“

Herausforderung Bio-Lebensmittelbereich

Dabei muss gerade im Bio-Lebensmittelbereich der Schädlingsbekämpfer sehr eng mit dem Kunden zusammenarbeiten. „Der klassische Kunde von früher erwartete, dass – banal gesagt – der Schädlingsbekämpfer kommt, Gift sprüht, die Schädlinge dann alle tot sind und er sonst nichts damit zu tun hat. Heute muss man dem Kunden sagen, dass 90 Prozent des Schädlingsbefalles er selbst tilgen muss, indem er Reinigungen durchführt, indem er seine Silos renoviert, zum Beispiel eine Epoxidharz-Folie im Inneren der Silos anbringt, damit es keine Fugen und Ritzen gibt, wo sich zum Beispiel der Brotkäfer aufhalten kann“, erklärt Klosterer. Man müsse dem Kunden also auch sagen, „dass er vor allem einmal einige tausend Euro pro Silo investieren muss, um den Schädlingen keine Versteckmöglichkeit zu bieten.“ Es sei fraglos eine gute Sache, den Schädlingsbefall auf diese Weise bzw. ohne Einsatz von toxischen Produkten im Griff zu haben, aber das bedeute, wie gesagt, auch, dass viel Geld investiert werden müsse, und dazu, so Klosterer, seien manche Kunden einfach nicht bereit. Sie stünden vielmehr auf dem Standpunkt, der Schädlingsbekämpfer habe sich um die Sache zu kümmern, dazu habe man ihn ja, und wenn man nur reinigen solle, brauche man ihn ja nicht.

Deshalb geht man bei Rentokil hier mehr in Richtung Beratung beim Kunden. Teilweise wird sogar das Reinigungspersonal beim Kunden geschult, um zu zeigen, wo die Schwachstellen sind und dass man eben auch mal Maschinen öffnen muss, um den Befallsherd zu lokalisieren und ihn dann wegreinigen zu können, bevor man toxische Mittel einsetzt. „An sich ein guter Weg“, so Klosterer, „nur sind viele Kunden mental noch nicht so weit, dass sie das auch flächendeckend umsetzen wollen. Wenn der Kunde nicht mitarbeiten will, wenn er zum Beispiel sagt, er habe kein Personal dafür oder er wolle baulich, an den betrieblichen Strukturen oder den innerbetrieblich Abläufen nichts ändern, dann ist unsere Grenze als Schädlingsbekämpfer, zumal im Biobereich, erreicht.“

Gezielt beködern, wo die Hotspots sind

„Schädlingsbekämpfung ist grundsätzlich eine partnerschaftliche Sache“, bekräftigt auch Reinhard Hell, Branch Manager bei Rentokil. „Wir geben unseren Kunden immer wieder auch Empfehlungen ab, was sie machen müssen, um das Risiko eines Schädlingsbefalls möglichst gering zu halten, oder wie sie einen Befall tilgen können. Dazu gehören eben Maßnahmen wie Reinigung und Ritzen oder Löcher in der Wand verschließen, damit keine Mäuse hereinkommen kommen, usw. Wenn der Kunde aber sagt, er habe dafür keine Zeit und kein Geld oder das interessiere ihn nicht, er habe ja den Schädlingsbekämpfer, damit dieser ihn schädlingsfrei halte, dann funktioniert es nicht.“

Insbesondere, wenn der Kunde eine Großstadt ist, geht ohne enge Zusammenarbeit nichts. Einer der größten Kunden von Rentokil ist die Stadt Madrid. Dort wird gezielt Schädlingskontrolle durchgeführt. Das ganze Stadtgebiet wird in einzelne Sektoren und Straßenzüge unterteilt, in jedem Kanal ist ein Rattenköder und ein Schabendetektor. „Das wird kontinuierlich kontrolliert, und dort, wo wirklich Befall ist, wird verstärkt beködert“, so Hell, „wo kein Befall ist, fährt man mit der Beköderung zurück.“ Mit dem Endresultat, dass wirklich nur mehr das an Gift ausgebracht wird, was auch unbedingt erforderlich ist. Parallel dazu wird eine Mappe erstellt, wo auch noch Meldungen aus der Bevölkerung hineingespielt werden. Die Stadtverwaltung und Rentokil arbeiten hier sehr eng zusammen. Alle Informationen bezüglich Rattensichtungen und irgendwelcher Befallsmeldungen werden in eine Datenbank eingespielt, dadurch kann man ganz gezielt dort, wo die Hotspots sind, beködern.

Populationen messen und töten in einem

Das ist denn auch der Trend, nämlich dass man von Permanent-Beköderungen abgeht und nur dann und dort bekämpft, wo tatsächlich Befall ist. „Und man versucht“, so Klosterer, „herauszufinden, wie groß Populationen sind, indem man zum Beispiel misst, wo wie viele Ratten diverse Schächte queren.“ Dazu ist derzeit ein Funksystem in der Testphase, das gleichzeitig eine mechanische und vollkommen giftfreie Rattenbekämpfung ist: Es wird ein Gerät in den Kanal eingebaut, das jede in das Gerät eintretende Ratte durch ein per Sensor ausgelöstes „Fallmesser“ tötet und gleichzeitig die Anzahl der getöteten Ratten registriert und speichert, sodass man genau weiß, wie viele Ratten mit diesem Gerät vernichtet worden sind. Die getöteten Ratten werden einfach vom Kanalwasser weggeschwemmt.

Mit der Strategie des gezielten Beköderns in geschützten Boxen, wo die Hotspots sind, will Rentokil auch in Österreich anfangen, man hat es den Gemeinden auch schon vorgestellt. Schließlich soll das wahllose und massive Verteilen von Streuködern jetzt auch von Seiten der EU unterbunden werden. Das Grundübel ist laut Klosterer, dass niemand weiß, wie viele Ratten wirklich vorhanden sind. „Es gibt meist keine Aufzeichnungen und keine strategische Beköderung bzw. Bekämpfung.“ Eine Rattenverordnung wie in Wien sei zwar ein guter Ansatz, leider aber werde hier meist nur vorbeugend Ködermaterial ausgebracht, ohne eine statistische Auswertung, wo wirklich Befall festzustellen ist, um dementsprechend die Bekämpfung in diesem Bereich zu verstärken bzw. im Umkehrschluss bei keinem Befall das Ausbringen von Ködermaterial zu reduzieren. Oft stünden toxische Köder in Kellerabteilen, wo niemals eine Ratte oder Maus zu finden sei. „Heute“, so Klosterer, „bekämpft man gezielt dann und dort, wo Befall ist. Daher versuchen wir auf Gemeindeebene, wirklich strategisch vorzugehen und zu sehen, wo es überhaupt Befall gibt bzw. wo es überhaupt notwendig ist, aktiv zu bekämpfen.“ Und wo man dann auch dranbleiben müsse – bei Rattenbefall im Abstand von einer bis zwei Wochen, solange, bis der Rattenbefall getilgt ist. Denn es nütze nichts, Köder auszulegen und in drei Monaten wiederzukommen, bis dahin habe sich die Population, die den Köder nicht gefressen hat, schon wieder vermehrt.

Immer weniger Einsatz von toxischen Mitteln

Strategisch gezielt und auf die Hotspots konzentriert, aber auch immer weniger Einsatz von toxischen Mitteln – das ist ein weiterer Haupttrend in der Schädlingsbekämpfung, der auch von der EU-Gesetzgebung her forciert wird. „Überhaupt sind Risikominimierungsmaßnahmen derzeit ein großes Thema“, sagt Klosterer, „weshalb sich der Schädlingsbekämpfer natürlich überlegen muss, ob das, was er schon seit je her immer gemacht hat, noch zeitgemäß ist.“ Da gelte es umzudenken. Was dazu führt, dass man verstärkt versucht, physikalische Methoden zum Einsatz zu bringen. Zum Beispiel thermische Behandlungen, indem man Räume aufheizt, zum Beispiel Silos unter Temperatur setzt und dadurch die Insekten drinnen abtötet. „Das erfordert unter Umständen einen höheren Zeit- und Kostenaufwand, aber diese Methode ist komplett frei von toxischen Mitteln und 100 Prozent wirksam“, so Klosterer. „Grundsätzlich ist man immer auf der Suche nach besseren, effizienteren Methoden.“ Neben der Hitze gibt es auch die Verfahren durch Sauerstoffentzug, indem Getreide oder Paletten einer reduzierten Sauerstoff-Atmosphäre ausgesetzt werden, um zum Beispiel Vorratsschädlinge, die sich darin befinden, abzutöten.

„Dieses Verfahren der kontrollierten Atmosphäre wenden wir auch gegen Holzschädlinge an“, ergänzt Reinhard Hell, „indem zum Beispiel Kunstgegenstände in einer Folie eingeschweißt werden und drinnen der Sauerstoff entzogen wird. Es bleibt dann nur Stickstoff zurück, und wenn man das Produkt einige Wochen in dieser Stickstoffatmosphäre belässt, sterben alle Schädlinge ab.“

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One Response to "Nur partner­schaftlich funktioniert’s"

  1. Markus Kohler says:

    Es ist auf jeden Fall sehr zu begrüßen, dass bei der Schädlingsbekämpfung immer weniger giftige Mittel zum Einsatz kommen. Das schont die Umwelt und außerdem ist es auch für den Menschen gesünder.

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