Nicht jede Infektion ist so schön wie küssen

Hygiene im Sanitärbereich

Text: Hansjörg Preims

Wenn Hygiene-Koryphäe Arno Sorger über Hygiene spricht – so wie am diesjährigen Housekeeping-Fachtag in Salzburg –, dann meint er auch das, was es ist: Hygiene hat nicht direkt etwas mit Reinigung zu tun – es ist die Wissenschaft der Vorbeugung von Krankheiten. Und dazu muss man zunächst einmal wissen, wie Krankheiten entstehen können. Im Zusammenhang mit Hygiene im Sanitärbereich im Wesentlichen über drei Wege: in erster Linie durch Infektion, aber – gerade bei Reinigungsmitteln häufig ein Problem – auch Chemikalien können Krankheiten auslösen. Und das Dritte sind endogene Erkrankungen. Also Erkrankungen, die im Körper entstehen, die aber auch durch äußere Reize ausgelöst werden können. Das heißt für die Hygiene im Sanitärbereich nicht weniger als: keine Infektion, möglichst wenig Kontakt mit gefährlichen Chemikalien und keine Reize auslösen.
Wie kommt es zu einer Infektion? Beispiel Hotel: Der Gast kann sich entweder durch den Gast, der vor ihm den Sanitärbereich benutzt hat, infizieren, aber auch – wenn die Etagenkraft die Reinigung nicht sachgemäß durchführt – durch den Gast, der das benachbarte Zimmer benutzt. Es kann passieren durch eingebrachte Mikroorganismen etwa über die Wasserleitung oder durch das Personal selbst, das Mikroorganismen verbreiten kann, auch Stichwort Reinigungstücher wechseln. Dabei ist aber nicht nur vom Gast die Rede, sondern auch das Personal kann sich infizieren. Das heißt, wer reinigt, sollte nicht zuletzt auch an Selbstschutz denken.

Verschiedene Oberflächen als Keimträger

Mikroorganismen können auf verschiedene Arten von einem zum nächsten gelangen. Einmal über den enteralen Infektionsweg, dessen klassisches Beispiel der fäkal-orale Weg ist. Das heißt, irgendwie kommen Fäkalkeime in den Mund eines anderen und infizieren ihn. Wie kommt es dazu? Dass Fäkalien direkt von der Kloschüssel in den Mund des nächsten Benutzers gelangen, ist eher unwahrscheinlich, aber man muss das WC ja auch wieder verlassen. Und dabei bieten sich genügend Gelegenheiten, Keime von verschiedenen Oberflächen, die alle als Keimträger dienen, mit der Hand aufzunehmen. Angefangen beim WC-Papier, wo es wohl kaum einem gelingt, es so abzureißen, dass nicht auch das nächste Blatt mit der Hand berührt wird, bis hin zur Betätigung der Druckseife. Zurück im (Hotel)Zimmer, wird vielleicht der Föhn in die Hand genommen und betätigt. Oder frau erneuert ihr Make up und hat dann häufig ihre eigenen Fäkalien schon wieder im Mund. Vor allem auf dem Makeup-Spiegel sind jede Menge Fäkalkeime zu finden. Oder der Gast schmiert seine Fäkalien in das Stoffhandtuch, die Reinigungsdame kommt, will es entsorgen, und wenn sie keine Handschuhe trägt, hat sie bereits die Fäkalkeime des Gastes aufgenommen.

Viele Wege führen zur Infektion

Weiters gibt es den oral-oralen Infektionsweg, dessen „schönste“ Variante auch als Küssen bekannt ist. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten dazu, auch im Sanitärbereich. Klassisches Beispiel für den oral-oralen Infektionsweg ist der Zahnputzbecher. Man setzt ihn an, hinterlässt Reste am Rand, das Reinigungspersonal spült einmal kurz mit Wasser aus, damit es wieder sauber aussieht, und stellt den Becher wieder für den nächsten Gast bereit. Und die Keime des vorigen Gastes sind noch immer drauf. Einer oral-oralen Infektion im Sanitärbereich steht somit nichts mehr im  Wege.
Auch über die Waschtischarmatur kann der oral-orale Infektionsweg funktionieren, vor allem über Aerosol-Übertragung – und gerade bei Noroviren: Man spuckt in das Waschbecken, zum Beispiel beim Zähneputzen, der nächste Gast dreht auf und die Keime steigen schon wieder zurück.
Eine weitere Infektionsmöglichkeit im Sanitärbereich ist der parenterale Infektionsweg. Klassische Beispiele dafür sind der inhalative Infektionsweg – man nimmt Aerosol auf –, der urogenitale Infektionsweg – jener, wovor die Leute am meisten Angst haben, obwohl er im Sanitärbereich der unwahrscheinlichste ist, weil man dazu schon massiv das Handtuch des Vorgastes benutzen müsste – und der perkutane Infektionsweg über die Haut, Stichwort Hautpilze oder Warzenviren. Bloßfüßig über den Boden laufen und man kann sich eine Fußwarze holen, fast immer durch eine virale Infektion.

Vermeidung von Aerosolen

Die Vermeidung von Aerosolen ist ein besonders wichtiger Hygieneaspekt im Sanitärbereich. Wobei nicht nur die Legionellen so böse sind, sondern auch andere Keime. Der Hintergrund ist der, dass Aerosole nicht nur in der Dusche entstehen, sondern auch am Waschtisch. Wasser aus der Armatur trifft mit hohem Druck auf den Waschtisch und wird dort –  je nach Armatur – unterschiedlich abgelenkt und zerstäubt. Im Gegensatz zur Dusche werden in diesem Fall auch Schmutzteilchen – eventuell mit anhaftenden Mikroorganismen etc. – mitgerissen. Aerosole aus dem Waschtisch sind im Bereich von Intensivstationen als Infektionsherde bekannt. Genau genommen sollten sie aber auch außerhalb der Intensivstation berücksichtigt werden. Durch optimale Bauart von Waschbecken und Armatur können diese Aerosole minimiert werden. Neben der Vermeidung von Lungeninfektionen – aber auch sonstiger oraler Infektionen – wird auch weniger Feuchtigkeit (Aerosolnebel) im Raum verteilt.
Auch die Seifenschale ist ein heißes Hygienethema. Dies aber vor allem außerhalb des eigenen Zimmerbereichs, zum Beispiel in einer Schwimmbad-Dusche, wo die Seifenschale von jedem als Ablageplatz für alles verwendet wird, sodass man dort auch ziemlich alles findet, was zu Infektionen führen kann.

Textilien als Keim-„Verteiler“

Etwas vom Ekligsten aus der Sicht des Hygienikers ist ein Stoffhandtuch auf dem WC. Nicht die Stoffrolle, sondern das Stoffhandtuch, das irgendwo neben dem WC hängt. Damit können die Keime optimal verteilt werden. Die meisten Einrichtungen haben das natürlich nicht, zumindest nicht im Gästebereich, aber wie schaut es im Personal-WC aus? Dort hängt sehr oft noch ein Stoffhandtuch. Auch über die Arbeitskleidung können Keime übertragen werden, überall dort, wo die Reinigungskraft mit der Kleidung ankommt, vornehmlich beim Reinigen einer Dusche und dergleichen.
Das Reinigungspersonal selbst kann sich zum Teil mit entsprechender Händehygiene vor Keimübertragung schützen. Womit der Hygieniker aber nicht nur Händedesinfektion meint, sondern dass das Tragen von Handschuhen beim Reinigen oberstes Gebot ist. Das schützt übrigens auch vor Gefahren für die Gesundheit, die von den chemischen Reinigungsmitteln ausgehen. Dem Gast wiederum hilft das wenig, wenn er zum Beispiel mit Reinigungsmittel-Rückständen in Berührung kommt. Und das geht ebenfalls ganz leicht, wenn nicht fachgerecht gereinigt wurde: Die WC-Brille ist zwar sauberst gereinigt, mit ganz viel Reiniger, wer sich aber nachher draufsetzt, bekommt einen roten Hintern. Weil die Reinigungsmittel-Rückstände die Haut angreifen. Säure- oder alkalische Reiniger, alles was so perfekt reinigt, muss von der Oberfläche auch wieder herunter, sonst bleibt es buchstäblich am Gast, der sich nachher draufsetzt, hängen. Und ebenfalls aufpassen mit allem, was so wunderbar desinfizierend ist: Das „wirkt“ in irgendeiner Form meistens auch relativ gut gegen den Menschen.

Ekelreiz allein kann eine Infektion verursachen

Der Hygieniker assoziiert Hygiene, wie schon eingangs erwähnt, nicht mit Sauberkeit. Sauberkeit kommt für ihn erst dort ins Spiel, wo es um das Thema Ekel geht. Und es reicht oft schon ein Ekelreiz aus, um eine Infektion zu verursachen. Eine Infektion, die man eigentlich, latent und unbemerkt, bereits hat. Wer in seinem Leben schon einmal Fußpilz gehabt hat und über eine nasse, schmutzige Fliesenoberfläche im Schwimmbad geht, dem „verspricht“ der Hygieniker, dass er am nächsten Tag Fußpilz hat. Und diesen Fußpilz hat er sich nicht am Tag davor geholt, sondern es ist eine latente Infektion, die er mit sich herumträgt und die allein durch den Ekelreiz wieder akut wird. Jeder kennt auch die Herpesinfektion, die im Körper latent vorhanden ist: einmal ein schmutziges Glas ansetzen, am nächsten Tag gibt es eine Fieberblase. Schuld war aber nicht das böse schmutzige Glas, sondern allein der Ekelreiz hat dafür gereicht. Oder: Verschmutzungen durch Urinflecken. Urin ist in der Regel steril und absolut harmlos. Ein gesunder Mensch kann ihn trinken, und es passiert ihm nichts. Für Ekelreiz reichen solche Flecken aber allemal. Weiteres Beispiel: Make up und Puder am Waschtisch – kein Thema bezüglich Mikroorganismen, aber der Ekel kann ausreichen, um am nächsten Tag Pickel im Gesicht zu haben. Lippenstift am Zahnputzbecher – ebenfalls ein bekanntes Ekel-Thema.

Hygienemaßnahmen – richtige und sinnlose

Um eine Infektion im Sanitärbereich zu vermeiden, muss man also zunächst einmal wissen, woher sie kommt und wie sie „funktioniert“. Die Desinfektion ist EINE Maßnahme dagegen, aber nur, wenn sie dort angesetzt wird, wo man auch alles „erwischt“. Desinfektion kann aber auch völlig sinnlos sein. Zum Beispiel wenn der Boden mit einem bakteriziden Mittel desinfiziert wird – außer man hat dort ganz schwere Fälle von Tuberkulose. Ansonsten aber gibt der Hygieniker Entwarnung: Die Keime kommen nicht vom Boden bis in den Mund, man braucht den Boden nicht bakterizid desinfizieren. Auch die Duschwand muss aus Hygieniker-Sicht nicht desinfiziert werden, denn unter normalen Verhaltensumständen können Keime nicht von der Duschwand in den Mund gelangen. Die Duschtasse desinfizieren macht Sinn, aber von der Duschwand geht keine Infektionsgefahr aus.
Weitere Desinfektionsmaßnahmen: fungizide Mittel zur Vermeidung von Fußpilz, viruzide, um  die Übertragung von Warzen zu vermeiden – was aber in den wenigsten Fällen gemacht wird. Grundsätzlich gibt der Hygieniker die Devise aus: Entweder man nimmt ein wirksames Mittel oder lässt es bleiben. Saure Reinigung oder alkalische Reinigung ist jedenfalls keine Desinfektion.
Und last but not least: Jeder Mensch hat sein subjektives Hygienebedürfnis. Und die wichtigste Hygienemaßnahme, die man treffen kann, ist, es den Menschen zu ermöglichen, ihre eigenen Hygienebedürfnisse zu erfüllen. Das heißt, wenn ein Mensch die Hände waschen will, soll er sie waschen können, wenn er sie desinfizieren will, soll er sie desinfizieren können, wenn er sich abtrocknen will, soll er das tun können. Das ist die wichtigste Maßnahme gegen Infektionen.

Fachlicher Input: Dr. Arno Sorger, Geschäftsführer und Techn. Leiter der W.H.U. GmbH (Wasser – Hygiene – Umwelt) und Gutachter gemäß §73 LMSVG

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