„Wir müssen sehr fleißig sein“

„Die Branche hat enormes Entwicklungspotenzial“, sagt KR Viktor Wagner, Geschäftsführer der REIWAG Facility Services GmbH, im Gespräch mit reinigung aktuell. Wobei es gelte, sich mit bestmöglichen, überlegten Aktivitäten der Markt- und Preisentwicklung anzupassen.

Herr Wagner, wie geht es der Reinigungsbranche in Österreich?
Die Branche steht in Zeiten wie diesen natürlich unter einem enormen Preisdruck. Die Kunden wollen eine Optimierung der Betriebskosten, und dabei spielt auch das Facility Management eine Rolle. Gleichzeitig ist eine bessere Raumnutzung gefragt, sprich: Altbaubüros übersiedeln in neue Flächen mit optimalerer Raumnutzung und entsprechend günstigeren Betriebskosten, und das wirkt sich natürlich auf die Nachfrage in unserer Branche aus. Nicht nur die Großen spüren, dass das Geschäft von Jahr zu Jahr härter wird und der Preisdruck steigt. Da ist auch die Frage, inwieweit man diversifizieren kann. Übrigens finde ich es sehr wohltuend, dass Sie in Ihrem Editorial immer schreiben, die Reinigungsstunde sollte nicht unter 17 Euro eingekauft werden.

Wobei 17 Euro angeblich nur die unterste Grenze ist…
Das stimmt, wenn man korrekt Löhne bezahlt und die Lohnstufen einhält. Jeder Auftraggeber, der nicht 17 Euro als Mindestdurchschnitt pro Stunde zahlt, sollte nachdenken, ob er etwas falsch macht. Dabei ist es doch viel attraktiver und besser, wenn der Dienstleister in einer Pauschale die Möglichkeit hat, mit besseren Technologien, besseren Maschinen und besserer Schulung eine entsprechend höhere Quadratmeterleistung bei hoher Qualität zu bringen. Dann ist die Stundenberechnung zwar intern ein Test und eine Frage, nach außen hin aber nicht mehr so relevant. Das krasseste Beispiel ist das AKH. Ich wurde vom Krankenanstaltenverbund vor Jahren einmal gefragt, wie man vernünftig ausschreiben kann. Meine klare Antwort war: nicht Personalbereitstellung, sondern eine Pauschale für eine Leistung auszuschreiben.

Warum nicht Personalbereitstellung?
Was passiert bei der Personalbereitstellung? Was ist passiert im AKH? Der Dienstnehmer, der den Auftrag bekommen hat, hat überhaupt keine Motivation, tüchtiges statt weniger tüchtiges Personal zu haben. Er hat eine Person bereitgestellt, welche das getan hat, was der Auftraggeber ihm vorgeschrieben hat. Und wenn die Leistung nicht der Vorstellung des Auftraggebers entsprach, wurde die Person ausgetauscht. Die Kreativität des Dienstleisters war dabei null.

Öffentliche Aufträge wurden teilweise unter 13 Euro Stundensatz ausgeschrieben. Die müssten ja wissen, dass das unkalkulierbar ist. Warum kann man nicht zumindest im öffentlichen Bereich etwas tun, dass gesetzliche Mindestanforderungen eingehalten werden?
Diese Frage müssen die Stellen beantworten, die das zu verantworten haben. Ich kann mich da nur Ihrer Meinung anschließen und sagen, dass es hier nicht so läuft, wie es laufen sollte – das ist einfach eine Verzerrung des Wettbewerbs. Firmen sollten doch Geld verdienen können, um Steuern zu zahlen. Auch wenn eine große Bieterfirma behauptet, sie möchte sich den Auftrag als Referenz kaufen, sollte man sie ausscheiden. Am besten wäre ein Verfahren, wo der Billigstbieter und der Teuerste ausgeschieden werden, um sich mit den Mittelbietern zu beschäftigen. Dabei ist das ein Thema, das von eminenter Bedeutung für die ganze Branche und für die nachhaltige Sicherung der Arbeitsplätze ist.

Hat der Preisdruck in dieser Branche existenzgefährdende Ausmaße angenommen?
Existenzgefährdung beginnt dann, wenn ein Unternehmen nicht ausreichend liquide Mittel hat, von Krediten abhängig ist, die es vielleicht gar nicht mehr bekommt oder nicht mehr verlängert bekommt, und einen Zinsen- oder Annuitätendienst zu leisten hat, wo dann der Einbruch in die Verlustzone beginnt. Es ist einfach auch die Frage, wie seriös ein Unternehmen wirtschaftet und ob es ausreichend Eigenkapital hat, um die Sicherheit der Arbeitsplätze und der Firma zu gewährleisten.

Würden Sie generell sagen, dass die Branche gesund ist und gute Zukunftsperspektiven hat?
Ja, absolut. Die Dienstleistungsbranche hat enormes Entwicklungspotenzial. Was hat die Reiwag getan: Wir haben rechtzeitig diversifiziert. Wir sind schon 1991 nach Tschechien gegangen und machen heute rund 50% unseres Umsatz in den CEE- und SEE-Ländern. Unser neuestes Projekt ist in Serbien, wobei das mit Reinigung eigentlich nur noch wenig zu tun hat, sondern mit Umwelttechnologie bzw. Recycling: Wir haben mit der Stadt Novi Sad einen Vertrag abgeschlossen und bekommen in Ballen gepresste Petflaschen zum Recycling. Wir haben einen 10 Jahresvertrag, was in der Dienstleistung von der Nachhaltigkeit ja sensationell ist. Die meisten Gebäudereiniger haben einen Vertrag, der sich, wenn einer Glück hat, jährlich automatisch verlängert.

Würden Sie einem durchschnittlichen, mittelgroßen Unternehmer nach wie vor empfehlen, über die Grenzen zu expandieren?
Nur unter Berücksichtigung bestimmter Parameter. Zunächst einmal muss die entsprechende Eigenkapital-Ausstattung gegeben sein, um mit einer Vorausfinanzierung – die als Risikokapital einzuschätzen ist – in diese Märkte zu gehen. Die nächste entscheidende Frage ist, ob genug Managementkapazität vorhanden ist. Gerade in der Dienstleistung ist die persönliche Ansprache des Kunden von enormer Bedeutung, noch wichtiger als in anderen produzierenden Branchen, wo die Wäg- und Messbarkeit des Produktes ganz anders ist. Kurzum: genug Risikokapital, das man bereit ist, auch als solches zu sehen, die Sicherheit, für den Rest eine Bankenfinanzierung zu bekommen, Marktkenntnisse, einen ausreichenden Businessplan mit Gewinnaussichten und genug Managementkapazität, die geeignet ist, dort verlässlich, ehrlich und anständig dafür zu sorgen, dass man Geld verdient. Dann muss man sich auch genau anschauen, in welcher Stadt oder in welchem Land es bereits einen Verdrängungswettbewerb gibt, wo es noch einen Markt gibt, der attraktiv bzw. noch nicht zu stark besetzt ist. All diese Kriterien gehören sorgfältig geprüft. Allerdings ist es heute schon relativ spät, um nach CEE und SEE zu expandieren. Auch da muss man sehr genau prüfen, wo Rechtssicherheit und Kapitalsicherheit gegeben ist – und wo korrekt bezahlt wird, auch die Lohnnebenkosten und Nichtleistungslöhne. Beispiel Ungarn, wo ein Großteil der Firmen, die dort tätig sind, einfach „grau“ bezahlt, sprich: nur einen Teil des Lohns bar oder über Banken und den Rest schwarz. Tut man das ebenfalls, macht man sich mitschuldig, tut man es nicht, hat man eine Wettbewerbsverzerrung. Die Marktbedingungen sind also ganz wesentlich.

Ähnliches hatten wir ja auch in Österreich mit den Subvergaben. Hat sich das  jetzt durch die Auftraggeberhaftung geändert, verbessert?
Ich bin überzeugt, dass es sich dadurch verändert hat. Das ist auch die sicherste Form, Betrug am Staat zumindest zu minimieren. Denn wie wir alle wissen, sind am Bau oft Subdienstleister beschäftigt worden, die nie die Absicht hatten, Mehrwertsteuer und Löhne zu bezahlen. In Wahrheit hat der Steuerzahler – aus dem Insolvenz-Ausgleichsfonds – für diese Löhne gebürgt bzw. sie bezahlt für die Firmen, die organisierterweise nie im Sinn hatten, zu zahlen. Das ist meiner Meinung nach durch die Auftraggeberhaftung ganz wesentlich reduziert worden.

Trotzdem – die Unternehmen klagen über sinkende Erlöse und dass die Preise von Ausschreibung zu Ausschreibung, von Kunden zu Kunden sinken. Sehen Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma oder müssen einfach alle mitspielen und schauen, wie sie damit zurechtkommen?
Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Wir haben gemerkt, dass wir in Österreich mit mehr Aufwand tätig sein müssen, um annähernd den gleichen Ertrag zu erwirtschaften. Auch in allen anderen Ländern wird der Wettbewerb nicht einfacher. Es gibt keine Branche – außer es ist eine mit einem ganz neuen Produkt –, für die es leichter wird. Es ist eben das täglich Brot der Unternehmen, sich mit bestmöglichen, überlegten Aktivitäten dem Markt anzupassen. Man muss sehr fleißig sein, fleißiger vielleicht als früher. Speziell in Wien kommt noch eine wesentliche Erschwernis der Kostenbasis hinzu – mit drei wesentlichen Faktoren, die den Markt schwerst beschädigen: Die U-Bahnsteuer ist ab 1.Juni von 0,72 auf 2 Euro pro Dienstnehmer erhöht worden – eine Erhöhung um 178 %; die Behindertenausgleichstaxe ist von 223 auf 336 Euro erhöht worden – um 51 %; und ab dem 1.1.2013 gibt es noch eine Auflösungsabgabe, das heißt, jeder Dienstgeber, der jemand kündigt, muss 110 Euro dafür bezahlen. Das sind eigentlich verbesserungswürdige Rahmenbedingungen für das Land Wien, und die Politik sollte sich überlegen, was sie tut, um den Wirtschaftsstandort Wien nicht weiter zu verschlechtern. Schließlich schaffen die Unternehmen sehr viele Arbeitsplätze, zahlen Steuern, und von den Dienstnehmern gibt es wiederum Lohnsteuer. Weiters – die Kopfsteuer als Bestandteil der Behindertenausgleichstaxe: Wir haben speziell in der Gebäudereinigung sehr viele Teilzeitbeschäftigte, was bedeutet, dass wir als Kopfsteuern oft das Doppelte bezahlen im Gegensatz zu jemand, der einen 8-Stunden-Mitarbeiter beschäftigt. Auch das ist eine wesentliche Kostenerhöhung. Kommerzialrat Komarek und ich haben das beim Sozialminister wiederholt thematisiert, und wir suchen jetzt eine gerechtere Lösung. Im Prinzip ist allen Beteiligten bewusst, dass die derzeitige Regelung ungerecht ist. Und bezüglich Behindertenausgleichstaxe sollte man auch wissen, dass es nicht annähernd so viele begünstigte Behinderte gibt, wie man in Relation zur Ausgleichstaxe anfordern könnte. Auch hier gibt es ein Ungleichverhältnis. Wenn der Sozialminister das Geld für verbesserte Behinderten-Einrichtungen verwenden will, ist das gut und schön, aber die Dienstleistung, speziell die Gebäudereinigung, leidet hier in ganz besonderem Maß. Wir haben auch Gespräche mit der Wirtschaftskammer Österreich geführt. Jedenfalls wäre es erfreulich, wenn es hier von Seiten des Sozialministers ein Einlenken auf gerechtere Kosten gäbe.

Gibt es einen Trend zu mehr Bündelung von Dienstleistungen?
Ja. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Kosteneinsparung und eine vereinfachte Form der Dienstleistung mit geringerem Aufwand für den Auftraggeber immer dann passiert, wenn er all by one bekommt. Das heißt, man bündelt Dienstleistungen, und der Facility Services Partner trägt, auch wenn er nicht alles selbst kann, dafür Sorge, dass es gemacht wird, und übernimmt die Verantwortung für die Bündelung. Das funktioniert. Die Reiwag zum Beispiel macht außer in Österreich in allen anderen Ländern auch Hausverwaltung, mit komplett allem, was der Kunde braucht, bis zur Buchhaltung und Mieteintreibung, um seinem Asset Manager alles zu bieten, was er will – konkrete Zahlen mit Qualitätssicherung, dass die Betriebskosten stimmen, einfach dass das Gebäude in einem Zustand erhalten wird, dass es gerne gemietet wird. Wir haben heute ja einen Mietermarkt und keinen Vermietermarkt.

Wie ist Ihre Prognose fürs nächste Jahr – in erster Linie für Österreich, aber auch darüber hinaus?
Österreich, glaube ich, wird weiter spannend bleiben. Wobei die berühmten 17 Euro Stundensatz eine Basis dafür sind, dass Unternehmen gesund bleiben können. Man soll den Unternehmen mehr Chancen geben, kreativ im positivsten Sinn des Wortes und kundenorientiert Dienstleistung erbringen zu können. Ich glaube, es wird nach wie vor gewisse Zuwachsraten geben, die allerdings gefährdet sind, wenn die Flächen nicht zuwachsen. Man muss als Dienstleister überlegen, welche kreative Dienstleistung man noch bieten kann, die nicht unbedingt flächenabhängig ist. Zum Beispiel Rezeptionsservice oder sonst ein noch besseres Dienstleistungsservice.
Der CEE- und SEE-Markt ist sehr differenziert zu betrachten. Polen zum Beispiel hat eine ganz andere Basis als fast alle anderen Länder. Polen ist heute ein Land, wo gerne investiert wird, auch von internationalen Fonds – im Gegensatz zu Österreich. Österreich wird von den internationalen Investmentsfonds eigentlich links liegen gelassen.

Warum wollen die internationalen Fonds nicht nach Österreich?
Das ist natürlich eine spannende Frage. Einerseits ist Wien noch im unteren Drittel der Mietkosten, sodass wir, was Mieterträge betrifft, noch Potenzial nach oben haben. Es ist traurig, aber eine Tatsache, dass die Fonds Wien derzeit eher meiden. Warum das so ist, müsste man Fondsentwickler oder Fondsinhaber fragen. Jedenfalls wäre es gut, diese Fonds auch nach Österreich zu holen. Wobei dann auch die Frage ist, wie hoch die Ertragslage des Fonds ist, was er kauft, wie die Nachfrage nach Immobilien ist und ob er einen Return of invest bekommt – der derzeit am Wiener Markt nicht so leicht zu bekommen ist.

Gibt es ein Überangebot?
Wie schon eingangs erwähnt – es findet derzeit ein klarer Wechsel von Altbaubüros in neue, moderne Bürogebäude statt, wo die Raumnutzung und die Betriebskosten günstiger sind. Aber noch einen Satz zur Fläche: Es ist ganz wichtig, dass der Wirtschaftsstandort  Wien weiter expandiert, denn tut er es nicht, gibt es weniger Büro- oder Logistikfläche. Das bedeutet für den Dienstleister eine Reduktion der Möglichkeit zu Auftragszuwächsen. Wenn Firmen zusperren, gehen ganz einfach Aufträge verloren, wenn hingegen Ansiedlungen stattfinden, weil der Wirtschaftsstandort attraktiv ist, gibt es für die Dienstleister neue Aufträge, es gibt mehr Arbeitsplätze und mehr Steuereinnahmen.

Da ist allerdings weniger die Branche gefordert, als vielmehr die Politik…
Danach muss man eben rufen. Die Politik hat eine Verantwortung. Aber auch jeder von uns hat ab einem bestimmten Zeitpunkt eine soziale Verantwortung, die er versuchen sollte wahrzunehmen. Ich habe als Wien-Chef des Wirtschaftsforums der Führungskräfte und stellvertretender Bundesvorsitzender zum Beispiel das sogenannte Ministerfrühstück eingeführt, wo wir als Führungskräfte 12 Mal im Jahr mit einem Minister oder einem anderen Opinionleader der Politik als Gesprächspartner versuchen, unsere Anliegen zu deponieren. Wir alle sind von Einflüssen und von Informationen abhängig. Ich glaube, es ist eine Aufgabe der Unternehmer und der Topmanager, auch die Opinionleader in unserer Gesellschaft mit Informationen, die unsere Meinung darstellen, zu versorgen. Je mehr Informationen fließen, umso eher gibt es eine Ausgewogenheit im schönen Österreich. Hoffentlich bleibt es so schön.

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