Auf jeden Fall hilfreich

Vor allem Lebensmittel verarbeitende Betriebe, die ein Zertifikat anstreben oder schon eines haben, sind gut beraten, ein elektronisches Schädlingserfassungs- und -dokumentationssystem zu implementieren.

Gerhard Rottenmanner

Gerhard Rottenmanner, Bereichsleiter Schädlingskontrolle am Hygienicum Graz: „Aus dem System kann der Qualitätsmanager oder die Qualitätsmanagerin des Betriebes alle Parameter ablesen, auch die des Vorjahres, und so in Kurven darstellen, wie sich der Schädlingsbefall entwickelt.

Der Schädlingsbekämpfer des Jahres 2019 geht mit dem Smartphone durch den Kunden-Betrieb, wo er ein elektronisches Schädlingserfassungs- und -dokumentationssystem installiert hat – mit Mäuse-, Ratten-, Schaben-, Mottenstationen und UV-Fluginsektenvernichter. Alle Monitoring-Stationen, jeweils mit einer Nummer versehen und mit einem eigenen Farbcode für jede Tierart, sind am Smartphone vermerkt. Zusätzlich ist in unmittelbarer Nähe jeder Monitoring-Station in Scheckkartenformat jeweils ein Nummernkleber angebracht, zum Beispiel „Mäusemonitor Nr. 1“ mit einem durchlaufenden Code bzw. Nummer. Jede dieser Nummern wird nur einmal vergeben, um Irrtümer zu vermeiden. Bei diesem Durchgang durch den Betrieb gibt der Schädlingsbekämpfer die Parameter, die er an den jeweiligen Monitor-Stationen abliest, ins Smartphone ein. Zum Beispiel wenn der – wie ein Müsliriegel kantig geformte, in einer an der Wand befestigten Kunststoffbox positionierte und mit einem Blutgerinnungshemmer versetzte – Wirkstoffköder für Nager einen Verbiss (= abgenagter Köder) anzeigt. Gemessen wird dieser Verbiss in 10-Prozent-Schritten von null bis 100 Prozent. „Das heißt, wenn die Kanten des Köders angenagt sind, kann der Techniker schätzen, wie viel Prozent Verbiss es hier gibt“, erklärt Gerhard Rottenmanner, Bereichsleiter Schädlingskontrolle am Hygienicum Graz.

Wobei es für Nager drei verschiedene Köder-Varianten gibt: den Indikator-Köder mit Wirkstoff bzw. Gift, den ungiftigen Köder (sog. Detex-Blöcke) und Schlagfallen, die über einen Funk- bzw. Piezo-Impuls mit einem Lesegerät verbunden sind, an welchem dann abgelesen werden kann, in welcher Station die Schlagfalle ausgelöst wurde. Und der Kunde bekommt innerhalb von Sekunden eine entsprechende Meldung. Man weiß dann zwar noch nicht, ob wirklich eine Maus in die Falle gegangen ist oder ob zum Beispiel jemand mit dem Stapler drangefahren ist, aber es muss jedenfalls kontrolliert werden.

Installation auf Basis der Grundrisspläne des Betriebes

Die ungiftige Köder-Variante gibt es, weil sehr viele Kunden keinen giftigen Wirkstoff als Permanent-Beköderung im Betrieb haben wollen oder haben dürfen. „Das“, so Rottenmanner, „hat natürlich den Nachteil, dass man öfter kontrollieren muss, und sobald es einen Verbiss am ungiftigen Köder gegeben hat, ist dieser gegen einen giftigen auszutauschen. Man gibt einen giftigen Köder also nur hinein, wenn es beim ungiftigen einen Verbiss gegeben hat. Und wenn am giftigen Köder dann wieder ein Verbiss festgestellt wird, weiß man, dass dieser Nager tot ist, und es kommt wieder der ungiftige in die Box. Und das wird alles dokumentiert.“ In Deutschland sei die Permanent-Beköderung mit Giftködern schon verboten, in Österreich noch nicht, aber es sei nur mehr eine Frage der Zeit, bis dieses Gesetz nach Österreich überschwappe, meint Rottenmanner.
Die Installation eines elektronischen Schädlingserfassungs- und -dokumentationssystems erfolgt auf Basis der Grundrisspläne des Kunden-Betriebes. Nach erfolgtem Vertragsabschluss bringt der Schädlingsbekämpfer anhand dieser Grundrisspläne an den strategisch richtigen Stellen im Betrieb die Monitoring-Stationen für Mäuse, Ratten, Motten, Schaben und Fluginsekten bzw. UV-Vernichter an. Die Stationen werden am Plan eingezeichnet und jeweils mit einer Nummer versehen sowie mit Angaben zu Beschaffenheit der Station, Wirkstoff und Standort. Mit diesen Vermerken wird der Plan dann als digitales Format in das System eingearbeitet.
Die Schaben-Monitore aus Kunststoff, auf- und zuklappbar wie ein Buch, sind ebenfalls umhaust und jeweils mit einer Nummer versehen, innen sind Klebeflächen fixiert, in welche ein Lockstoff eingearbeitet ist. Man kann dann kontrollieren, wie viel Stück in welcher Station kleben, und gegebenenfalls Bekämpfungsmaßnahmen einleiten. Auch in die Motten-Station ist eine Klebefläche eingeschoben, in dessen Kleber Pheromon bzw. ein Sexual-Lockstoff eingearbeitet ist. Auch hier wird visuell kontrolliert, und die Anzahl der gefangenen Tiere wird dann ins System eingearbeitet.

Entwicklung eines Schädlingsbefalls gut darstellbar

Eine solche elektronische Schädlingserfassung und -dokumentation wird hauptsächlich in Lebensmittel verarbeitenden Betrieben eingesetzt, die ein Zertifikat anstreben oder schon eines haben, sei es ein IFS-Zertifikat (International Food Standard) oder der britische Standard, die BRC-Zertifizierung. „Im Zusammenhang mit diesen Zertifikaten gibt es verschiedene Vorschriften, und da ist so ein elektronisches Monitoring-System auf jeden Fall hilfreich“, betont der Experte vom Hygienicum. „Denn aus dem System kann der Qualitätsmanager oder die Qualitätsmanagerin des Betriebes alle Parameter ablesen, auch die des Vorjahres, und so die Entwicklung in Kurven darstellen, sprich: wie sich der Schädlingsbefall entwickelt, ob er zurückgeht oder ansteigt und in welchem Bereich es ein Problem mit Schädlingen gibt. Und wenn festgestellt wird, dass es in einem bestimmten Bereich immer sehr viel Verbiss gibt, muss man dem Problem auf den Grund gehen. Das können  undichte Stellen sein, nicht geschlossene Türen oder es sind durch die Anlieferung Nager hereingelangt.“
Um bei diesen Kontrollen eine Aussage zu bekommen, hat man Schwellenwerte installiert. Rottenmanner: „Das heißt, wenn ein Verbiss über zwei Monate hindurch immer über 50 Prozent ist, also die Hälfte vom Köder weggenagt ist, dann ist der Schwellenwert überschritten, und es gibt einen Maßnahmenkatalog dafür, was dann zu tun ist. Zum Beispiel: die Mitarbeiter darauf hinweisen, die Türen zuzumachen, Kontrolle auf undichte Stellen, Türbürsten anbringen, damit die Spalten geschlossen sind. Oder wenn es zu viele Fluginsekten gibt, könnte es daran liegen, dass es kein Fliegengitter gibt.“ Das gehe so weit, „dass wir in Kunden-Betrieben die gefangenen Fluginsekten dahingehend kontrollieren, ob es hausgemachte Insekten wie zum Beispiel Motten sind oder Insekten, die von draußen hereinkommen.“ Das müsse alles genau protokolliert werden. Wenn zum Beispiel eine Heuschrecke oder eine Wespe von draußen auf der Klebefläche sei, dann eindeutig wegen offener Fenster oder Türen. „Diese sind dann eben zu schließen, auch im Sommer, wenn es heiß ist, denn eine Heuschrecke im Lebensmittelprodukt kommt beim Kunden nicht sonderlich gut an.“

Unterschiedliche Kontrollvorschriften

Für die Kontrollen gibt es unterschiedliche Vorschriften, je nachdem, welches Zertifikat eine Kunden-Firma innehat: Beim IFS-Zertifikat zum Beispiel dürfen die Kontrollen, bei denen die Parameter – Befall, die Zahl der gefangenen Tiere – abgelesen und ins System eingearbeitet werden, nicht länger als zwei Monate auseinander liegen. Beim BRC-Zertifikat wiederum sind diese Kontrollen monatlich durchzuführen. Und beim einfachen HACCP heißt es nur „regelmäßig“. „Einmal im Jahr wäre aber zu wenig, wir machen es daher meistens vierteljährlich“, ergänzt Rottenmanner. Wobei diese Kontrollen nur vom Schädlingsbekämpfer durchgeführt werden können, nicht vom Kunden selbst. „Der Kunde könnte das gar nicht“, so der Experte, „weil er das System zum Einlesen nicht hat. Und das kostet ja viel Geld, auch monatlich, weil es ja auch gewartet werden muss. Das ist quasi ein Mietvertrag. Und die Nager-Monitoring-Stationen sind auch mit einem Schlüssel von uns versperrt, den der Kunde nicht bekommt.“

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