Die Nacht zum Tag gemacht: Das Beispiel Norwegen

Karin Sardadvar

Dr. Karin Sardadvar

Acht von zehn Arbeitsstunden in der gewerblichen Reinigung werden in Norwegen heute in der Tagesarbeitszeit verrichtet. Damit ist Norwegen Spitzenreiter in Europa – gefolgt von Finnland, wo 75 Prozent der Reinigungsarbeit am Tag erledigt werden und Schweden mit 70 Prozent. Der europäische Durchschnittswert liegt indes bei nur 32 Prozent.
Doch auch in der norwegischen Reinigung waren Nachtarbeit und fragmentierte Arbeitszeiten in der Vergangenheit verbreitet. Die heutige Situation in der Branche ist das Ergebnis eines Prozesses, der etwa in den 1980er-Jahren eingesetzt hat. Wie ist dieser Wandel gelungen? Wenngleich die Veränderungen der Beschäftigungsbedingungen in der norwegischen Reinigungsbranche noch nicht lückenlos erforscht  sind, zeigen wissenschaftliche Studien schon jetzt einige zentrale Aspekte auf.
Zum einen waren starkes Engagement und intensive Zusammenarbeit der Sozialpartnerschaft entscheidend. Mit Arbeitgeber- und Gewerkschaftsinitiativen unter Einbeziehung der Kunden haben die Sozialpartner den Austausch intensiviert – und damit auch zu veränderten Erwartungen der Kunden beigetragen.

Zum anderen war der Wandel der Arbeitszeiten in Norwegen eingebettet in einen allgemeinen Professionalisierungsprozess der Branche: In den letzten Jahrzehnten schufen Verantwortliche eine formale Ausbildung, forcierten den technologischen Fortschritt und führten überprüfbare Qualitätsstandards ein. Dadurch erhöhten sich auch die Anerkennung und die Autonomie der Reinigungskräfte.
Ausschlaggebend waren aber auch Kostenüberlegungen: Tagreinigung – in Norwegen im Zeitfenster zwischen 6 und 18 Uhr angesiedelt – kommt günstiger als die Bezahlung hoher Nachtzuschläge.  Und auch der generelle Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen dürfte eine Rolle bei der Schaffung von Vollzeitstellen zur Tageszeit in der Branche gespielt haben, halten etwa die norwegischen Arbeitsforscher Hans Torvatn und Gunnar Lamvik fest.

Eine Veränderung der Arbeitszeiten in der Reinigung hängt eng mit einer Steigerung von Wertschätzung, Sichtbarkeit und Dialog zusammen. Ein Beispiel: Die Reinigungseinheit einer norwegischen Gemeinde (privatisiert und inzwischen wieder re-verstaatlicht) regelt in ihren Verträgen mit den Kunden explizit die „Arbeitsteilung“: Aufgeführt wird, was die Reinigungskräfte übernehmen und was der Kunde (in diesem Fall Schulen, Kindergärten etc.) selbst erledigt. In diesen Verträgen sind auch jährliche Besprechungen zwischen Beschäftigten des Kunden und des Reinigers festgelegt, bei denen gegenseitige Erwartungen geklärt werden können. In anderen Fällen werden Reinigungskräfte in die architektonische Planung von Gebäuden einbezogen – um aus ihrer Expertise auf allfällige Fehlplanungen in Hinblick auf die spätere Reinigung hinzuweisen. All das macht das Reinigungspersonal sichtbarer und anerkannter – wichtige Grundlagen für die gesellschaftliche Wahrnehmung der Reinigungsarbeit, die sich eben auch in den Arbeitszeiten niederschlägt.
Nicht alle Rahmenbedingungen in Norwegen sind auf andere Länder übertragbar – etwa die niedrige Arbeitslosenrate. Und auch die norwegische Reinigungsbranche hat mit irregulärer Beschäftigung und Sozialdumping zu kämpfen. Dennoch zeigt das Beispiel Norwegens in Bezug auf die Arbeitszeiten, dass Veränderungen möglich sind. Es ist kein Charakteristikum der Reinigungsarbeit selbst, dass sie unsichtbar an den Tagesrändern erledigt werden müsste – sondern eine Frage politischer Gestaltung, sozialpartnerschaftlicher Interessenvertretung und gesellschaftlicher Bewusstseinsarbeit.

 

Dr. Karin Sardadvar ist Soziologin und beschäftigt sich als Arbeitsforscherin
bei FORBA (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt) unter anderem mit
den Arbeitsbedingungen in der Reinigungsbranche.

 

 

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