Kärcher mit Bösch Reinigung

Vorbehaltlich kartellrechtlichem OK steigt Bösch nach 60 Jahren aus dem Reinigungsbusiness aus.

Text: Christian Wolfsberg

Die bedeutenden Komplettanbieter von Reinigungstechnik werden noch deutlich mehr Chancen haben als die Spezialisten, und dadurch wird es eine Marktbereinigung geben“, schrieb Michael T. Grüssinger im „Schlusspunkt“ im September 2009. Im Interview von März 2011 spricht er erneut von „Marktbereinigung“. Drei Jahre später, im Sommer 2012, tritt diese Marktbereinigung ein wenig ein: Im Zuge eines Asset Deals kauft Kärcher Österreich den Geschäftsbereich Reinigung von Bösch, der aber laut Kärcher-Geschäftsführer Michael T. Grüssinger als selbstständiges Unternehmen unter dem Namen Bösch Reinigung GesmbH am Markt aktiv bleibt.
Seit dem Publikwerden dieses Deals Mitte Juni haben wir uns bei den unmittelbar Beteiligten Kärcher, Bösch und Nilfisk, aber auch bei einigen Mitbewerbern umgehört (Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht noch mehr Meinungen einholen konnten, die Zeit und der Platz erlaubte es einfach nicht. Vielleicht gibt es im September weitere Statements.)

Michael T. Grüssinger, Geschäftsführung Kärcher Österreich:

Michael T. Grüssinger

Herr Grüssinger, wollte Bösch schnell verkaufen oder wollte Kärcher schon länger einkaufen?
Von unserer Seite war es so, dass wir Interesse an der Vertriebsorganisation von Bösch Reinigung hatten, erste Gespräche gab es schon einmal vor mehreren Jahren, als sich Bösch von Wetrok getrennt hat. Seitdem haben wir gute Kontakte, und seit einem halben Jahr arbeiten wir an dem, was jetzt abgeschlossen wurde.

Die Mitarbeiter von Bösch Reinigung sollen von Kärcher übernommen werden. Ist das richtig?
Teilweise. Die Abteilung Reinigung bei Bösch wird im Zuge eines Asset Deals von Kärcher Österreich gekauft, bleibt aber als selbstständiges Unternehmen unter dem Namen Bösch Reinigung GesmbH am Markt aktiv.

Vertreibt aber selbstredend nicht mehr Nilfisk-Produkte…
Dort, wo es Ersatzmaschinen gibt, wird Bösch Reinigung Kärcher-Produkte verkaufen, aber das gesamte andere Produktspektrum, das diese Sparte jetzt im Angebot hat, wird sie weiter anbieten.
Das Hauptinteresse von Kärcher soll ja eher die Chemiesparte von Bösch Reinigung betreffen…
Ja. Wegen dem Gerätegeschäft, wo wir ohnehin gut unterwegs sind, hätten wir den Deal nicht gemacht, das wäre irgendwann vielleicht auch so zu uns gekommen – durch gute Arbeit am Markt. Aber im Dienstleistungsbereich mit den Reinigungsmitteln, in den Zielgruppen, in denen Bösch aktiv ist, da sind wir kaum vertreten und sehen es deshalb als ideale Ergänzung zu unserem Angebot.

Welche Zielgruppen konkret?
Zum Teil die Zielgruppe Gebäudereinigung, sehr stark aber die Hotellerie/Gastronomie und der öffentliche Bereich. Es ist jedenfalls eine interessante Option, die wir uns gut überlegt haben. Und unter den gegebenen Rahmenbedingungen wird es eine vernünftige Geschichte für alle Beteiligten, vor allem für den Kunden, weil Bösch Reinigung ja bestehen bleibt, Dienstleistungen und das Service weiterführen wird und die Kundenkontakte und Ansprechpartner die gleichen bleiben. Ich denke, das ist eine runde Sache.

Wann soll dieser Deal organisatorisch über die Bühne gehen?
Das hängt jetzt vom Kartellgericht ab, das über den Deal ja informiert werden muss. Wir hoffen aber sehr stark, dass es mit 1. August 2012 soweit sein wird.

Dr. Robert Janschek, Finanzchef Bösch:

Robert Janschek

Wie kam es zu diesem Deal – oder was lief schief mit Nilfisk?
Ich würde nicht sagen, dass etwas schief gelaufen ist. Nach Überlegungen, wie wir unser Unternehmen in Zukunft aufstellen wollen, sehen wir mehr Rentabilitäts- und Wachstumsmöglichkeiten in unseren zwei Bereichen Heizung und Klima. Dementsprechend haben wir auch überlegt, in welche Struktur wir den Bereich Bösch Reinigung, so wir er jetzt ist, optimal einbinden können. Und das ist uns mit der Firma Kärcher gut gelungen.

War der Anlass dafür der Abgang von Geschäftsbereichsleiter Stefan Dür?
Nein, das hat damit nichts zu tun.

Aber Sie haben ja einen Nachfolger für Herrn Dür gesucht …
Ja. Die Bösch Reinigung GmbH wird es auch weiter geben, im Eigentum von Kärcher und mit Michael Grüssinger als Gesamtverantwortlichen für diesen Geschäftsbereich. Damit ist auch der Nachfolger gefunden.

Seit wann liefen die Gespräche schon? Schließlich ist es ja noch nicht so lange her, das Bösch von Wetrok zu Nilfisk gewechselt hat…?
Die strategischen Überlegungen, die dazu geführt haben, gab es im Jahr 2011. Und was unsere Intention betraf, die Bösch Reinigung mit allen ihren Kundenverbindungen und Mitarbeitern so weiterzuführen, wie wir sie aufgestellt haben, und sie strategisch im Markt auch so zu implementieren, haben die Vertreter der Familie Kärcher unseres Erachtens nach das vernünftigste Angebot gemacht , sodass wir eben mit Kärcher die Gespräche finalisiert haben.

Wurde auch mit Nilfisk verhandelt?
Es ist mit mehreren Marktbegleitern verhandelt worden, und Sie können sich vorstellen, dass man den Hauptlieferanten aus solchen Gesprächen nicht ausschließt. Was mir wie auch der Eigentümerfamilie in dem Zusammenhang ganz wichtig ist: Das, was wir in 6 Jahrzehnten aufgebaut haben, mit der ganzen Verantwortung, die wir gegenüber den Mitarbeitern und gegenüber dem Markt haben, bestmöglich in eine zukunftsfähige Struktur einzubinden – das finden wir in dieser Form gewährleistet, daher haben wir das auch so gemacht.

Stefan Berchtold, Geschäftsführer Nilfisk-Advance Österreich:

Stefan Berchtold

„Zunächst haben wir einen Vertrag mit der Firma Bösch. Dieser Vertrag ist gemäß Stand heute (22. Juni 2012) weder von Nilfisk-Advance GmbH Österreich noch von Bösch gekündigt. Wir gehen davon aus, dass dieser von beiden Seiten eingehalten wird. Sollte es zu einer Kündigung kommen, werden wir zu gegebener Zeit ein Statement abgeben. Der grundsätzliche Anspruch unserer Konzern-Mutter ist es, in allen relevanten Märkten zu den Marktführern zu gehören. Österreich ist ein relevanter Markt. Es ist deshalb nicht relevant, ob sich eine Vertriebsform verändert oder auch nicht. Unsere Kunden können deshalb davon ausgehen, dass wir unseren erfolgreichen Weg in Österreich weitergehen. Bitte um Verständnis, dass die Nilfisk-Advance GmbH Österreich keine Stellungnahme zu internen Themen der Fa. Bösch abgeben möchte.“

Was andere dazu sagen:

Stefan Dür, ehemaliger Geschäftsbereichsleiter der Bösch Reinigungstechnik, gibt sich verständlicherweise verschlossen: „Interessante Ereignisse. Bitte verstehen Sie, dass ich hierzu keinen Kommentar abgeben möchte.“

Judith Stangl-Widmar

Auch für Judith Stangl-Widmar, Stangl Reinigungstechnik, kam die Meldung vom Kärcher-Bösch-Deal „völlig überraschend“. Was im Hintergrund dieser Zusammenarbeit ab- oder schiefgelaufen sei, könne sie nicht sagen, nur so viel: „Wir haben vom Markt einige Rückmeldungen, dass die Ersatzteilverfügbarkeit teils schleppend war und es da und dort Probleme mit der Qualität der Nilfisk-Maschinen gegeben hat.“ Dadurch hat möglicherweise die Akzeptanz der Mannschaft zu wünschen übriggelassen, so Stangl-Widmar.  Jedenfalls sieht sie mit diesem Deal eine große Herausforderung auf Kärcher zukommen: „Die verschiedenen Vertriebskanäle, einerseits Bösch,  die eigene Kärcher-Organisation und dann noch die unabhängigen Kärcher-Händler – die Marktbearbeitung in irgendeiner Form in Einklang zu bringen, wird kein leichtes Unterfangen werden, die Gefahr einer vehementen Unzufriedenheit bei den bestehenden Partnern ist vorhanden. Die weitere Marktbearbeitung zu kanalisieren, die professionelle Kundenbetreuung und vor allem den Kundendienst  sicherzustellen, wird sicherlich eine große Herausforderung für Kärcher werden.  Wir verfolgen jedenfalls die Entwicklung gespannt und sehen uns in der Rolle des interessierten Beobachters“, so die Stangl-Chefin.

Ingo Neumayr

Ingo Neumayer von Cleanfix: „Jeder in der Branche konnte ahnen, dass es eine weitere Veränderung bei Bösch geben würde … wir beobachten unseren Markt und können manchmal Anzeichen deuten, nehmen wir uns wenig Zeit für Spekulationen. Die Zusammenarbeit mit Nilfisk ist die zweite „Umfärbung“ nach der „grünen“ Ära; und dies wird für die eigene Organisation und Kunden nicht ganz einfach zu verdauen sein. Aber Nilfisk hat große immanente Kraft und wird auch den österreichischen Markt weiterhin bedienen. Wir nehmen allerdings an, dass das Portfolio, nach einer Übergangszeit, zu Kärcher-Produkten wechseln wird. Dies könnte auch im Chemie-Sektor im Laufe der Zeit geschehen, da Kärcher in diesem Bereich stark aufgerüstet hat. Unsere Position ist die eines kleineren, sehr stabilen Mitbewerbers in diesem Markt, zumal es sich um ein total eigenfinanziertes Familienunternehmen handelt.“

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