„Am Ball bleiben!“

Wie wird sich der Einsatz von Reinigungsrobotern auf die Dienstleistung auswirken? Darüber diskutierten am „Reinigungstag 2019“ am 22. Oktober in den VIP-Räumlichkeiten des Wiener Allianz Stadions Peter Engelbrecht, Dorfner Gruppe, und Axel Schmitz, Chef der Anwendungstechnik TASKI Gebäudereinigung & Maschinen.

Text: Hansjörg Preims

Reinigung aktuell: Jeder Reinigungsmaschinen-Hersteller hat mittlerweile einen Reinigungsautomaten entweder schon im Programm oder wird demnächst einen vorstellen. Was sollen Reinigungsroboter am Ende können? Wo stehen wir mit dieser Entwicklung jetzt? Und wo wollen wir hin? Herr Schmitz …

Axel Schmitz

Axel Schmitz

Axel Schmitz: Der Trend ist – nicht nur wegen der Überalterung unserer Gesellschaft – klar gesetzt: Unsere Industrie sieht die Zukunft ganz klar in der Robotik. Die Reinigungsroboter, die wir jetzt sehen, sind für die Bodenreinigung gedacht, in den nächsten Jahren werden wir aber eine Entwicklung sehen, wo die Maschinen immer mehr die manuellen Arbeiten übernehmen, zum Beispiel den Abfallkübel leeren, in Zukunft vielleicht auch WC reinigen.

Was braucht der Gebäudereiniger in der Praxis von dieser Technik? Für welche Kunden und für welche Objekte? Und in welchen Geräte-Größenordnungen?

Peter Engelbrecht: Wir Dienstleister müssen höchstes Interesse daran haben zu schauen, was der Markt diesbezüglich hergibt. Zum einen darf man sich der Zukunft nicht versperren, die Geräte gibt es und wird es in Zukunft geben, und sie werden auch gut fahren. Man hat heuer auf der CMS in Berlin ja gesehen, dass es schon einen Entwicklungssprung von vor zwei Jahren auf heuer gibt. Und wir als Gebäudedienstleister müssen natürlich schauen, wo wir hier weiter noch unseren Markt finden. Wir testen gerade ein Gerät am Flughafen München zusammen mit dem Fraunhofer Institut, um noch einmal abzugrenzen, wo die Schwerpunkte, wo die Vorteile, aber auch eventuelle Nachteile sind. Aber eines ist jetzt schon klar: Die Zukunft lässt sich nicht aufhalten, die ersten Anfragen der Kunden, wann wir die Geräte einsetzen können, sind schon verbrieft. Und viele überlegen natürlich auch schon, ob sie den Dienstleister überspringen können,
bzw. überlegen, ob sie, gerade bei Neubauten, diese Automationstechnik direkt beim Hersteller einkaufen, sie in ihr Gebäudeleitsystem mit aufbauen und so zumindest den Teil der Bodenreinigung dem Dienstleister abnehmen können. Dem Dienstleister würden dann nur noch die Randbereiche und die Oben-Arbeiten bleiben. Dieser Weg ist also jetzt schon klar, daher müssen wir Gebäudereiniger uns mit diesem Markt beschäftigen. Wir müssen dem Kunden immer einen Schritt voraus und dementsprechend auch am Markt präsent sein, um am Markt nicht als Kinder der Vergangenheit, sondern als zukunftsorientierte Partner wahrgenommen zu werden.

Welche sind konkret die ersten Einsatzbereiche für Reinigungsautomaten? Im Retail-Bereich zum Beispiel sieht man Roboter-Einsätze bis jetzt nur in Videos, nicht in der Praxis. Für welche Einsatzbereiche ist von der Industrieseite her gedacht, diese Technik zu vermarkten?

Schmitz: Wir hatten unseren Automaten sehr wohl auch schon im Lebensmitteleinzelhandel im Test laufen. Und es hat funktioniert, wir haben derzeit sehr viele Automaten im Retail-Bereich im Einsatz. Aber zum Beispiel auch im Flughafen-Bereich. Und ein Bereich, an den wir vorher gar nicht so sehr gedacht hatten, sind die großen Lagerhäuser, etwa von der Logistik- und Gütertransport-Branche, die großes Interesse an Robotics haben, da in diesen Bereichen möglichst wenig Personenverkehr stattfinden soll und man daher möglichst viel automatisieren will. Ein großer Online-Versandhandel zum Beispiel hat auch einen Sicherheitsbereich, wo kein Mitarbeiter hineingehen darf, aber die Sensoren müssen gereinigt werden. Das sind alles perfekte Einsatzbereiche für die Roboter, die wir jetzt am Markt haben. 

Lohnt sich die Investition in einen Reinigungsroboter? Wenn ja, für welche Bereiche?

Peter Engelbrecht

Peter Engelbrecht

Engelbrecht: Die Geräte sind sehr preisintensiv, sodass man sich schon überlegen muss, wo dabei die Rendite für uns Gebäudereiniger ist. Nur als Spielzeug kauft sich keiner so ein Gerät um 40.000 Euro, zumal man sich ja mit der Technik auseinandersetzen muss. Es wird noch viel getestet, in Bahnhöfen, in Lagerhallen, in Flughäfen – und mittlerweile werden auch in Eingangsbereichen von Krankenhäusern Reinigungsautomaten eingesetzt. Da ist der entsprechende Bedarf angesichts der Personalsituation schon gegeben. Die Frage ist auch, wie stark autark diese Geräte schon sind und wie einfach sie mit dem Smartphone oder per einfachem Knopfdruck zu bedienen sind, der Weg geht anscheinend ja auch da hin. Aber man muss das Gerät zumindest noch vorher befüllen, man muss nachschauen, ob die Bürsten in Ordnung sind und ob das System funktioniert – und am Schluss wieder entleeren, Frischwasser auffüllen und den Akku wechseln. Es ist also schon noch ein Mensch vonnöten, der das Ganze begleitet. Es gibt zwar einen Hersteller, der eine Docking Station hat, wo der Roboter autonom hinfährt, Frischwasser nachfüllt, das Schmutzwasser absaugt und dann den Akku wieder auflädt. Aber das ist eine Frage der Philosophie. Die meisten heutigen Geräte sind Stand alone Geräte, die in einem definierten Bereich autonom fahren, und den Mensch braucht es am Anfang und am Ende.

Wird die Entwicklung dann so sein wie es bei den Mobiltelefonen war, dass jeder Hersteller seine eigene Ladestation hat, jeder seine eigene bauliche Einrichtung beim Kunden? Oder soll das irgendwann normiert werden, so dass der Kunde, was die Ladestation betrifft, nicht an einen einzigen Roboter-Hersteller gebunden ist? 

Schmitz: Jeder Hersteller wird sich den Freiraum erhalten wollen, seine eigene Maschine und sein eigenes Konzept aufzubauen. Das hängt natürlich damit zusammen, wo man die Batterie positionieren kann und welche Art der Batterie ich für mein System am besten finde. Ich glaube also nicht, dass in näherer Zukunft über die Batterien oder Ladestationen ein entsprechender Standard definiert wird.

Gibt es schon Berechnungen, wie lange es dauert, bis eine solche Anschaffung sich amortisiert?

Schmitz: International betrachtet, haben wir Fälle, wo es sich innerhalb eines halben Jahres bezahlt macht. Zum Beispiel im Krankenhausbereich in Australien, wo – normalerweise über Nacht – große Korridore gereinigt werden müssen. Die Lohnkosten für Mitarbeiter sind dort um die 160.000 Australische Dollar, da macht es schon Sinn, Roboter einzusetzen, das amortisiert sich dann schnell, auch zum Beispiel in den skandinavischen Ländern mit ihren hohen Lohnkosten.

Machen Sie, Herr Schmitz, dieses Roboter-Geschäft eher mit Dienstleistern oder eher mit dem Endkunden der Reinigung? Sitzt da der Dienstleister zwischen den Stühlen?

Schmitz: Nein, wir arbeiten eher mit dem Dienstleister als mit dem Endkunden. Weil das Wissen, das im Moment noch benötigt wird, um diese Roboter zu installieren, breiter gefächert sein muss. Diesen Job muss der Dienstleister übernehmen.

Herr Engelbrecht, wo würden Sie ihren Kunden empfehlen, den Reinigungsroboter einzusetzen?

Engelbrecht: Auf jeden Fall auf großen Flächen. Das einzige, was in der Reinigung mit Roboter derzeit funktioniert, ist die Bodenreinigung, und da setzt sich diese Technik in großflächigen Bereichen wie Flughafen, Logistik oder Eingangshallen definitiv jetzt schon durch. Da wird auch der Break even point bald kommen, die Geräte werden dann günstiger bzw. entsprechend erschwinglicher, und man wird dann auch einen entsprechenden Mehrwert dadurch haben.  

Noch einmal zurück zur ersten Frage: Wo stehen wir in der Entwicklung des Reinigungsroboters? Noch in der Testphase? Und wo liegen die Schwerpunkte bei der Weiterentwicklung dieser Technik?

Schmitz: Die nächste Roboter-Generation, die kommen wird und woran wir wie auch die Mitbewerber arbeiten, ist die Vereinfachung der Installation der Roboter. Derzeit ist es noch so, dass man einen Roboter anlernen muss, man muss die Bereiche, die zu reinigen sind, einscannen. Die nächste Generation wird dann im Teach-and-repeat-Verfahren funktionieren, das heißt, ein Mitarbeiter fährt die zu reinigende  Fläche ab, der Roboter merkt sich das und kann es dann immer wiederholen. Und jeder Mitarbeiter weiß, wie er dem Roboter eine neue Fläche anzulernen hat, es muss also kein Spezialist gerufen werden, den Roboter zu instruieren. Die Maschinengrößen werden etwas variieren, sprich: kleinere für kleinere Flächen, größere für größere Flächen. Mit der Robotik im Allgemeinen in unserer Industrie sind wir allerdings erst am Anfang. Da kommt noch mehr. Man hat schon Prototypen gesehen, die die Fensterreinigung mit Drohnen ausführen, und auch für die Toilettenreinigung gibt es schon entsprechende Ideen. Was zu begrüßen ist, denn das sind die Dinge, wo sehr viel manuell gearbeitet wird und wo auch entsprechend hohe Lohnkosten anfallen. Wenn wir uns mit der Robotik auch in diese Richtung hin entwickeln, diese Arbeitsschritte von Robotern ausführen lassen und ein Mitarbeiter nur noch den Prozess überwacht und kontrolliert – so sehe ich die Zukunft.

Das wichtigste bei der Weiterentwicklung der Reinigungsroboter ist die Sicherheit. 2021 wird es denn auch eine neue Norm geben, die betreffend Sicherheit der Roboter wesentlich strenger ist. Derzeit ziehen die verschiedenen Prüfinstitute auch verschiedene Normen und Informationen heran, um ein Gerät zu prüfen, für die Zukunft sitzen die Hersteller alle an einem Tisch, um gemeinsam die neue Norm auszuarbeiten. 

Wo geht es, die globalen Märkte betrachtend, mit der Akzeptanz für Reinigungsroboter am schnellsten? 

Schmitz: Die skandinavischen Länder, die USA, Australien und Neuseeland waren die Länder, die diese Robotik am schnellsten angenommen haben. In Zentraleuropa dagegen noch eher weniger. Am schnellsten ist diese Technik jedenfalls in Ländern mit höheren Lohnkosten akzeptiert worden.

Maßgeblich für die Akzeptanz sind also die Personalkosten?

Engelbrecht: Absolut. Neben den Bereichen, die der Roboter abfährt, wird es aber nach wie vor auch Bereiche geben, wo der Mensch arbeitet – die Randbereiche, die Oben-Arbeiten und sonstige Aufgaben, die im Leistungsverzeichnis stehen. Und das wird sich dann ergänzen. 

Könnte es sein, dass mit zunehmendem Einsatz von Reinigungsrobotern der Dienstleister weniger Geschäft macht? Zum Beispiel ein Kunde mit nur einer großen Lagerhalle, die bisher manuell gereinigt wurde – der kann den Dienstleister durch Einsatz eines Roboters eigentlich umgehen, oder?

Engelbrecht: Das wird auch so sein, sprich: es wird der Tag kommen, an dem auch der Endkunde sagt, er habe sich selber mit dieser Technologie beschäftigt und baue sie in sein System ein. Bestimmte große Einkaufsketten, die so wenig Personal wie möglich haben wollen, überlegen das schon stark. Hier fällt der Auftrag für uns Dienstleister natürlich weg. Trotzdem müssen wir uns mit diesem Thema beschäftigen, um dem Kunden auch einen Schritt voraus zu sein und ihm unter Umständen einen bestimmten Zusatznutzen anzubieten, wie zum Beispiel das System zu warten und zu managen und die Oben-Arbeiten zu machen.

Schmitz: Ergänzen möchte ich noch, dass die Reinigungsroboter. die jetzt am Markt sind, nicht sehr randnah und in die Ecken hineinarbeiten können, wir brauchen also immer noch Mitarbeiter, die Teilarbeiten übernehmen. Deswegen denke ich nicht, dass es ein großer Trend wird, dass der Endkunde direkt, sprich: den Dienstleister umgehend, auf Robotik umsteigt, denn er braucht immer noch den Service der Maschine und auch jemand für die Teilarbeiten, die noch manuell gemacht werden müssen. Somit sehe ich den Gebäudedienstleiser immer noch involviert in den ganzen Prozess. Selbst wenn wir einmal die Toiletten-Roboter haben sollten, wird es immer noch den Mitarbeiter brauchen, der die Maschine instruiert, die Kontrolle übernimmt und auch mit dem Auge arbeitet. Der Mensch bzw. der Dienstleister wird bis auf weiteres immer noch gebraucht. Wie es in 50 Jahren aussehen wird, ist eine andere Frage.

Was wäre das Thema Reinigungsroboter betreffend Ihre Message an die Branche?

Engelbrecht: Sich mit dem Thema beschäftigen ist das A und O. Und wer als Dienstleister selber keine Affinität zu dem Thema hat, sollte jemanden dafür engagieren. Es gibt genügend junge Leute, die entsprechend affin sind und die man dazu motivieren kann, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das bedeutet dann aber auch, einen permanenten Prozess daraus zu machen, nicht nur punktuell sich einmal damit zu beschäftigen. 

Schmitz: Auf jeden Fall sollte man sich mit dem Thema auseinandersetzen, auch kleine und mittlere Betriebe sollten sich regelmäßig informieren, wie weit die Anbieterseite ist, was es Neues auf dem Markt gibt, ob die passende Größe für ihr Objekt dabei ist, sich den kompletten Prozess überlegen und schauen, ob sie da einen Roboter sinnvoll einbringen können, um auch einen Return of Investment zu haben. Also am Ball bleiben, da kommt von der Industrie sich noch etwas, das auch für die kleineren und mittleren Unternehmen interessant ist. Die großen arbeiten auf großen Flächen ja schon mit Robotern, dort wird das mittlerweile auch erwartet.

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